Hilferuf an Jens Spahn

Wegen Coronakrise fehlen Pflegende aus Osteuropa - Verband warnt vor Hunderttausenden ohne Versorgung 

Angestellte in der Pflege sind derzeit noch mehr gefordert. In der Coronakrise verlassen tausende Pflegekräfte aus Osteuropa Deutschland – es droht ein Notstand.

  • Der Pflege-Verband VHBP warnt vor bis zu 200.000 unversorgten Pflegebedürftigen an Ostern.
  • Viele osteuropäische Betreuungskräfte verlassen derzeit wegen der Corona-Krise in Deutschland.
  • Laut VHBP sind derzeit etwa 300.000 osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland tätig.

Mainz - Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) warnt mitten in der Coronakrise aufgrund fehlender Pflegekräfte aus Osteuropa vor einem Versorgungsnotstand. „Wir rechnen damit, dass ab Ostern 100.000 bis 200.000 Menschen schrittweise nicht mehr versorgt sind, dass sie alleine zu Hause bleiben und dass sie dann in Altenheimen oder Kliniken versorgt werden müssen“, sagte Geschäftsführer Frederic Seebohm dem ARD-Magazin „Report Mainz“. Er forderte eine Passiermöglichkeit für die Betreuungspersonen, damit sie die Grenze nach Deutschland überqueren könnten. 

Viele osteuropäische Betreuungskräfte verlassen derzeit wegen der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2* Deutschland, zugleich kommen wenige Osteuropäerinnen als Ersatz nach. Auch Wartezeiten von bis zu 15 Stunden an der Grenze schrecken ab, wie der Verband erklärte.

Online-Petition warnt vor Pflegenotstand: Hilferuf an Jens Spahn

Gleichzeitig unterschreiben immer mehr Menschen eine Online-Petition, in der sie von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung der aktuellen Coronakrise fordern. Den Ernst der Lage beschreiben die Initiatoren Im Aufruf auf der Plattform Change.org mit einem Vergleich zum von der Corona-Pandemie schwer betroffenen Land Italien: „In Italien fehlten Intensivkapazitäten und Pflegekräfte, bei uns fehlt nur Letzteres.“ Doch dies mache keinen Unterschied, heißt es im Aufruf weiter, denn: „Wer pflegt denn die Patienten auf den Intensivstationen, wer bedient die Maschinen?“ Bislang haben bereits mehr als 275.000 Menschen die Petition mit Titel „Corona-Krise: Gemeinsamer Aufruf von Pflegefachkräften an Jens Spahn!“ unterzeichnet. Auch Pflegeheime in Frankfurt schlagen Alarm.*

Spahn hatte in den vergangenen Tagen angekündigt, die Betreuung in den Pflegeheimen in der Corona-Krise mit Sonderregelungen abzusichern. Pflegebedürftige und auch die Pflegekräfte selbst bräuchten besonderen Schutz und besondere Unterstützung. Mit Pflegekassen und Pflegeverbänden sei dafür unter anderem die befristete Aussetzung bürokratischer Anforderungen vereinbart worden. Von Mehrkosten wegen der Corona-Epidemie sollten Pflegeheimbewohner und ihre Angehörige verschont bleiben, sagte Spahn.

Pflegenotstand droht - Experte warnt: „Die Pflegeheime sind voll“

Ob das jedoch gegen die drohende Notlage in der häuslichen Versorgung hilft, ist fraglich. Der Kölner Pflegeforscher Michael Isfort sagte dem ARD-Magazin „Report Mainz“, Krankenhäuser und Pflegeheime könnten die Pflegebedürftigen, die häuslich versorgt werden, derzeit nicht aufnehmen, weil sie die Plätze für Erkrankte bräuchten. „Die Pflegeheime sind voll, das heißt, dort können auch momentan nicht ad hoc Tausende zusätzliche pflegebedürftige Menschen aufgenommen werden“, erklärte der Experte des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung. 

Nach Schätzung des VHBP sind derzeit rund 300.000 osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland tätig. 90 Prozent von ihnen, also etwa 270.000, arbeiten schwarz. Isfort betonte, die Betreuungskräfte seien schon immer systemrelevant, da sie das Versorgungssystem der Pflegebedürftigkeit stabilisierten. Dabei spiele es keine Rolle, ob sie legal oder illegal beschäftigt seien. Mitten in der Coronakrise in Deutschland könnten sie nun schmerzlich fehlen.

jjm/epd/dpa

Während die Corona-Pandemie in Europa noch nicht ausgestanden ist, entspannt sich die Situation in China und Südkorea. In China wurden Ausgangssperren teilweise aufgehoben. 

Pflegekräfte aus Osteuropa, die nach Frankfurt kommen, waren oft nicht in Corona-Quarantäne. Das sorgt für Kritik.

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Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Tom Weller

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