Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Adventskalender
+
Wir wollen das Jahr versöhnlich ausklingen lassen – mit einem Adventskalender für Leib und Seele.

Der FR-Adventskalender (17)

Platz ist in der kleinsten Hütte

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
    schließen

24 Lieblingsrezepte aus der FR-Redaktion. Heute: Foul Mudammas.

Es gibt Orte, an denen wohl jedes Gericht wie ein Festessen schmeckt – einfach weil man es dort nicht erwarten würde. Ein schiefes Drei-Personen-Zelt auf dem Betonboden des hinterletzten Terminals im Hafen von Piräus ist ein solcher Ort.

Als ich K. im März 2016 kennenlernte, lebte sie seit einem Monat in diesem Zelt, es sollten viele folgen. Mit ihren drei Söhnen war K. aus Syrien geflohen, Griechenland sollte eine Zwischenstation sein auf dem Weg nach Deutschland, wo ihr Mann wartete. Doch wie Zehntausende andere Menschen saßen K. und ihre Söhne an der Ägäis fest, seit die Regierung den letzten Grenzübergang nach Mazedonien – und damit zur Balkanroute – geschlossen hatte.

Als wir uns das erste Mal sahen, saß K. mit zwei Frauen in ihrem Zelteingang und plauderte. Weil sie mir so freundlich zuwinkte, hielt ich an. Es war der Anfang einer jahrelangen Freundschaft. Ab diesem Tag besuchte ich K. regelmäßig. Wir verständigten uns mit Gesten (ein Antippen des Ringfingers hieß etwa „Ehemann“), Google Translate und der Übersetzungskünste ihrer Söhne, und es dauerte nicht lange, bis mich K. das erste Mal zum Essen einlud. Ich lehnte ebenso wortreich ab, wie sie darauf bestand.

K. war in Syrien nicht arm gewesen, aber die Flucht hatte ihre Ersparnisse aufgefressen. Sie und ihre Söhne lebten von dem Geld, das ihre über die ganze Welt verstreute Familie in einem bemerkenswerten Unterstützungssystem jeden Monat per Western Union denjenigen Familienmitgliedern zukommen ließ, die es gerade am dringendsten brauchten.

Niemand wusste, wie lange K. darauf noch angewiesen sein würde, der Antrag auf Familienzusammenführung zog sich endlos hin. Immer fehlten Dokumente, zwischenzeitlich sah es so aus, als würden die deutschen Behörden K. die Einreise überhaupt nicht erlauben. Und in dieser Situation sollte sie auch noch mich durchfüttern?

K. fand: Ja. Sie war eine Meisterin darin, mit dem wackeligen Campingkocher und den paar Töpfen jeden Tag leckere Snacks und frische Gerichte zu zaubern, die sie nicht nur ihren Söhnen und mir anbot, sondern auch ihrer „Nachbarschaft“ aus den umstehenden Zelten. Gerade für die Jungen, die ohne Eltern unterwegs und auf sich alleine gestellt waren, bedeutete das eine willkommene Abwechslung zu den in Plastik eingeschweißten Croissants und Reis-Kartoffel-Rationen, die täglich verteilt wurden.

Bald verstand ich, dass für K. das Kochen und Essen eine letzte Verbindung zu ihrem alten Leben bedeutete. Nicht nur, weil die Mahlzeiten den endlosen Tagen des Wartens eine Struktur gaben. Wenn K. zum Essen einlud, war sie die generöse Gastgeberin, die ihren Gästen Momente der Freude verschaffte – auch wenn sie auf schmerzenden Knien in einem Zelt herumrutschen musste, statt in eleganten Kleidern Gäste in ihrem Wohnzimmer zu empfangen.

Ich habe viele Gerichte probiert, die K. in dieser Zeit kochte. Aber am meisten beeindruckt hat mich das allererste. „Foul Mudammas“ – Saubohneneintopf. Ein einfaches und doch raffiniertes Gericht, das im Nahen Osten oft zum Frühstück gegessen wird, sich aber auch für ein Festmahl im kleinen Kreis eignet.

Foul Mudammas für zwei Personen

drei Dosen Saubohnen, gibt es etwa im türkischen und arabischen Supermärkten

eine halbe Tasse Wasser

zwei Teelöffel gemahlenen Kreuzkümmel

drei Esslöffel Tahin

ein bis zwei frische, scharfe Peperoni oder grüne Chillies

drei Knoblauchzehen

ein bis zwei Zitronen

gutes Olivenöl

ein halbes Bündel glatte Petersilie

eine Tomate

dazu warmes Pita- oder Fladenbrot

Die Bohnen abgießen und mit dem Wasser auf mittlerer Hitze aufkochen, dann mit einem Kartoffelstampfer oder einer Gabel zu einem Brei zerdrücken. Den Kreuzkümmel untermischen. In einer Variante des Gerichts kommt jetzt noch der Tahin dazu.

In einem anderen Behälter die Peperoni und den Knoblauch zerdrücken und mit dem Saft der Zitrone vermengen. Den Bohnenbrei auf zwei vorgewärmte Schüsseln verteilen. Die Peperoni-Knoblauch-Zitronen-Sauce darüber geben und mit einem großzügigen Schuss Olivenöl übergießen. Zum Schluss mit den Tomaten und der Petersilie, jeweils gehackt, garnieren. Schon fertig! Mit warmem Brot, eingelegtem Gemüse und Oliven – wenn gewünscht auch noch mit Hummus, gebratenem Gemüse oder arabischem Taboulé-Salat – wird daraus ein kleines (veganes) Festmahl.

Die Geschichte von K. und ihrer Familie hat übrigens eine Art vorläufiges Happy End. Nach sechs Monaten, diversen Terminen bei der deutschen Botschaft in Athen und unermüdlichem Nachhaken wurde ihr Antrag endlich gewährt. Die Familie lebt heute zusammen in Deutschland.

Vieles ist schwierig, gerade die psychischen Folgen der Flucht. Aber K. kann heute wieder in ihrem eigenen Wohnzimmer Gäste empfangen. Ob es deutsche Bekannte sind, Verwandte, Schulfreunde ihrer Söhne oder – etwa einmal im Jahr – ich, eines ist sicher: Bevor nicht der Bauch schmerzt und sich auf dem Gesicht ein seliges Grinsen breitmacht, verlässt niemand K.s Tisch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare