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Minh Thu Tran und Vanessa Vu haben sich auf der Deutschen Journalistenschule kennengelernt.

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Podcast „Rice and Shine“: Das Private ist politisch

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Sie interviewen vietnamesische "Boat People", sprechen über Leistungsdruck, Rassismus und Bubble Tea: Die Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu machen vietdeutsche Perspektiven sichtbar.

Als die Stimme von Trần Văn Huyền bricht, ist es auch um die Zuhörerin geschehen. Der alte Mann erzählt von dem Moment vor 40 Jahren, als er mitten im südchinesischen Meer die Cap Anamur zum ersten Mal erblickte. Für ihn und die anderen vietnamesischen Geflüchteten auf seinem Boot war es eine Rettung in letzter Minute.

Kurz zuvor waren sie von Piraten überfallen worden. Die hatten den Motor zerstört, alle jungen Männer ins Wasser geworfen und die Frauen vergewaltigt.Trần Văn Huyền selbst überlebte nur, weil er zur Unterseite des Bootes geschwommen und sich am versteckten Wassertank des Bootes festgehalten hatte. Doch nach den vielen Stunden im kalten Wasser war er dem Tod nahe, als ihn die anderen Überlebenden wieder aufs Boot zurückzogen.

Als sie die Hoffnung auf Rettung fast aufgegeben hatten, sahen sie den alten Frachter kommen, die Cap Anamur: „Als wir gehört haben, wie eine Person über Lautsprecher sagte ‚Bewahren Sie bitte Ruhe, wir sind hier, um Bootsflüchtlinge zu retten‘, da haben wir alle geweint. Wir waren so froh.“ Bis heute hört man dem alten Mann die Überwältigung an.

Erzählt hat er seine Geschichte den Journalistinnen Minh Thu Tran und Vanessa Vu. „Boat People“ heißt eine der jüngsten Folgen ihres großartigen Podcasts „Rice and Shine“, den sie seit Anfang 2018 betreiben. Kennengelernt haben sich die beiden auf der Deutschen Journalistenschule in München, wo sie schnell feststellten, dass ihnen in der deutschen Medienlandschaft schon seit ihrer Jugend eines fehlt.

Ein Format, das sich mit den Geschichten und Perspektiven von Vietdeutschen beschäftigt. Dabei sind keineswegs alle Episoden so ernst und emotional wie jene über die „Boat People“. Denn Vu und Tran interessieren sich zwar für Politik und Geschichte, doch sie sind auch Food-Fanatikerinnen, quatschen über Bubble Tea, das vietnamesische Neujahrsfest oder die Frage, warum so viele Vietnames*innen Nguyen mit Nachnamen heißen.

Podcast "Rice and Shine": Journalistisches Handwerk trifft auf persönliche Erfahrungen

Für ihre monatlichen Folgen legen sich die beiden Frauen – die ihr Brot eigentlich bei „Zeit Online“ und dem Deutschlandfunk verdienen – ziemlich ins Zeug. Allein für „Boat People“ haben sie nicht nur drei Überlebende interviewt und intensiv zur damaligen politischen Lage in Vietnam recherchiert, sondern auch Cap Anamur-Mitgründerin Christel Neudeck und die Mutter von Do Anh Lan getroffen, der 1980 kurz nach seiner Ankunft in Deutschland von Neonazis ermordet wurde.

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Dass Vu und Tran ihr journalistisches Handwerkszeug bestens beherrschen und in den halb- bis einstündigen Episoden regelmäßig Reportage-Elemente und spannende Interviews einbauen, ist einer der Gründe, der „Rice and Shine“ so hörenswert macht. Viele andere Podcasts kranken daran, sich zu sehr auf den Unterhaltungsfaktor eines Zwiegesprächs zu verlassen – und dadurch immer wieder in Belanglosigkeiten zu zerfasern.

Doch mindestens genauso sehr lebt „Rice and Shine“ von den vielen persönlichen Einblicken, die die beiden Journalistinnen gewähren. Sie erzählen von den Erfahrungen ihrer Eltern, die als Vertragsarbeiter*innen kamen und sich in der deutschen Industrie oder beim Putzen die Finger wund schufteten, aber auch von der Entfremdung, die sich durch den eigenen sozialen Aufstieg zwischen sie und ihre Eltern schlich.

Minh Thu Tran und Vanessa Vu erzählen von deutschen "Ersatzverwandten" und vietnamesischen Ossis

Sie erinnern sich an deutsche „Ersatzverwandte“ und machen sich darüber lustig, wie dieselben weißen Freunde, die sich früher in der Schule über ihr vermeintlich komisch riechendes Essen mokierten, heute von vietnamesischer Küche schwärmen und Pho oder Sommerrollen zu ihren Lieblingsgerichten erklären.

Immer wieder laden die beiden auch andere Vietdeutsche der ersten und zweiten Generation in ihren Podcast ein oder lassen sie zu Wort kommen. Die individuellen Geschichten, die der Podcast auf diese Weise versammelt, stehen einerseits für sich und öffnen Fenster in ganz unterschiedliche Lebensrealitäten. Zugleich ist das Private bei „Rice and Shine“ immer auch politisch.

Als Vu und Tran etwa im Sommer mit der in Thüringen aufgewachsenen Autorin Nhi Le über die Situation der „Vossis“ – vietnamesischer Ossis – sprachen, wurde daraus auch ein Ausblick auf die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Mit der Psychologin Main Huong Nguyen besprachen sie, wie sich Traumata von Einwanderern auf deren Kinder auswirken.

Und wenn Trần Văn Huyền im Podcast mit leiser Stimme erzählt, dass er den Seenotrettern der Cap Anamur sein Leben verdankt, dann kann die Zuhörerin gar nicht anders als darin auch einen Kommentar zur unsäglichen Diskussion um die Seenotrettung im Jahr 2019 zu sehen.

Minh Thu Tran und Vanessa Vu: Rice and Shine, zu hören über gängige Apps wie den iTunes-Podcatcher.

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