+
„Vorurteile sind die Bruchstücke alter Wahrheiten.“

Brüche

Und plötzlich ist alles nichts

  • schließen

Der friedliche Umbruch 1989 war auch ein schmerzlicher.

Wir waren zwölf, als wir unsere Heimat verloren – oder besser: einen großen Teil davon. Ich weiß nicht mehr, was zuerst weg war: das Brausepulver für zehn Pfennig das Tütchen, in das wir unsere nassen Zeigefinger tunkten, bis sie knallrot oder quietschgelb waren. Oder die Gewissheit, was richtig war und was falsch.

In meiner Erinnerung erscheinen die Monate nach dem 9. November 1989 wie ein einziger großer Wirbel. Ein Wirbel, der unser Leben einsaugte und wenig später etwas ausspuckte, was mit dem, was wir kannten, kaum noch etwas zu tun hatte.

Es verschwand unsere Schule. Nicht das Gebäude, das war noch da. Doch statt der „Polytechnischen Oberschule Ernst Thälmann“ beherbergte es nun das „Carl-von-Linné-Gymnasium“. Wir wussten nicht, wer von Linné war, und auch nicht, wer entschieden hatte, dass mehr als die Hälfte unserer Klasse für diese neue Schule nicht taugte. Unsere Direktorin konnte es nicht gewesen sein, obwohl die, so dachten wir, doch kompetent genug für ein solch schwieriges Verfahren war. Immerhin hatte sie den Vaterländischen Verdienstorden, den höchsten Orden der DDR, für ihre pädagogischen Verdienste erhalten. Doch sie hatte sich von uns Schülerinnen und Schülern verabschiedet, mit einem offenen Brief, in dem sie sich für ihre Fehler entschuldigte und doch betonte, stets nur unser Bestes gewollt zu haben. Unsere Pionierleiterin war auch gegangen, ganz ohne letzten Gruß.

Es verschwand unser Konsum an der Bushaltestelle. Und mit ihm Frau Küster mit der dunkelroten Dauerwelle, die mir heimlich Päckchen mit Fleisch, Bananen oder Kaffee über die Ladentheke schob und auch mal ein Tütchen Brausepulver zu kassieren vergaß. Es verschwand mein Lieblingseis, meine Lieblingsschokolade, mein Lieblingsbrötchen. In dem großen Supermarkt, zu dem jetzt alle fuhren, gab es viel mehr Sachen, leckere auch, aber eben andere.

Es verschwanden Straßen, Häuser, Nachbarn. Die Leninallee hieß quasi über Nacht Lindenallee. Von den großen Wohnblocks, in deren Schatten wir spielten, wurden Dutzende abgerissen, weil die, die es sich leisten konnten, ein Häuschen am Stadtrand bauten. Es verschwand der Jugendtreff, weil er auf einmal als links galt – was war das eigentlich? – und von den Rechten – woher kamen die eigentlich? – in Brand gesteckt wurde.

In den Familien meiner Freundinnen und Freunde verschwanden Väter oder Mütter. Sie suchten sich Jobs im Hunderte Kilometer entfernten Westen, weil ihr Betrieb verschwunden war oder ihr Beruf. Wer brauchte schon einen Dispatcher, wenn kein Plan mehr zu erfüllen war. Oder sie saßen den ganzen Tag zu Hause, körperlich anwesend zwar, doch mit dem Kopf woanders, versunken in bittere Grübeleien. Sie konnten uns nicht erklären, warum so viele unerschütterlich geglaubte Wahrheiten nicht mehr galten und was an ihre Stelle treten sollte. Sie wussten es selbst nicht.

In den Monaten nach dem 9. November 1989 bewegten wir uns nicht von der Stelle – und verloren trotzdem unser Zuhause. Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, wissen wir noch immer, wie schwer es sein kann, in einem neuen System Fuß zu fassen. Wie sehr man manche kleinen Dinge des Alltags vermissen kann. Das ist eine Erfahrung, die wir Ostdeutschen mit Migranten und Geflüchteten teilen. Heute böte diese Verbindung die Chance, ein Miteinander zu finden, wo rechte Hetzer das Auseinander beschwören. Es wäre höchste Zeit, sich darauf zu besinnen.

Holzhaus, später

Das verhältnismäßig kleine Haus aus Holz war nicht dazu gedacht, so lange zu stehen. Vor gut 80 Jahren war es ein Hammer, dass überhaupt gebaut wurde. Noch Jahrzehnte danach hieß es gelegentlich, da habe der Großvater später noch etwas „Richtiges“ machen wollen. Die großen Häuser in der Umgebung sind teils viel älter, teils viel jünger. Könnte das ziemlich kleine Haus denken, würde es mit Blick auf die jüngeren zu Recht denken: So wird es hier also aussehen, nach mir. Im Sommer bauschen die Bäume über den Gartenzaun.

Es gibt noch Möbel, in denen es nach früher riecht, Parfüm, Puder, Alkohol, die Spur von Schimmel, die erst Erwachsene problematisch finden. Es gibt die Ecke, in die lange vor unserer Zeit der Pudel Falki gekläfft haben soll, während die damals erwachsenen Frauen der Familie eine besonders erfolgreiche Séance abhielten. Es gibt eine Treppe, die alle schon heruntergefallen sind, ein Großonkel dritten Grades angeblich absichtlich, um bleiben und schamlose Heiratsabsichten verfolgen zu können (vergeblich). Es gibt so viele Zimmerchen, dass der liebeskummervolle Lieblingsonkel (viel jünger als wir jetzt) wieder für eine Weile einziehen konnte.

