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„Ich erlebe die Vielfalt der Kulturen auf den Stationen als Bereicherung. Ich kann mich an keinen einzigen rassistischen Vorfall oder etwas Ähnliches erinnern.“
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„Ich erlebe die Vielfalt der Kulturen auf den Stationen als Bereicherung. Ich kann mich an keinen einzigen rassistischen Vorfall oder etwas Ähnliches erinnern.“

Pflege

Einmal um den Erdball ans Krankenbett

  • Anne Lemhöfer
    VonAnne Lemhöfer
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Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland kommen die westlichen Gesundheitssysteme nicht mehr aus – was eine Chance für junge Menschen ist, aber auch weltweit Familien auseinanderreißt

Zwei Jahre lang hat sich Reeba Kumar jeden Tag darüber gefreut, dass es auf ihrem Smartphone die App FaceTime gibt. 7500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Alten- und Pflegeheim im Frankfurter Osten und der südindischen Provinz Kerala, und bis vor kurzem lagen die Ozeane und Landmassen auch zwischen Reeba Kumar und ihrem kleinen Sohn John, ihrem Mann Kamlesh und ihren Eltern. Seit sie an einem regnerischen Dezembertag im Jahr 2019 in Frankfurt aus dem Flugzeug gestiegen war, erlebte sie nur am Handy-Bildschirm, wie John, der heute vier Jahre alt ist, größer und größer wurde und immer besser sprechen lernte. „Ich habe ihn so sehr vermisst“, sagt die 31-Jährige, als sie im Foyer der großen, hellen Einrichtung zum Interview sitzt, in ihrer roten Dienstkleidung und mit FFP2-Maske über Mund und Nase.

Die schwere Zeit hat jetzt ein Ende: John und Kamlesh sind kürzlich ebenfalls am Airport gelandet, und nach zwei Wochen Quarantäne dürfen die Kumars endlich als Familie gemeinsam ihre Wohnung beziehen. Jake Tom hat einen Platz in der Betriebskita des Pflegeheims bekommen, Kamlesh ist selbst ausgebildeter Krankenpfleger und fängt bald an zu arbeiten. Er war zuletzt in Dubai angestellt.

Im Frankfurter Osten passiert gerade Globalisierung in Echtzeit: Für eine indische Familie beginnt ein neuer Lebensabschnitt auf einem fremden Kontinent, während hinter der geöffneten Terrassentür Kaffeetassen klappern, leises Gemurmel nach drinnen dringt und ein paar Spatzen zwitschern.

In Deutschland herrscht Pflegemangel

Die Welt ist in Bewegung. In Europa gibt es immer mehr alte Menschen. Mit den Lebensjahren steigt auch das Risiko bestimmter Krankheiten, die Pflegebedürftigkeit nimmt zu. Um alle gut zu versorgen, werden viele Pflegerinnen und Pfleger gebraucht. Doch in Deutschland gibt es zu wenige. Daher werben Arbeitsagenturen schon seit einigen Jahren gezielt ausgebildete Pflegekräfte aus anderen Weltregionen an, um Pflegebedürftige zu betreuen – beim Essen und bei der Körperpflege, bei der täglichen Bewegung und dem Erstellen einer Tagesstruktur. Was eine große Erleichterung für westeuropäische Familien darstellt, hat natürlich tief greifende soziale Folgen in den Herkunftsländern von Reeba Kumar und den anderen Migrantinnen und Migranten aus Bosnien, Serbien, Indien, Ghana, Spanien oder den Philippinen.

Wie Kumar müssen viele junge Frauen und Männer ihre Söhne und Töchter in der Obhut der Großeltern zurücklassen in dem Wissen, sie vielleicht für Jahre nicht sehen zu können – um dauerhaft ein Familieneinkommen erwirtschaften zu können. So sind für Millionen von Kindern und ihren Eltern Internetdienste wie Skype oder FaceTime überlebenswichtig um einander über Tausende Kilometer nah zu bleiben. Wenn man schon nicht mehr live zusammen essen oder Schularbeiten machen kann, dann ist es immerhin ein kleiner Trost, vor dem Bildschirm dabei zu sein.

Ein Lichtblick am Ende eines Arbeitstages in der Ferne, und doch auch sehr traurig. Was Müttern und Vätern in Deutschland allein beim Gedanken einen Kloß im Hals beschert, ist in vielen Teilen der Welt so verbreitet, dass es längst den Begriff „Cellphone-Moms“, Handy-Mütter, gibt, der zuerst auf den Philippinen geprägt wurde. Über das Phänomen wurden schon Romane und wissenschaftliche Arbeiten verfasst.

