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2015 in Berlin: Fritz von Weizsäcker mit Schwester Beatrice von Weizsäcker (l.) und Mutter Marianne von Weizsäcker.

Angriff

Und plötzlich springt einer auf

Nach der tödlichen Attacke auf Fritz von Weizsäcker herrscht an einer Berliner Klinik Fassungslosigkeit. Hier wurde der Mediziner am Dienstag während eines Vortrags erstochen - von einem Zuhörer.

Am Tatort hängt am Tag danach noch ein Zettel: „Konferenzraum gesperrt“. Vor der Berliner Schlosspark-Klinik sind Kamerateams und Polizeiautos zu sehen, ein Sicherheitsmann passt auf, dass der Betrieb weitergehen kann.

Wie schockierend es gewesen sein muss, was sich am Dienstagabend hier abgespielt hat, lässt sich nur erahnen: Der Chefarzt Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, wird während eines Vortrags mit einem Messer attackiert. Er stirbt noch vor Ort.

Der Tatverdächtige ist festgenommen worden. Es ist ein 57 Jahre alter Mann, vorher noch nicht polizeibekannt. Das Motiv ist noch unklar. Das Opfer ist ein renommierter Mediziner, aus einer der bekanntesten deutschen Familien. Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigt seinen Cousin Fritz am Morgen danach mit warmen Worten.

„Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte Ernst Ulrich von Weizsäcker. „Ich habe ihn ungewöhnlich liebgehabt.“ Er habe keine Ahnung, was hinter dem Verbrechen stecken könnte. Fritz von Weizsäckers Schwester Beatrice postet bei Instagram ein Kreuz. In der Krankenhauskantine erzählt eine Angestellte am Tag danach, dass der Chefarzt ein sehr netter Mensch war.

Die Klinik hat sich da noch nicht geäußert, am Morgen berät man sich noch. Klar ist: Es ist ein Verbrechen vor Publikum, der Schock ist besonders groß. Die Notfallseelsorge Berlin schaltet sich ein. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bekundet ihr Beileid, sie sei bestürzt über die Nachricht vom tödlichen Angriff.

Sie verurteile Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte „aufs Äußerste“. Dass Menschen, die anderen helfen und Leben retten, so etwas passiere, erschüttere sie besonders. „Mein Dank und Respekt gilt den Teilnehmenden der Veranstaltung, die Zivilcourage gezeigt haben.“

Ein Rückblick: Ein unauffälliges Plakat lädt zum öffentlichen Vortrag in der Schlosspark-Klinik. Um „Fettleber – (K)ein Grund zur Sorge?“ soll es gehen. Gut ein Dutzend Menschen finden an diesem kalten, nassen Novembertag zu dem Krankenhaus am Rande des Schlossgartens in Charlottenburg. Beim „Forum 11/2019“ im Tagungsraum Haus H der Abteilung für Psychiatrie spricht Dozent Fritz von Weizsäcker.

Er ist Chefarzt an der Schlosspark-Klinik. Es geht um sein Fachgebiet, „die Fettleber, eine weitgehend unbekannte, aber zunehmende Volkskrankheit“. Nach ersten Ermittlungen löst sich während des Vortrags plötzlich ein Mann aus der Reihe der Zuhörer. Der Mann stürmt auf den Dozenten zu.

Ein 33-jähriger Polizist, der zufällig unter den Zuschauern sitzt, versucht noch, den Mann aufzuhalten und überwältigt ihn. Der Beamte in seiner Freizeit wird dabei selbst schwer verletzt. Er wird später in ein anderes Krankenhaus gebracht, wurde operiert und ist nicht in Lebensgefahr.

Gegen 19.00 Uhr geht bei Feuerwehr und Polizei ein Notruf ein, Rettungssanitäter und ein Notarzt eilen zu Hilfe. Sie können dem schwer verletzten Spitzenmediziner nicht mehr helfen. Ein Wiederbelebungsversuch bleibt erfolglos. Fritz von Weizsäcker ist tot.

Die Ermittlungen der Polizei laufen. Wurde er in der Rolle als Arzt angegriffen, gab es ein privates Motiv, oder war der Täter psychisch krank? Auch die Familie von Weizsäckers soll befragt werden, ob es möglicherweise Hinweise auf eine Bedrohung des Internisten gegeben hat.

Der Angreifer soll indes in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Dies wolle man in Hinblick auf eine „akute psychische Erkrankung“ beantragen, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwoch mit.

Das Opfer, der 1960 in Essen geborene Mediziner Fritz von Weizsäcker, stammte aus einer berühmten Familie. Sein Vater Richard von Weizsäcker (1920–2015) war von 1984 bis 1994 Bundespräsident, zuvor 1981 bis 1984 für die CDU Regierender Bürgermeister von Westberlin. Seine Mutter ist die frühere deutsche First Lady Marianne von Weizsäcker (87).

Seine Eltern hatten 1953 geheiratet. Richard von Weizsäcker arbeitete damals als Jurist beim Unternehmen Mannesmann. Bis 1962 wohnte die Familie in Essen und Düsseldorf, zog dann nach Ingelheim und 1967 nach Bonn. Fritz von Weizsäcker war das jüngste der vier Kinder. Sein Bruder Andreas starb 2008, es leben noch die Schwester Beatrice (61) und der älteste Robert Klaus (64).

Esteban Engel und Gerd Roth, dpa

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