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Alice Schwarzer 1977 im Alter von 35 Jahren, als sie ihre Zeitschrift Emma gründete.
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Alice Schwarzer 1977 im Alter von 35 Jahren, als sie ihre Zeitschrift Emma gründete.

Alice Schwarzer

„Picasso ging auch nicht in Rente“

Alice Schwarzer wird 70 Jahre alt. Trotz ihres Geburtstags: Ans Ausruhen denkt Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin nicht im Traum. Ein Gespräch über neuen und alten Feminismus, Prostitution, den Kachelmann-Prozess und ausbleibende Altersmilde.

Alice Schwarzer wird 70 Jahre alt. Trotz ihres Geburtstags: Ans Ausruhen denkt Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin nicht im Traum. Ein Gespräch über neuen und alten Feminismus, Prostitution, den Kachelmann-Prozess und ausbleibende Altersmilde.

Nachts, schreibt Alice Schwarzer über sich, da liege sie schon mal wach und denke: „Wieso ich? Warum erwischt es auch mich? Ich dachte immer, alt würden nur die anderen.“ Wenigstens in dieser Beziehung ist Deutschlands berühmteste Feministin, die Publizistin und Emma-Gründerin so wie alle Frauen. Sie will es nicht wahrhaben, das Alter. Heute werden es bei ihr 70 Jahre. Dazu ein Gespräch.

Frau Schwarzer, die Hälfte Ihres Lebens haben Sie in Köln verbracht. Haben Sie das schon mal bereut?
Nur manchmal ein bisschen. Ich bin ja von meinen familiären Ursprüngen eine Rheinländerin, Elberfelderin, um genau zu sein. 1976 habe ich in Köln die Emma gegründet. Nach meinen Jahren in Paris und Berlin war mir einfach wieder nach Rheinland. Und bis heute freue ich mich jeden Tag neu über den Rhein und die Kölner Mentalität: die Selbstironie, die Melancholie und dieses zutiefst Antiautoritäre. Doch wie die Stadt regiert und verwaltet wird, das scheint mir dieser großen historischen Metropole des Westens nicht gerecht zu werden. Nicht nur ich kann ja diese ganzen Baustellen einfach nicht mehr sehen!

Stichwort „Baustelle“: Als Sie 1942 geboren wurden, waren Kinder noch „ein Geschenk deutscher Frauen für den Führer“. Frauen brauchten ein Ja des Mannes, wenn sie Geschäfte tätigen oder arbeiten gehen wollten. Das ist alles passé. Wenn Sie von heute ein paar Jahrzehnte weiterdenken: Was wird sich im Geschlechterverhältnis ändern?
In den vergangenen 40 Jahren haben die Frauen unglaublich viel erreicht. Nicht nur die rechtliche Gleichstellung. Sie sind auch auf dem Sprung, die Hälfte der Welt zu erobern. Vielleicht ziehen in den nächsten 40 Jahren ja die Männer nach und übernehmen endlich die Hälfte des Hauses! Meine Lebenserfahrung sagt mir allerdings, dass der Fortschritt nicht automatisch ist. Da müssen jetzt die jungen Frauen die Ärmel krempeln und sich auch mal trauen, sich unbeliebt zu machen.

Welches Ziel haben Sie sich selbst noch gesetzt?
Ich möchte, dass Emma so lebendig und aktuell bleibt, wie sie in ihrem 35. Jahr ist. Und ich hoffe, dass irgendwann auch in Deutschland jeder und jede begreift, dass Prostitution kein „Beruf wie jeder andere“ ist und dass es Männern peinlich ist, sich für ein paar Scheine den Körper und die Seele einer Frau zu kaufen, und Kölner Taxifahrern, mit einer Werbung fürs Pascha durch die Stadt zu fahren. Auch möchte ich den Musliminnen in Deutschland und der Welt beistehen, damit sie nicht von den Islamisten, die den Glauben für ihre Machtstrategien missbrauchen, zurück ins Mittelalter getrieben werden.