Frauen verlassen ihre Kinder

Rund elf Prozent der philippinischen Bevölkerung arbeitet im Ausland, zwei Drittel der Migranten sind Frauen. Soziologinnen haben für ihre Kinder den Begriff Migrationswaisen geprägt. Denn wenn Frauen fern von ihren Familien als dringend benötigte Pflegekräfte in Westeuropa arbeiten, dann entsteht das, was die US-amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild „global care chain“ nennt, globale Betreuungskette: Ein reiches Land wirbt Menschen aus einem ärmeren Land an, damit sie Kranke oder Alte versorgen. Dort muss dann eine Schwester oder die Großmutter einspringen, um deren eigene Kinder zu betreuen. Oder es wird jemand angeheuert, meistens wiederum eine Frau aus einem noch ärmeren Land, die ihre Familie verlässt. Durch die global care chain kommt es laut Hochschild nicht zu einer Umverteilung der Betreuungsaufgaben zwischen den Geschlechtern. Die anfallenden Aufgaben werden global neu unter Frauen verteilt. So besteht die Fürsorgekette auch im Herkunftsland beinahe ausschließlich aus Betreuerinnen. Die Mutter bleibt im Heimatland die Hauptverantwortliche für ihre Kinder und sorgt dort für eine Stellvertretung, die entweder die älteste eigene Tochter oder die eigene Mutter sein kann.

Doch für Reeba Kumar ist alles gut ausgegangen. Bundesweit gilt die Suche nach Pflegepersonal schon lange als Problem. Allein 2020 blieben laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Ausländische Pflegekräfte im Schnitt rund 36 000 Stellen in der Pflege unbesetzt.

Die Anzahl ausländischer Pflegekräfte ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. 2013 waren es noch rund 74 000 Beschäftigte ohne deutschen Pass, 2020 mit 208 000 fast drei Mal so viele. Mehr als die Hälfte kommt dabei inzwischen aus Ländern außerhalb der EU wie Bosnien, Serbien oder den Philippinen, aber auch aus Lateinamerika oder Indien, wie Reeba Kumar. Die Anwerbung läuft zum Großteil über private Personalvermittlungsagenturen, es gibt aber auch staatliche Programme wie „Triple Win“.

In vielen Ländern der Welt gibt es gar kein „klassisches“ Pflegeheim

Was sich leicht und flüssig liest, ist in Wahrheit ziemlich kompliziert – und zwar auf verschiedenen Ebenen. „Mit der erfolgreichen Anwerbung allein ist es nicht getan“, sagt Heike Blumenauer vom Offenbacher Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (Inbas). Sie ist dort für die „IQ Servicestelle – Internationale Fachkräfte in der Pflege“ tätig, gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „Die Arbeitgeber müssen sich um ein betriebliches Integrationsmanagement vor Ort kümmern, und das umfasst weit mehr als die Organisation von Sprachkursen.“

Es sei wichtig, die Kolleginnen und Kollegen auf den Neuzugang im Team vorbereiten. „Man sollte schon erklären, dass da zum Beispiel bald jemand von den Philippinen oder aus Indien kommt – und am besten auch noch, welche kulturellen Unterschiede in der Herangehensweise an Pflege es in beiden Ländern gibt, um Missverständnissen vorzubeugen.“

In vielen Ländern seien die Studiengänge für Pflegeberufe eher medizinisch orientiert: „Körperpflege, die Anreichung von Essen und Hilfe bei der täglichen Bewegung sind Aufgaben, die auf den Philippinen oder in Indien, aber auch in vielen südeuropäischen Ländern meist die Angehörigen übernehmen.“ Das Konzept eines Alten- und Pflegeheimes ist in etlichen Teilen der Welt höchstens ein Randphänomen. Die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen es erst kennenlernen. Manche fühlen sich zunächst sogar unterfordert, weil sie ihr großes medizinisches Fachwissen kaum anwenden können. „Hierher kommen zu können ist trotzdem für die meisten auch einfach eine Riesen-Chance.“Vielfalt auch im Alter noch erleben

Vielfalt auch im Alter noch erleben

„In Indien gibt es zwar Altenheime, aber nicht viele“, berichtet auch Reeba Kumar. Sie hat in Kerala ein Studium in Krankenpflege absolviert, einen akademischen Abschluss mit viel Theorie. Deutsch hat sie schon in Indien gelernt und dann in Frankfurt vertieft. Reeba Kumar spricht inzwischen flüssig und wortreich, und kommt gut ins Gespräch. „Mit den Menschen reden ist wichtig“, sagt sie. „Ich glaube, die meisten freuen sich, wenn sie mich sehen. ‚Sie haben aber schöne Augen‘, hat einmal ein Mann gesagt, der sonst wenig sprach.“

Ihr Blick wandert zur Terrasse. „Moment, ich bin gleich zurück“, sagt sie, „da ist eine Frau von meiner Station, die nicht gut orientiert ist“. Reeba Kumar steht schnell auf und läuft zur offenen Tür, durch die gerade eine Frau mit Rollator geht, eine steile Treppe im Blick. Sanft bewegt Reeba Kumar sie dazu, wieder umzudrehen. „Sie bleiben jetzt besser hier drinnen“, sagt sie zu ihr und lächelt aufmunternd. Auch solche scheinbar beiläufigen Situationen zeigen, wie gut sie an ihrem Arbeitsplatz angekommen ist.

