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Doppelseite aus dem Vorlagealbum: Klassische japanische Farbholzschnitte haben Christian Warlich bei seinen Entwürfen inspiriert.

Tattoos

Pionier der Popkultur

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Zum allerersten Mal überhaupt beschäftigt sich ein Museum mit einem berühmten historischen Tätowierkünstler.

Tätowierexperte Ole Wittmann ist sich ziemlich sicher: Auch das Coronavirus wird irgendwann in naher Zukunft zum Körperschmuck werden. „Das Thema Tod wird auch in Tattoos verarbeitet“, sagt der 42-Jährige. „Nach dem Anschlag auf das World Trade Center etwa gab es unzählige Beispiele für Gedenk-Tätowierungen. Warum sollte das bei Corona anders sein? Und vielleicht wird sogar die Form der Viren in der Gestaltung aufgegriffen.“

Die Vorlagen wurden damals mehrfach verwendet: ein Motiv aus Christian Warlichs Album.

Kunsthistoriker Wittmann, der über Tätowierungen promoviert hat, beschäftigt sich seit fast 15 Jahren intensiv mit dem Thema. Das scheint, je mehr Haut im Frühjahr zu sehen ist, allgegenwärtig zu sein. Tattoos wuchern, so der Augenschein, immer üppiger über Oberarme und schlingen sich um Unterschenkel, erblühen selbst an höchst intimen Stellen, und auch das Gesicht ist für echte „Sammler“, wie Wittmann Tätowierbegeisterte nennt, längst nicht mehr tabu.

Dabei hat der Wissenschaftler die interessante These, dass heutzutage gar nicht unbedingt so viel mehr Menschen Körpermalereien tragen als vor 100, 150 Jahren. „Es gibt Berichte aus den 1880er Jahren, wo ein Volkskundler sich beim Besuch in der Badeanstalt darüber wundert, wie viele Leute eine Tätowierung tragen“, sagt Wittmann. „Ich glaube, heute sind Tattoos schlichtweg besser zu sehen, Man zeigt mehr Haut und lässt sich an besser sichtbaren Stellen wie dem Hals oder der Hand tätowieren. Früher waren das hingegen eher kleine, versteckte Zeichen. Die Gesamtfläche der tätowierten Haut hat aber auf jeden Fall stark zugenommen, nur nicht unbedingt die Anzahl der Tattooträger. Aber beweisen lässt sich das nicht.“

Man wird kaum bestreiten können, dass der dauerhafte Körperschmuck heute Teil der Popkultur ist. Stars, Sternchen und Sportlerinnen sind genauso gezeichnet wie die Kollegin oder der Nachbar; Klatschblätter und Fachzeitschriften berichten detailliert. Künstler und Werbung haben das Thema längst ebenfalls entdeckt. Erstaunlich ist aber doch, wie wenig die Hochkultur bisher davon wahrgenommen hat.

So ist die Ausstellung über den „König der Tätowierer“, den 1964 verstorbenen Seemann und Gastwirt Christian Warlich, die Wittmann für das Museum für Hamburgische Geschichte konzipiert hat, nach seinen Angaben tatsächlich international die erste überhaupt, die ein Museum einem namhaften Meister dieser Zunft widmet. Die Schau krönt für Wittmann Jahre intensiver Forschungsarbeit.

Der Meister und seine „Leinwand“: Christian Warlich mit einem Kunden.

Bedauerlicherweise sind aktuell bundesweit alle Museen wegen des Coronavirus geschlossen, allerdings können Besucher die Ausstellung „Tattoo-Legenden - Christian Warlich auf St. Pauli“ nun virtuell im Internet besichtigen. Warlichs Bildsprache ist erstaunlich, erscheint modern wie auch merkwürdig vertraut.

Das ist kein Zufall: „Die Qualität seiner Arbeiten ist außergewöhnlich hoch“, betont Wittmann. Als Tätowierer hatte er offenbar höchste Ansprüche. „Es ist belegt, dass er sich Anfang der 1930er Jahre im Albertina-Museum in Wien Reproduktionen von Dürer-Stichen bestellt hat als Vorlage. Leider wissen wir nicht, ob er das auch wirklich umgesetzt hat.“ Das hat Wittmann in seiner Ausstellung nun nachgeholt. Ein Berliner Tätowierkünstler schuf nach Dürer-Motiven einen Alten Meister auf junger Haut.

