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Peter Maffay: „Wir müssen an eine Utopie von Zusammenhalt glauben“

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Peter Maffay. Imago Images
Peter Maffay. © Imago

Musiker Peter Maffay erzählt, warum es nun auch im Kinder-Musical „Tabaluga“ um ernste Themen geht und weshalb es sich lohnt, ein unverbesserlicher Weltverbesserer zu sein.

Man sieht es dem drolligen Drachen nicht an, aber Tabaluga wird schon bald 40. Das kleine grüne Kerlchen, ersonnen von Peter Maffay, Texter Gregor Rottschalk, Musiker Rolf Zuckowski und Zeichner Heime Heine, hat seit 1983 Generationen von Kindern jeden Alters mit musikalischen Geschichten rund um Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt erfreut. Auf dem neuen Album „Tabaluga – Die Welt ist wunderbar“ jedoch geht es sehr viel politischer und aktueller zur Sache als gewohnt: Die Lebensräume von Tabaluga und Schneemann Arktos drohen unbewohnbar zu werden, Rettung kommt in Gestalt einer elektrifizierten Figur aus der Zukunft. Wir sprechen mit Peter Maffay darüber, wie viel Wirklichkeit ein Märchen verträgt.

Herr Maffay, in „Tabaluga – die Welt ist wunderbar“ dreht sich alles um die Klimakrise und die Rettung der Erde durch erneuerbare Energien. Wie kommt es, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit so vehement Einzug hält in der Märchenwelt des kleinen grünen Drachen?

Es ist an der Zeit, dass man die Dinge klar benennt. Ich will, dass Tabaluga keine reine Märchenfigur ist, sondern eine Figur, an der sich in märchenhafter Form aktuelle Themen und Herausforderungen erklären lassen. Ich denke, wir sollten zwar weiterhin märchenhaft erzählen, aber die Hintergründe der Geschichte müsste realer Natur sein. Ich möchte, dass die Kinder einen lebendigen Bezug finden können zu diesen Figuren.

Tabaluga und seine Freunde treffen auf das Glühwürmchen Lucy, das in einem E-Mobil unterwegs ist und aus der Zukunft nach Grünland, die Heimat des Drachen, reist. Gemeinsam retten sie dann die Erde, den Planeten der Menschlinge, vor dem klimabedingten Untergang.

Natürlich setzen wir auch weiterhin auf märchenhafte Elemente. In dem Zukunftsland, in dem Lucy lebt, gibt es keine Kriege mehr, es gibt keine Gewalt in der Ukraine, in Afghanistan, kein Israel gegen Palästina. Es gibt auch keinen Rassismus, und alle Menschen bekommen die gleiche Wertschätzung. Der Umgang miteinander ist respektvoll. Für mich ist das aber trotz allem kein Zweckoptimismus. Das Glas ist weiterhin halbvoll und nicht halbleer.

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass sich das Glas langsam leert ...

Es wird immer schwerer, es wieder aufzufüllen. Das Glas nicht leer werden zu lassen, bedarf einer klaren Haltung und einer gemeinsamen Anstrengung. Wir waren noch nie so sehr gefordert, Zusammenhalt zu erzeugen, wie jetzt. Ich denke, die Kinder können zu Recht von uns erwarten, dass wir mit einer positiven Grundhaltung nach draußen gehen. Der liebe Gott hat uns nicht unsere Existenz geliehen, damit wir sie vergeuden.

Im Titelstück „Die Welt ist wunderbar“ heißt es: „Die Zukunft wird aus Mut geschweißt.“

Sofern wir nicht wollen, dass unsere Gesellschaft den Bach runtergeht, sind wir gezwungen, an diese Utopie von Zusammenhalt und einer lebenswerten Zukunft tatsächlich zu glauben. Es gibt dazu keine Alternative. Wenn wir jetzt die Flinte ins Korn werfen, dann geben wir unsere Kinder auf. Und wir geben uns selbst auf. Eine Menschheit, die sich so ignorant verhalten würde, hätte auch nichts Besseres verdient als den Untergang. Deshalb darf es so weit nicht kommen. Ich habe zwei Kinder, Yaris ist 19, Anouk fast vier. Ich will mir von den beiden nicht vorwerfen lassen müssen, ich hätte nichts unternommen. Ich habe kein Interesse daran, dass ihr auf der Erde der Sauerstoff ausgeht, wenn sie zehn oder 15 Jahre alt ist. Und ich gehe davon aus, dass Milliarden von Müttern und Vätern auf der ganzen Welt derselben Ansicht sind wie ich.