Markus Förner ist Geschäftsführer des Frankfurter Hufeland-Hauses, das als eines der großen Alten- und Pflegeheime in Frankfurt längst zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Ländern beschäftigt. Er weiß aber auch, dass Eingewöhnung und Integration keine Selbstläufer sind. „Wir tun viel dafür, dass es funktioniert“, sagt er. „Und ich muss wirklich sagen, dass ich die Vielfalt der Kulturen auf den Stationen als Bereicherung empfinde. Ich kann mich an keinen einzigen rassistischen Vorfall oder etwas Ähnliches erinnern.“

Viele ausländische Pflegekräfte fühlen sich erstmal unterfordert

Er erlebe die Neuzugänge als „extrem motiviert“. Es müsse aber auch von Seiten der Arbeitgeber immer die Bereitschaft da sein, sich wirklich mit den Menschen zu beschäftigen, sonst könne die Integration nicht gelingen. „Manche entwickeln zum Beispiel Allergien wegen der neuen Essgewohnheiten, oder sie müssen sich erst mühsam daran gewöhnen, dass es schon um 18 Uhr Abendessen gibt.“

Allerdings bemerkt er auch, wie enttäuscht die gut ausgebildeten Angeworbenen manchmal sind, dass sie ihr medizinisches Fachwissen nicht in dem Maße einbringen können, wie sie es gewohnt sind. „Das Image der Pflegeberufe hierzulande ist nicht gut, daran muss sich dringend etwas ändern. Pflegende sitzen immer am Katzentisch in den Krankenhäusern, hinter den Ärztinnen und Ärzten. Die Hierarchien sind in Deutschland ganz besonders strikt. Pflegende werden häufig als Hilfskräfte gesehen, denen man nicht zutraut, Probleme von Bedeutung zu lösen, dafür muss dann immer ein Arzt kommen. Und Altenpfleger gilt bei vielen als ein Beruf zweiter Klasse.“

Wenn die Familie nachkommen darf, sind alle glücklich

Besonders augenscheinlich sei das Problem vor einigen Jahren geworden, als durch ein Programm junge Fachkräfte aus Spanien abgeworben wurden, wo die Arbeitslosigkeit hoch war. „Die Spanierinnen und Spanier waren regelrecht entsetzt über ihre Rolle hier. Zuhause hatten sie an einer Uni studiert und führten Aufgaben aus, die hier Ärztinnen vorbehalten sind. Die meisten von ihnen sind schnell wieder zurückgekehrt.“ Das Kümmern um die Belange der Migrantinnen und Migranten hat daher im Hufeland-Haus eine hohe Priorität. „Wir arbeiten auch daran, Mitarbeiter:innen zu Integrationsbeauftragten auszubilden.“ Immer häufiger führt Markus Förner auch schon Skype-Interviews, wenn die künftigen Pflegerinnen und Pfleger noch in ihren Herkunftsländern sind. „Ich erlebe immer wieder, dass sie dann schon top informiert sind über das Hufeland-Haus, manche wissen sogar schon genau, wie die Zimmer aussehen und wie die Stationskürzel heißen.“ Bis nach Madagaskar habe sich die offenbar gute Atmosphäre im Hufeland-Haus herumgesprochen, wofür natürlich auch die sozialen Netzwerke verantwortlich sind. „Ein sehr engagierter junger Mann aus Madagaskar, der hier ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht hat, war so begeistert von seiner Zeit hier, dass er richtig Werbung für uns gemacht hat. Wir bekommen jetzt ganz oft Anfragen von der Insel.“

Reeba Kumar hat in Frankfurt Fuß gefasst und freut sich nun auf Johns Eingewöhnung im Kindergarten. Weil sie wie viele Menschen in Südindien Katholikin ist, konnte sie schnell Anschluss in einer indischen Kirchengemeinde in Frankfurt finden. „Das hat mir sehr geholfen, Kontakte zu knüpfen.“ Dann muss sie sich schon wieder verabschieden. Das frühe deutsche Mittagessen beginnt gleich.

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