Sie haben einmal gesagt, für Frauen gehe es heute um die existenzielle Frage, „die Schlacht um unseren Körper zu gewinnen“. Gibt es da eine Verbindung?
Eine sehr direkte. Die Alternative zwischen – islamischer – Verhüllung und – westlicher – Entblößung kann es ja wohl nicht sein für uns Frauen. Und in der Tat geht es 40 Jahre nach Aufbruch der Frauen nicht zufällig wieder um unseren Körper. Entblößung gilt als schick, Botox to go als selbstverständlich und Prostitution als cool. Diese ganze Entwicklung ist für mich klar eine Reaktion auf die Emanzipation. Frauen sollen wieder zum Objekt degradiert werden.

Worauf sind Sie persönlich bei allem, was die Frauenbewegung erreicht hat, am meisten stolz?
Hätte mir jemand vor 40 Jahren prophezeit, wie Frauen im Jahr 2012 die Welt offensteht, zumindest theoretisch, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber wo Fortschritt ist, ist auch Rückschritt. 22 Prozent weniger Lohn für Frauen als für Männer. Und die Hauptlast der Haus- und Kinderarbeit weiterhin auf Frauenschultern. Und dann diese Pornografisierung unserer gesamten Kultur und der Medien. Da werden Frauen wieder zu Objekten degradiert. Denn bei der Pornografie geht es ja nicht um nackte Haut oder Erotik, sondern um die Verknüpfung sexueller Lust mit Lust an Erniedrigung und Gewalt!

Muss der Feminismus heute nicht notwendig anders sein als früher? Braucht es nicht den von Ihnen gegeißelten „neuen Feminismus“?
Geißeln? So als wäre der Feminismus eine Sünde? Nein, ich erlaube mir lediglich, eine gewisse Variante des Feminismus zu kritisieren.

Nämlich welchen?
Den, der sich mit der eigenen Karriere begnügt. Es gibt Millionen Frauen in Deutschland und auf der Welt, denen es bedeutend schlechter geht als diesem Dutzend „neuer Feministinnen“ in den Medien – und die wollen wir doch nicht vergessen. Wir müssen auch den Feminismus nicht alle 30 Jahre neu erfinden. Der Kerngedanke – gleiche Chancen und Rechte sowie Pflichten für Frauen wie Männer – muss einfach angepasst werden an die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung. Als Blattmacherin von Emma – sie hat die jüngsten aller Frauenzeitschriften-Leserinnen, jede dritte ist unter 30 – ist das mein tägliches Brot.

Zorn auf den „neuen Feminismus“

Warum dann Ihr Zorn auf den „neuen Feminismus“? Wittern Sie womöglich einen Angriff auf Sie: „neu“ als Umschreibung von „nicht der alte Schwarzer-Stiefel“?
Ich halte dieses Gerede vom „neuen Feminismus“ für ein reines Medienphänomen. Fragen Sie mal die Frauen auf der Straße – die freuen sich schon, wenn endlich mal die Forderungen des von Ihnen so genannten „alten Feminismus“ durchgesetzt würden: den gleichen Lohn für gleiche Arbeit zum Beispiel!

Sie haben nicht doch manchmal das Gefühl, dass Sie einen langen Schatten auf andere werfen, insbesondere auf junge Frauen?
Ich? Schatten? Im Gegenteil! Die Reaktionen gerade der jungen Frauen, die seit Langem die Mehrheit der Käuferinnen meiner Bücher und Besucherinnen meiner Veranstaltungen sind, zeigen mir, dass ich für viele eine Ermutigung, ein Vorbild bin. An mir können sie sehen, dass man es wagen kann, sich zu wehren und gleiche Rechte zu fordern – und man trotzdem nicht plattgemacht wird, sondern es einem dabei gut gehen kann.

Spüren Sie etwas wie Altersmilde?
Nein, das ist mir ganz fremd. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch und werde das bleiben.

