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„Heute werden mit Sex große Schlagzeilen gemacht – früher war das ein Tabu“, sagt Peter Kraus.

Peter Kraus

„Wovor sollte ich Angst haben?“

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Peter Kraus wird heute 80. Ein Gespräch mit dem Sänger und Entertainer über den Abschied von der Bühne, überholte Tabus und den Lärm der Gegenwart.

Im Restaurant würde man sagen: Ich hätte gern, was dieser Herr da hat. Peter Kraus wird heute 80 Jahre alt – und wenn er einem erzählen würde, heute sei sein 70. Geburtstag, würde man ihm das glauben. Immer noch locker in den Bewegungen, das Lachen frisch und herzlich. Und selbst die Lederjacke wirkt überhaupt nicht gewollt. Er plaudert gerne, weiß aber auch, wann es besser ist, nichts zu sagen.

Herr Kraus, als ich mich auf unser Gespräch vorbereitet habe, sagte eine Kollegin: Ach, Peter Kraus? Den habe ich vor fünf Jahren getroffen, da war er grade auf Abschiedstournee …
Ja, das muss die erste gewesen sein.

Und die jetzige?
Ist die dritte oder vierte. Ich sag‘ immer, das ist die Jubiläumstournee. Und jetzt ist das dann wohl das Jubiläum der Abschiedstournee. Aber: Das ist wirklich die Letzte jetzt.

Scherze über Abschiedstourneen haben zwar einen langen Bart, aber ich würde dann doch fragen wollen: Sind Sie sicher?
Definitiv! Ich habe jetzt ein Alter erreicht, da sage ich mir: gut ist! Und hoffe halt, dass mir noch genug Zeit bleiben wird für die anderen Dinge, die mir wichtig sind. Ich werde natürlich noch Musik machen, aber keine Tourneen mehr.

Musik also nur noch zum Spaß?
Naja, die Tournee ist auch zum Spaß, ich verdiene zwar auch Geld dabei, aber es ist vor allem zum Spaß.

Zumal Sie ja nicht aufhören müssen, wenn Sie nicht wollen.
Das ist ja das Schöne an diesem Beruf. Du kannst weniger machen, wenn du findest, es reicht. Der Generaldirektor eines Unternehmens kann das nicht so einfach. Der kann nur sagen: Ich hör‘ auf!

Ist da auch ein bisschen Angst dabei?
Wovor sollte ich Angst haben?

Ich habe voriges Jahr zwei Musiker aus Österreich getroffen, die Casanovas aus dem Zillertal. Die sind beide über 70 und machen seit 50 Jahren zusammen Musik. Der eine sagte: „Ich kann jetzt nicht mehr aufhören, Musik zu machen, weil ich Angst hab‘, dass dann alles vorbei ist.“
Das verstehe ich. Aber Angst habe ich keine. Ich habe so viele Hobbys, so viele Interessen, irgendwas werde ich bestimmt machen.

Wie lange und wie intensiv haben Sie über den Titel für die letzte Tournee nachgedacht?
Diese Tournee ist ja schon gespielt worden, ich setze die jetzt einfach fort, in anderen Städten und größeren Hallen. Das ist ein sensationelles Programm, das lässt sich so toll spielen. Außerdem habe ich die besten Kritiken meines Lebens bekommen – warum sollte ich da was ändern? Insofern mache ich es mir eigentlich leicht.

Ich frage mit Blick auf Udo Jürgens, der seine Abschiedstournee „Mitten im Leben“ nicht mehr spielen konnte, weil er kurz vor deren Start gestorben ist.
Oh ja, das war fast schon tragisch. Aber so gesehen wäre ich ja mit „Schön war die Zeit“ auf der sicheren Seite. Zumal ich ja auf dieser letzten Tournee den Wunsch des Publikums erfülle und meine größten Hits und liebsten Lieder aus den 50er und 60er Jahren spiele. Wir haben ja sonst immer für jede Tournee eine neue Platte mit neuen Liedern gemacht – und so waren es immer Mischkonzerte, bei denen wir neue Lieder und alte Hits gespielt haben. Das muss nicht jedem gefallen. Udo hat es immer so gemacht: Erst die neue Platte und dann hört ihr die alten Hits. Aber ich habe mir einfach gesagt, ich lass‘ das jetzt mal und mache nur die Hits aus den 50er und 60er Jahren. Hits nicht nur von mir, es ist vielmehr eine Hommage an meine großen Kollegen aus dieser Zeit. Von mir singe ich B-Seiten, aber eben auch Rocksongs wie „Roll over Beethoven“.

