Gunther von Hagens im Dezember 2019 neben einem Exponat im Heidelberger „Körperwelten“-Museum.
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Gunther von Hagens im Dezember 2019 neben einem Exponat im Heidelberger „Körperwelten“-Museum.

Gunther von Hagens

Der Polarisator

Mit seinen „Körperwelten“ hat Gunther von Hagens die Menschen gleichermaßen fasziniert und aufgebracht. Am Freitag wird er 75.

An diesem Morgen um die Jahreswende ist Gunther von Hagens nicht in bester Verfassung. Die Sprache des Mediziners, die wegen seiner Parkinsonerkrankung schon undeutlich ist, ist noch weniger verständlich als sonst. Seine zweite Ehefrau Angelina Whalley und sein Sohn Rurik von Hagens (38) dolmetschen. „Ich habe drei Fehler gemacht“, sagt selbstironisch der schmale große Mann, der am heutigen Freitag 75 Jahre alt wird. „Ich habe zu lange familiäre Gemeinschaft geübt, zu wenig geschlafen und Kuchen gegessen.“ Hagens hielt bis vor wenigen Jahren Schlafen für Zeitverschwendung. Heute bremst die Krankheit den Wissenschaftler aus.

Doch der wegen seiner Ausstellungen von plastinierten Leichen umstrittene Anatom hat sich nicht in den Ruhestand verabschiedet; er feilt noch immer an der Plastination, einer Konservierungsmethode, die er hat patentieren lassen. Sie basiert auf dem Austausch des Körperwassers durch Aceton und einem Entzug des Acetons mit anschließendem Zuführen in einer Vakuumkammer. Zuvor mussten sich Studenten mit Wachsmodellen oder in Formaldehyd eingelegten Präparaten begnügen, um den menschlichen Körper zu erforschen.

Den Körper oder Teile davon auf diese Weise von innen zu stabilisieren und so Muskeln, Knochen und innere Organe geruchlos und trocken für den Betrachter sichtbar zu machen, ist seine Lebensaufgabe. Derzeit entwickelt er neue Kunststoffe, die bei hoher Stabilität selbst die winzigsten Gefäße im Detail zeigen. Dafür experimentiert er mit Schweinenieren und kehrt damit zu seinen Anfängen in Heidelberg zurück. Am Institut für Anatomie der dortigen Universität erfand er 1977 die Plastination. Sein erstes konserviertes Organ: eine Niere.

Aus diesen Anfängen entstanden Jahrzehnte später aufsehenerregende Ausstellungen, die „Körperwelten“ mit Ganzkörperplastinaten in unterschiedlichen Situationen, beim Schachspielen, Sport oder beim Sex. Für manche überschreitet er damit eine rote Linie, andere können sich der ganz eigenen Ästhetik der Objekte und ihrem morbiden Charme nicht entziehen.

Bis heute haben rund 50 Millionen Menschen die Wanderausstellungen und vier Dauerausstellungen besucht. Die öffentliche Zurschaustellung der menschlichen Präparate entspringt der Idee der „Demokratisierung der Anatomie“, wie von Hagens es nennt. „Tod und Anatomie waren lange ein Privileg etablierter Mediziner, die hinter verschlossenen Türen vor sich hinwerkelten.“ Der Mann mit dem schwarzen Hut sieht sich als Aufklärer. „Ich will mit meinen Plastinaten die Vergänglichkeit des Menschen zeigen und darüber informieren, wie man den Körper negativ oder positiv beeinflussen kann.“ Dazu stellte er eine dunkle Raucherlunge einer hellen Nichtraucherlunge gegenüber.

Von Hagens hat sich weder von Rechtsstreitigkeiten noch von Kirchenleuten und Politikern, einschüchtern lassen. Die Kritik macht sich insbesondere an der Störung der Totenruhe fest – für von Hagens ein überholtes Argument: „Die Totenruhe ist ein Begriff aus einer Zeit, als man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit wusste, wann ein Körper tot ist. Mit der Totenruhe wollte man vermeiden, dass jemand lebendig begraben wird.“

Trotz oder gerade wegen der Diskussion über den Umgang mit Tod und Toten strömen die Menschen in die „Körperwelten“. Die erste Ausstellung 1995 in Tokio war ein Publikumsmagnet. Es kamen mehr als 450 000 Besucher in vier Monaten, eine Zahl, die alle Erwartungen sprengte. Die Mannheimer „Körperwelten“ besuchten 1997/98 in vier Monaten 780 000 Gäste.

Von Hagens pendelt zwischen Heidelberg und dem brandenburgischen Guben. Im dortigen Plastinarium stellen 46 Mitarbeiter Plastinate vor allem für universitäre Zwecke her. Die massenweise Herstellung warf Fragen auf, etwa, ob es für alle Körperspenden auch zu Lebzeiten die Einwilligung zur Plastination gibt. Das bejaht das Paar und verweist auf die 19 000 Körperspender, die sich notariell hätten registrieren lassen. „Wir haben“, sagt von Hagens, „eher zu viel als zu wenig Leichen im Keller.“

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