Was in Ihrem Leben würden Sie gern ungeschehen machen?
Dass ich mit meiner so anstrengenden, aber auch so mutigen und gerechten Großmutter vor ihrem Tod nicht mehr gesprochen habe.
Ihr Engagement im Kachelmann-Prozess als Autorin der Bild-Zeitung fällt nicht in die Kategorie „nie wieder“?
Gerade darauf bin ich besonders stolz! Wer es nicht gleich verstanden hatte, sieht ja spätestens jetzt: Bei diesem Prozess ging es um viel mehr als um die anscheinend nicht lösbare Wahrheit in dieser Nacht. Es geht um die Frage, wie ernst man die sexuelle Gewalt in Beziehungen nimmt. Und da hat sich die öffentliche Debatte über diesen Prozess einfach sehr einschüchternd für die Opfer ausgewirkt. Die zeigen jetzt noch weniger als zuvor die Täter an. Es wird ja nur jeder 100. Vergewaltiger in Deutschland verurteilt.

Manche Ihrer Debatten wirken apodiktisch. Sie machen beim Thema Abtreibung eine „Entweder-Oder-Front“ auf: „Selbstbestimmung der Frau“ oder „Schutz des ungeborenen Lebens“.
Für mich ist die Frage nach dem Recht einer selbstbestimmten Mutterschaft unverhandelbar! Ich möchte nicht, dass die jungen Frauen von heute in das Elend ihrer Großmütter zurückgestoßen werden. Wo eine unerwünschte Schwangerschaft entmündigt, gedemütigt und allein abgetrieben werden musste: bei einem Arzt, der so manches Mal das Elend der Frauen noch missbrauchte, oder aber bei einer Engelmacherin, wo sie ihr Leben riskierten.

Im „Schwarzbuch Feminismus“ kommt die Autorin Ursula Caberta zum Ergebnis: Über die Emma regt sich heute kaum noch jemand auf. Tut Emma nicht mehr weh?
Dass ich nicht lache! Da muss man nur Monat für Monat die vorletzte Seite in Emma lesen, wo wir die „lieben KollegInnen“ zitieren. Das trieft nur so von Aggressionen und Hass.

Trotzdem gehen Sie heute für viele als „Ikone“ durch und werden mit Ehrungen überschüttet. Ist es am Ende nicht doch schöner, „das Darling“ zu sein als „die böse Hexe“?
Klar, jeder Mensch ist lieber ein Darling. Ich bekomme ja auch von sehr vielen Menschen, Frauen wie Männern, Zustimmung, ja Liebe. Aber manche werden mich immer hassen. Und das ist auch gut so.
Emma ist heute ein Modevorname für Mädchen aus bürgerlichem Hause mit traditionellen Rollenbildern. Was haben Sie da falsch gemacht?
Wieso falsch? Wir scheinen alles richtig gemacht zu haben. 1977 war Emma ein Name, der total vergessen und altmodisch war. Wenn er jetzt wieder aktuell ist, umso besser. Dann sollen alle diese kleinen Emmas Emma lesen! Und es ist ja ein sehr schöner Name.

Sie haben mal gesagt: „Dass ich in Rente gehe, halte ich für ausgeschlossen.“ Was ist die Alternative: Arbeiten bis zum Umfallen?
Picasso ist auch nicht in Rente gegangen. Ich bin ja weder eine Beamtin noch eine Verkäuferin, die froh ist, dass sie sich endlich setzen kann. Ich bin eine unabhängige Intellektuelle und Verlegerin, der ihre Arbeit großen Spaß macht. Und so wird das bleiben.

"Ich gehöre nicht ins Schloss Bellevue"

2007 gab es Spekulationen über Alice Schwarzer als mögliche Bundespräsidentin. Ist das ein Amt, das Ihnen am Ende Ihrer Laufbahn gefallen könnte?
Das war sicherlich gut gemeint, aber ich gehöre nicht ins Schloss Bellevue. Ich bin Journalistin und Aktivistin im außerparlamentarischen Raum. Ein Seitenwechsel ist von mir nicht zu erwarten.

Wo sind Ihre Lieblingsplätze in Köln, abgesehen von dem Schreibtisch in der Emma-Redaktion?
Am liebsten gehe ich in die traditionellen Brauhäuser, wie das Haus Töller oder das Päffgen in der Friesenstraße. Oder einfach zum „kleinen Italiener“.

Interview: Joachim Frank

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