Oben links: Ein Warlich-Klassiker. Adler und Erotik.

Was allerdings viel entscheidender für das Gewerbe war: Warlich hat es extrem professionalisiert. „Zuvor war Tätowierer ein mobiler Beruf, die kamen zu den Leuten aufs Schiff, in eine Kneipe oder zum Friseur und haben dort tätowiert. Er hatte dagegen eine feste Ecke in seiner Gaststätte auf St. Pauli.“

Der 1891 im heutigen Hannoveraner Stadtteil Linden geborene Warlich war als Heizer zur See gefahren, ob er wirklich gelernter Kesselschmied war, ist ungewiss. Wo er das Bilderstechen lernte, ist unklar. „Ganz außergewöhnlich war an ihm, dass er schon ganz früh ein professionelles Marketing betrieb“, hat Wittmann bei seinen Forschungen herausgefunden. „Es gibt seit den 1920er Jahren Presseberichte über ihn, und er war im Kontakt mit Volkskundlern und Medizinern, die sich wissenschaftlich mit Tätowierungen beschäftigten.“

Die Ausstellung

Trotz der Popularität des Themas Tattoo hat nach Angaben von Kurator Ole Wittmann bisher noch nie ein öffentliches Museum einem einzelnen bedeutenden historischen Tätowierkünstler eine monografische Ausstellung gewidmet.

Der „König der Tätowierer“, Christian Warlich (1891–1964), war bereits zu Lebzeiten eine bekannte Persönlichkeit, seine Arbeiten hatten Kultstatus. Nach seinem Tod erwarb das Museum für Hamburgische Geschichte einen großen Teil des Nachlasses, der Rest gehört heute einem englischen Privatsammler, der den Kurator Wittmann bei seinen Forschungen unterstützt hat.

Die Ausstellung „Tattoolegenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ soll eigentlich noch bis zum 25. Mai im Museum am Holstenwall 24 in Hamburg-St. Pauli zu sehen sein, aktuell ist sie aber wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Trotzdem kann sie virtuell (und kostenlos) besucht werden unter www.shmh.de

Ole Wittmann, Kunsthistoriker, hat über Körperkunst promoviert.

Große Aufmerksamkeit in der medizinischen Fachwelt brachte Warlich eine selbstentwickelte Methode zur Entfernung der Körperbilder ein. „Heute wird dabei mit einem Laser der Farbstoff zerstört, aber eigentlich bleibt die Tätowierung im Körper“, sagt Wittmann. Wer sein Tattoo unbedingt loswerden wollte, dem zog Warlich hingegen mit Hilfe chemischer Substanzen die betreffenden Hautstellen ab, so sind im Museum sogar einige „echte“ Warlich-Werke erhalten. Das Rezept, das Warlich streng hütete, galt nach dessen Tod als verloren. Forscher Wittmann entdeckte aber eine Abschrift Warlichs in einer zeitgenössischen Akte.

Bahnbrechend waren aber vor allem die Entwürfe. Wittmann schätzt die klaren, einfachen Linien, kräftige Konturen, die einprägsamen Motive und poppigen Farben. „Das blieb auch 50 Jahre nach dem Stechen noch schön.“ Warlich sammelte seine Vorlagen in einem großen Album, das - ein echter Glücksfall - nach seinem Tod von dem Hamburger Museum gekauft wurde, das ihm nun die Ausstellung widmet. 1981 erschien das Album als bibliophiles Taschenbuch. „Danach hatte das jeder Tätowierer“, sagt Wittmann. Seither wird bis heute fleißig weltweit nach seinen Vorlagen gestochen. „Meist wollen die Leute heute ein maßgeschneidertes Tattoo, zu Warlichs Zeiten wurde hundertmal das gleiche gestochen.“

Passionierte Sammler, so weiß es Wittmann aus eigenem Erleben, sind auch bereit, neben den schmerzhaften Nadelstichen weite Reisen zu besonders guten oder eigenwilligen Tätowierkünstlern in Kauf zu nehmen. Könner nehmen mehrere hundert Euro - und zwar pro Stunde. Ein bunter Oberarm kann da schnell ein kleines Vermögen kosten. „Bei mir ist schon noch Platz, aber die interessantesten Stellen sind inzwischen belegt“, sagt Wittmann mit einem Lachen.

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