Was folgt daraus?

Unsere Kinder haben absolut ein Anrecht darauf, dass wir uns den Popo – mit Verlaub – aufreißen, um ihnen nicht noch mehr Schrott zu hinterlassen als jetzt schon. Und ich meine Schrott in jeglicher Form – angefangen bei der Plastiktüte auf der Straße bis hin zu all den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die wir jeden Tag in den Nachrichten ertragen müssen.

Was tun Sie selbst?

Wir haben E-Autos in unserem Fuhrpark. Nur bei langen Strecken ist noch unvermeidbar, dass ich Benziner fahre. Vermeidbar ist das Motorradfahren, deshalb fahre ich mittlerweile viel weniger als früher. Außerdem macht das Motorrad keine Muckis. Wenn ich fit und beweglich bleiben will, ist das Fahrrad das beste Mittel.

Tabaluga ist empathisch, er glaubt an das Gute, und leicht trottelig ist er auch. Wie viel Peter Maffay steckt in dem kleinen Drachen?

(Lacht.) Fangen wir bei dem „leicht trottelig“ an – das trifft es schon mal. Im Volksmund sagt man: „Dem ist das Herz an der richtigen Stelle gewachsen.“ Tabaluga ist wie ein Kind. Wenn du auf die Welt kommst, bist du noch nicht verbogen von irgendwelchen Einflüssen. Ein Kleinkind ist niemals böse oder berechnend. Das kommt mit dem ersten Stück Schokolade. Und die Schokolade kriegt das Kind von den Erwachsenen. Wir sind es also, die die Kleinen verbiegen. Als Quintessenz geht es bei Tabaluga darum, diese Verbiegung im Leben zu vermeiden. Wir wollen mit der Figur unsere Werte weiterreichen an die kommenden Generationen.

Hat Ihre Tochter Anouk schon einen Bezug zu Tabaluga?

Ja, den hat sie. Natürlich nicht zu den komplexen Zusammenhängen, aber wir Erwachsenen sollten nicht den Fehler machen, Kindern zu wenig zuzutrauen. Die kleinen Knöpfe kommen zum Beispiel mit einem gesunden Rechtsempfinden zur Welt. Was gerecht ist und was ungerecht, das wissen sie sehr früh.

Zur Person

Mehr als 50 Millionen verkaufte Tonträger, 21 Nummer-eins-Alben, der erfolgreichste Künstler in den deutschen Charts – all das wäre Grund genug, sich zur Ruhe zu setzen. Doch Peter Maffay, 73 Jahre alt, steht nach wie vor auf großen Bühnen. Er wird am 30. August 1949 als Peter Alexander Makkay im rumänischen Brasov geboren. Bis 1963 lebt er dort, dann zieht er mit seiner Familie nach Deutschland.

Die Musik spielt schon früh eine große Rolle in seinem Leben, er lernt bereits als Kind Geige und Gitarre spielen. 1969 gelingt ihm mit dem Song „Du“ der Durchbruch. Es folgen weitere Hits wie „Über sieben Brücken musst du gehn“ und „Es war Sommer“. Für sein soziales Engagement erhält er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1996 und 2008 das Bundesverdienstkreuz. Er ist Miterfinder der Märchen- und Zeichentrickfigur Tabaluga. Das neue Album „Tabaluga – Die Welt ist wunderbar“ ist kürzlich erschienen. osk

Täte uns allen ein kindlicheres Gemüt sehr gut?

Selbstverständlich. Große Teile der Menschheit haben verlernt zu lieben. Würden sie das tun, kämen sie nicht auf die Idee, andere zu töten, zu vergewaltigen oder zu verjagen. Die Gier nach Besitz und nach Macht verblendet die Menschen. Mir muss niemand kommen und sagen: „Peter, du mit deinen Attitüden des Weltverbesserers, das bringt doch nichts.“ Das ist nicht richtig. Es bringt sehr wohl was, wenn man die Menschheit nicht von vornherein aufgibt.

Wie blicken Sie als Grundoptimist auf Putins Krieg in der Ukraine?