Seine beste Seite zeigte das Haus aber, als seine wichtigste Bewohnerin nicht mehr wusste, wo sie war, und nach Hause wollte, um dann doch Mal für Mal irgendwann festzustellen, dass sie da war. Nämlich gleich das Wohnzimmer fand, wusste, wo die Küche ist, und die gemeingefährliche Treppe trotz allem umsichtig betrat. Das überzeugte sie. Das ist ein Zuhause. Nicht für die Ewigkeit, aber mit Glück für länger. (Judith von Sternburg)

Schnell daheim

Mein Vater war kein Rolling Stone, und auch ich bin noch nicht so viel und so weit rumgekommen, dass ich stolz ausrufen könnte: „Wherever I lay my head is my home!“ Aber über die Jahre ist mir aufgefallen, wie schnell wir – also meine Frau, unsere Kinder und ich – von „Zuhause“ sprechen, wenn wir uns an einem Ort nicht nur für eine Nacht niederlassen. Die Ferienwohnung auf Rügen, das Apartment an der Algarve, die Wohnung der alten Freundin in Oakland – es dauert höchstens ein, zwei Tage, da ist dieser Ort schon „Zuhause“. Und so kommt es vor, dass wir auf der Tour durch die Stadt überlegen, was wir später „zu Hause“ kochen, oder uns zerknirscht angrinsen, wenn wir merken, die Regensachen liegen „zu Hause“.

Wir wissen natürlich, dass dieser Ort nur eine Heimstatt auf Zeit ist und dass unser Zuhause dort ist, wo wir die meiste Zeit des Jahres leben, unseren Alltag, unsere Freunde, unsere vertrauten Wege haben. Da kommt einem das Wort Zuhause natürlich leicht über die Lippen. Aber irgendwo, tief drinnen, scheinen wir zu spüren, dass es im Grunde egal ist, wo ein Mensch ist, solange er nur etwas um sich hat, was ihn trägt. Das muss sie sein, die oft beschworene innere Heimat.

Und so glücklich es mich immer wieder macht, diese innere Heimat zu spüren, so traurig macht mich von Zeit zu Zeit das Wissen darüber, dass all das so flüchtig ist; dass sich das Leben eines Menschen schon zwischen zwei Augenblicken so grundsätzlich verändern kann, dass selbst die festeste innere Heimat solche plötzlichen Brüche und Wendungen nicht heil übersteht. Und in solchen Momenten bin ich heilfroh, nicht bloß eine innere Heimat zu haben, sondern auch ein wirkliches Zuhause. Eines mit Dach, Tisch, Bett. Eines, in dem Platz genug ist, dass auch andere Menschen von Zeit zu Zeit „zu Hause“ sagen können, wenn sie unser Zuhause meinen. (Boris Halva)

Heimat Mensch

„Zuhause“ ist für mich Vertrautheit und Geborgenheit – und der Begriff mit einer Erfahrung verknüpft, die mich glücklicherweise schon vor mehr als drei Jahrzehnten geprägt hat: Mit 20 ging ich für ein Jahr nach Lissabon.

Als ich aufbrach, hatte ich dort noch kein Zimmer, von der Sprache keine Ahnung, kannte niemanden. Die Abreise hatte ich immer weiter hinausgezögert, weil mir plötzlich mulmig geworden war. Doch an einem späten Abend Ende Oktober standen dann meine Eltern, Geschwister, ein paar Freunde am Bahnsteig – und ich im Zug am heruntergeschobenen Fenster. Die Bahn fuhr los, draußen winkten sie, Tränen glitzerten.

Ich saß allein im trüb beleuchteten Abteil, starrte an die Decke und dachte: Was habe ich getan? Warum verlasse ich mein Zuhause, die Menschen, die ich liebe? Ich fühlte mich überhaupt nicht nach Abenteuer. Aber dann stieg in Aachen eine Frau in meinem Alter mit zwei riesigen Koffern zu – sie wollte für ein halbes Jahr als Au-pair nach Paris. Wir tauschten uns angeregt über unsere Erwartungen aus, dämmerten dann ein bisschen vor uns hin und verabschiedeten uns am nächsten Morgen am Gare du Nord wie alte Freundinnen.

Ich wechselte von einem Pariser Bahnhof zum anderen und teilte mir im nächsten Zug ein Abteil mit drei portugiesischen Gastarbeitern samt ihren dickbäuchigen Rotweinflaschen, einer schwarz gekleideten spanischen Großmutter und einer fürsorglichen kanadischen Touristin mittleren Alters. Nicht lange, und wir waren eine Gemeinschaft. Wir tauschten Proviant aus und radebrechten über unsere Reiseziele; ich fühlte mich aufgehoben und geschützt. Auf dieser Fahrt durch Europa, eine Nacht, einen Tag und eine weitere Nacht lang, habe ich gelernt: Vertrautheit und Geborgenheit können sich sehr schnell einstellen, und sie sind nicht an einen Ort oder langjährige Beziehungen gebunden. „Zuhause“ ist überall. (Sabine Hamacher)


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion