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Pfarrer Chacko bittet zum Gebet

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Gerne würde Pfarrer Chacko seine Gemeindemitglieder manchmal an sich drücken, wie er es in Indien getan hat. Hier in Deutschland ist er vorsichtiger.
Gerne würde Pfarrer Chacko seine Gemeindemitglieder manchmal an sich drücken, wie er es in Indien getan hat. Hier in Deutschland ist er vorsichtiger. © Kristina Ratsch

Der Katholischen Kirche in Deutschland gehen Gläubige und Geistliche aus. Da helfen Priester aus dem Ausland – wie Chacko Nadakkaviliyil, der aus Indien stammt und nun auf der schwäbischen Alb den Gottesdienst hält. Von Kristina Ratsch.

Die ganze Predigt hat er aufgeschrieben, enge Buchstabenreihen auf weißes Papier getippt. Aus der Kirche dringt bereits das Murmeln des Rosenkranzes in die Sakristei. Pfarrer Chacko steckt in einem giftgrünen Priestergewand, nur sein Kopf mit Hornbrille und ein Paar schwere Schuhe lugen darunter hervor. In den Händen hält er die Papierbögen mit den Worten, die er heute Abend verlesen wird. Ein letzter Blick auf den ersten Satz, ein letzter Blick in den Spiegel, ob das schwarze Haar gut sitzt, dann tritt Pfarrer Chacko durch die hölzerne Tür ins Kirchenschiff.

„Amen“ hallt in indischem Akzent von der Kanzel, ein dünnes Amen kommt in älplerischem Schwäbisch zurück. Pfarrer Chacko spricht langsam und betont die Worte, die er so sorgfältig vorbereitet hat. Fast ohne Fehler, nur zwei Mal verhaspelt er sich. 15 Menschen, mehr sind es an diesem Dienstagabend im Februar nicht. Die paar Gläubigen lauschen aus fast leeren Reihen.

Schon zum zweiten Mal in seinem Leben arbeitet Chacko Nadakkaviliyil, 47 Jahre alt, aus Indien in einer deutschen Gemeinde. „Pfarrer Chacko“ nennen sie ihn, Jakob auf Deutsch. Seinen Nachnamen kann in Nusplingen niemand aussprechen. Er hingegen spricht die Namen seiner Pfarreien fehlerfrei aus.

Seit Juli 2021 ist er nun schon Seelsorger für die Gemeinden Nusplingen, Obernheim und Oberdigisheim. Wenn Pfarrer Josef Kaniyodickal, der ebenfalls aus Indien stammt, die Gemeinde Meßstetten verlässt und in sein Heimatland zurückkehrt, soll Pfarrer Chacko auch dort einspringen.

Der katholischen Kirche in Deutschland gehen Gläubige und Geistliche aus. Skandale um Missbrauchsfälle und die andauernde Diskussion um die Weihe von Frauen führten in den vergangenen Jahren zur Entfremdung vieler Katholikinnen und Katholiken von ihrer Kirche. Aber auch Priester werden immer weniger: Die zölibatäre Lebensweise und die Einsamkeit, die damit einhergeht, machen das Priestertum zu einer Aufopferung, die nicht mehr viele bereit sind zu tragen.

Viele Jahrzehnte lang gab es bereits einen Austausch zwischen deutschen und internationalen Diözesen, der beiden Seiten diente. Jetzt ist die katholische Kirche in Deutschland dringend auf die Gastpriester angewiesen. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart etwa arbeiten 600 aktive Priester. Ein Drittel davon stammt mittlerweile aus dem Ausland. Doch wird so verhindert, dass sich die katholische Kirche reformieren und etwas gegen den Priestermangel tun muss? Kann die Berufung von Priestern wie Chacko die Probleme der katholischen Kirche in Deutschland lösen?

Nach dem Gottesdienst, in seinem schlichten Büro in dem gelben Pfarrhaus, neben dem der schmale Kirchturm in den Himmel ragt, erzählt Pfarrer Chacko vom Paradies. Es liegt in einem schmalen Streifen Land ganz am Zipfel Indiens, im Bundesstaat Kerala, aus dem er stammt. „God’s own country“, Gottes Land, nennen sie es. Dort, wo Kokosnusspalmen üppig die Küste zieren und die Sonne heiß auf den Boden brennt, seien die Gemeinden anders, sagt Pfarrer Chacko. Dort seien die Kirchen voll.

„Wir kennen alle in der Gemeinde in Indien, wir wissen alles.“ 

Chacko Nadakkaviliyil, Pfarrer

Im Süden Indiens leben viele Katholikinnen und Katholiken. Der christliche Glaube hat dort eine 2000 Jahre alte Tradition, obwohl im Rest des Landes mehr als 80 Prozent der Bevölkerung Hinduisten sind. Auf den hölzernen Kirchenbänken Platz zu nehmen bedeute, man sei alt. Kleinkinder, Jugendliche, Mütter, Väter, Großfamilien drängen sich auf dem Boden vor dem Altar zusammen, stehen dicht an dicht in den Gängen und im Vorraum. Die Umgangsformen des Glaubens, sie unterscheiden sich, dort und hier, sagt Pfarrer Chacko.

In Deutschland hat das Pfarrbüro Öffnungszeiten. In Nusplingen stehen sie in ein Metalltäfelchen eingraviert an der Eingangstür zum Pfarramt. Geöffnet: Dienstag vormittags, Donnerstag nachmittags. Dann haben auch Gottes Diener auf Erden mal frei. In Kerala steht das Pfarramt immer offen. Dort, sagt Pfarrer Chacko, gibt es keine Arbeitszeiten. Priester ist man rund um die Uhr.

Alle drei Monate pilgerte Chacko in Kerala von Tür zu Tür. Vier Mal im Jahr besuchte er jede Familie in seiner Gemeinde. Am Computer in seinem Pfarrbüro legte er in einer Datenbank eine Kartei der Gläubigen an. Pflegte ein Foto ein, vermerkte Alter, Anzahl der Kinder und ihre Klassenstufe, Namen, Geburts- und Hochzeitstage. Eine Kurzbiografie jedes Gemeindemitglieds.

Gemeinsam mit der Familie saß er dann um den Küchentisch, der immer mit reichlich Essen gedeckt war. Fragte, was er zuvor in der Kartei gelesen hatte: Hat die Tochter die Schule geschafft? Wie ist es dem Sohn bei der letzten Prüfung ergangen? Ist der Vater wieder gesund? Fragte und lauschte. Segnete das Haus und die Kranken, die in ihm lebten, bevor er wieder über die Schwelle trat. „Wir kennen alle in der Gemeinde in Indien“, sagt Pfarrer Chacko, „wir wissen alles.“ Ein erfüllendes Priesterdasein.

Im Winter 2006 zog er für vier Jahre nach Innsbruck, um seinen Doktor in Philosophie zu absolvieren. Die Priesterausbildung in Indien dauert elf Jahre, sechs davon verbringen die Seminaristen an der Universität, um Philosophie und Theologie zu studieren. Österreich empfing Chacko mit Kälte und trostloser Dunkelheit. Alles war anders. Selbst im Supermarkt, den er am Morgen nach seiner Ankunft aufsuchte, griff er versehentlich nach einer Konserve mit Tomatensoße, weil in Kerala so saure Gurken verpackt sind. Pfarrer Chacko kaufte Reis, das einzige, was ihm bekannt vorkam. Es gab viel Reis in der ersten Zeit.

Doch Chacko lebte sich schnell ein. Während der Woche lernte er Deutsch, bis er es fließend konnte. An den Wochenenden predigte er in Gemeinden rund um Innsbruck. Drei Stunden saß Pfarrer Chacko damals für seine ersten Predigten auf Deutsch am Schreibtisch. Mit einem Wörterbuch brütete er über der deutschen Bibel. Versuchte, Wort für Wort zu übersetzen aus der Heiligen Schrift, Malayalam zu Deutsch, Deutsch zu Malayalam. Das Wort Gottes, das er verkündete, sollte grammatikalisch korrekt sein.

Manchmal, wenn Chacko eine sehr wichtige Predigt hält, diktiert er sie noch heute vorher als Sprachnachricht in sein Smartphone und schickt sie einem Freund. Bei Trauungen oder Beerdigungen, da will er keinen Blödsinn erzählen.

„Zuhören und anpassen, das können Seelsorger. Dazu sind wir ausgebildet.“

Chacko Nadakkaviliyil

Im Juli 2010 bewarb er sich zum ersten Mal als Pfarrer bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart, statt nach Abschluss seines Doktors zurück nach Indien zu fliegen. Lange warten musste er nicht. Sofort war ein Platz frei und er bekam die Pfarreien in Schemmerhofen und Attenweiler zugeteilt, zwei Gemeinden in der Nähe von Biberach.

Dass er bereits Deutsch sprach, war ein Vorteil. Der oberschwäbische Dialekt, den man in dieser Region Baden-Württembergs spricht, hatte aber nichts mit dem Hochdeutsch zu tun, das er jahrelang an der Universität in Innsbruck gelernt hatte. Nun saß er im Wohnzimmer eines 85-Jährigen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, und verstand kein Wort.

Pfarrer Chacko lernte die kulturellen Feinheiten kennen, die das Priestersein in Indien und Deutschland unterscheidet. Vor allem lernte er anzurufen, bevor er zu Besuch kam. Und: Seine Predigten an die sozialen Umstände der Gemeinde anzupassen. Wenn er in Indien von der Kanzel von Nächstenliebe sprach, rief er die Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes dazu auf, Bedürftigen ein Dach über dem Kopf oder eine Mahlzeit zu spenden. In Deutschland heißt Nächstenliebe: Einsamkeit zu bekämpfen. Alte zu besuchen, die alleine wohnen, ohne Familie.

Mit den Händen in der Luft ahmt Chacko eine Umarmung nach. Gerne würde er Gemeindemitglieder manchmal so an sich drücken, wie er es in Indien häufig getan hat. In Deutschland sei er vorsichtiger. Nähe und Distanz – hier bedeuten sie etwas anderes. Die vielen Missbrauchsfälle – sie haben die Katholikinnen und Katholiken in Deutschland misstrauisch gemacht. Trotzdem fühle er sich in Deutschland wohl. „Zuhören und anpassen, das können Seelsorger“, sagt Chacko, „Dazu sind wir ausgebildet.“

Aus Indien, Ghana, dem Kongo, Tansania und Polen kommen sie nach Deutschland. Ein Deal für beide Seiten: Die Priester lernen Deutsch und eine neue Kultur kennen, das höhere Gehalt, das sie hier verdienen, wird an die Diözesen in der Heimat geschickt, die damit soziale Projekte finanziert. Für die deutschen Diözesen sind die Gastpfarrer ein Rettungsring, um den Priestermangel auszugleichen und auch kleinen Gemeinden den Katechismus zu ermöglichen.

Doch nicht allen fällt der Anfang so leicht wie Pfarrer Chacko. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat deshalb einen zweijährigen Crashkurs zum Priestersein entwickelt, der die Gastpfarrer in all dem unterrichtet, was sich Pfarrer Chacko selbst beibrachte: zehn Monate Sprachkurs, Fahrstunden, dazu Fachvokabular für die Seelsorge und Rollenspiele, in denen Trauer-und Taufgespräche erprobt werden, stehen auf dem Stundenplan. Viele Priester müssen erstmal sensibilisiert werden für die kritische Haltung der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland. Sie stammen aus Ländern, in denen die Katholische Kirche noch nicht erschüttert ist von Skandalen und weiterhin eine wichtige soziale Rolle einnimmt. Die Kirchenverdrossenheit hierzulande ist ein Kulturschock.

Pfarrer Chacko stört das nicht weiter. „Menschen haben Erfahrungen gemacht, deshalb fragen sie“, sagt er. Als Seelsorger sei es seine Aufgabe, für sie da zu sein. Auch für die Zweifelnden.

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