Wir betreuen mit unserer Stiftung seit März 30 Geflüchtete aus der Ukraine auf Gut Dietlhofen, zumeist Frauen und Kinder. Diesen Menschen zu helfen, auch das ist ein Teil des Mosaiks der Welterhaltung, das mir so sehr am Herzen liegt und in dem neuen Album seinen Ausdruck findet. Ich denke, bei aller Komplexität rund um die vielschichtigen geopolitischen Interessen der Großmächte, die dieser Eskalation auch zugrundeliegt, ist die Aggression, die von den Russen ausgeht, in keiner Weise und durch nichts zu rechtfertigen oder zu legitimieren. Einen souveränen Staat zu überfallen, das ist nicht von dieser Welt. Das dürfen wir nicht akzeptieren. Wir müssen dem entgegentreten.

Wie denn?

Nicht durch eine weitere Militarisierung! Diese vermeintlichen Strategen, die sich jetzt überbieten im Waffen-liefern-Wollen und Aufrüsten, die treiben die Eskalation nur weiter voran, statt sie einzudämmen. Man darf diesen Leuten, diesen Politikern nicht das Feld überlassen. Ich halte es für Blödsinn, Olaf Scholz für seine Besonnenheit zu kritisieren. Dass es nicht einfach ist, sich in einer solchen Situation richtig zu verhalten, das verstehe ich. Aber parteipolitisches Kalkül darf in dieser Situation keine Rolle spielen. Die einzige Antwort auf diesen Krieg ist Deeskalation. Ich bin davon überzeugt, dass die Ukraine auch mit noch mehr Waffen die Russen nicht aus ihrem Land herausbekommen wird. Wenn man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen würde, um einen Kompromiss auszuhandeln, ist es besser, als wenn mittelfristig die ganze Ukraine vernichtet wird.

Wie deeskaliert man einen Wladimir Putin?

Man muss ihm einen Weg aufzeigen, sich einigermaßen aus der Affäre ziehen zu können. Wenn man ihn an die Wand drückt, wird er nur noch unberechenbarer, als er sowieso schon ist. Und einen dritten Weltkrieg braucht niemand.

Ein ganz anderes Thema: Sie sitzen dieses Jahr in der Jury von „The Voice of Germany“. Wie kam es eigentlich dazu?

Ich habe mir zur Welt der Castingshows lange Zeit keinen wirklichen Zugang verschafft, und die ersten Talentscout-Sendungen damals fand ich auch eher bedenklich. Vor allem, wie dort mit Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wurde, habe ich abgelehnt. Als mir meine Leute immer wieder gesagt haben, spring über deinen Schatten und guck dir mal „The Voice“ an, habe ich das irgendwann gemacht und gelernt, dass es ein Fehler war, alles über einen Kamm zu scheren. Und jetzt muss ich sagen, dass es mir richtig Spaß macht, in dieser Sendung dabei zu sein. Wir haben in Deutschland wirklich ein riesiges Reservoir an supertalentierten Menschen, die teilweise noch nie auf einer Bühne gestanden haben und so gut sind, dass sie dir den Hintern wegsingen.

Tabaluga feiert 2023 seinen 40-jährigen Geburtstag. Allerdings ist er noch keinen Tag älter geworden …

Das ist bei diesen Drachen so. (Lacht.) Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht mit Tabaluga zu tun habe, und während wir irdisch altern, hält er sich geradezu perfekt.

Wird er uns alle überleben?

Das kann gut sein. Ich würde es mir sogar wünschen. Ich bin ein wenig das Gesicht von Tabaluga nach außen, aber es gibt noch viele andere Menschen, die ihn ebenfalls am Brennen halten.

Wie sieht es mit einer Tabaluga-Jubiläumstour aus?

Ich bin erst mal froh, dass wir unsere 19 Konzerte im Spätsommer haben spielen können. Im Moment halte ich es für wenig realistisch, eine aufwendige Tournee umzusetzen, an der 170 Leute beteiligt sind, die keine Unterbrechungen erlaubt und mit der wir teilweise zweimal am Tag eine Arena füllen müssen. Ich möchte mit einer Tabaluga-Tour lieber auf weniger krisenbelastete Zeiten warten. Und ich bin zuversichtlich, dass diese auch kommen werden.

Interview: Steffen Rüth

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