Wie ist es, wenn Sie heute auf die Lieder von damals blicken, vor allem auf die Texte?
Klar könnte man es schräg finden, dass ich mit 80 ein Lied singe, das „Mit Siebzehn“ heißt. Aber da würde ich sagen: das ist Nostalgie. Das ist Rückblick. Ich möchte einfach die Zeit wieder in den Konzertsaal reinbringen, so wie es damals war. Ich will die Halle in mein Wohnzimmer verwandeln, in das ich die Leute einlade. Denn heute ist das ja alles umgekehrt, alles wird aufgepumpt. Alles groß, alles Party, Party, Party. Wir machen das Gegenteil. Wir sind auch nicht laut, weil uns das wahnsinnig stört. Heute ist ja der Liebessong auch mit einer Bassdrum unterlegt, dass es dir die Ohren zerfetzt und du fragst dich, warum. Wir machen das alles reduziert – und es wird goutiert. Und wenn dann halt ein paar Texte darunter sind, bei denen man heute sagt: naja – dann ist das eben so.

Aber haben Sie nicht manchmal gedacht: Das habe ich ernsthaft gesungen? Etwa in dem Stück Sweetie: „Heute Abend gibt es Mondschein / und dann möchte ich belohnt sein / für die lange lange Wartezeit“. Oder auch „Sugar Baby, sei doch lieb zu mir, dann bleib ich bei Dir“ …
Ach, ja, schon, aber ich find’ das nicht schlimm. „Sugar Baby“ ist doch ein lustiger Text, und ich mache da heute auch mal einen Scherz drüber. Andererseits, damals hat sich die katholische Kirche in der Schweiz furchtbar über dieses Lied aufgeregt. Weil: Vielweiberei! Absurd. Aber ich greife das ja heute auf und drehe das um. Heute spiele ich davon eine Version, die „Sugar Daddy“ heißt. Ich mach‘ ja was damit.

Gegenwärtig herrscht ja eine nachvollziehbare, wenn auch umstrittene Empörung vor, was die Haltung des Mannes der Frau gegenüber betrifft. Hat Sie das bei der Programmgestaltung beeinflusst – oder dachten Sie: jetzt erst recht?
Es kann schon sein, dass meine Spielerei mit Titeln wie „Sugar Baby“ und „Sugar Daddy“ daher kommt. Aber wie gesagt, das war nicht bewusst. Und Sie spielen ja sicher auf die #MeToo-Debatte an. Mein Programm besteht aus Liedern der 50er, 60er Jahre – da können sich die Leute bitte schön selbst Gedanken machen. Das jetzt auch noch zu berücksichtigen, das wäre dann doch ein bisschen zu hoch gegriffen, oder meinen Sie nicht?

Und abseits der Musik?
Sicher beschäftigt mich das. Aber, was soll ich sagen? Wir sind in der alten Zeit aufgewachsen, einer Zeit, in der sich eigentlich alles im Verborgenen abspielte und nichts ans Licht kam, weil es diese blitzartige Übermittlung noch nicht gab. Ich werde immer wieder gefragt: War die Zeit damals wirklich so prüde? Nach außen hin war sie das, aber: Sie war es nicht. Aber das kann man sich heute eben auch nicht mehr vorstellen. Heute ist alles offengelegt, was du tust, was du sagst, was du machst. Es gibt auch keine Peinlichkeiten mehr.

Naja, es scheint ja eher so zu sein, dass heute viele Dinge passieren, die erstmal toleriert werden, bis eben der oder die erste sagt: Da mache ich nicht mehr mit. Harvey Weinstein, R. Kelly, das haben viele über Jahrzehnte mitgemacht und plötzlich ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr so weiter geht. Und dann stellen sich wieder andere hin und sagen: Ein Star hat es überhaupt nicht nötig, jemanden zum Sex zu zwingen.
Aber mit Sex werden heute große Schlagzeilen gemacht, früher war das ein Tabu. Es war aus dem Grund schon ein Tabu, weil es immer negative Folgen für die Frau hatte. Deshalb sind Frauen auch eher nicht an die Presse gegangen um zu berichten, dass sie mit jemandem geschlafen hätten. Man kann das meiner Meinung nach nicht vergleichen.

Was war denn damals so anders? War der Schutzraum des Verborgenen wirklich ein so viel besserer als heute?
Wo soll ich denn da jetzt anfangen? Ich fand das immer ein schönes Spiel. Eine Frau ging nicht mit irgendjemandem am ersten Tag ins Bett. Die hat das auch herausgezögert. Es hatte immer was Geheimnisvolles … aber, wir sprechen da jetzt über Dinge, die heute eben ganz anders sind.

Anders, weil damals auch nicht über allem schwebte, dass das, was da passiert, irgendwann von einem der Beteiligten zum eigenen Vorteil genutzt werden könnte?
Die Möglichkeit war damals nicht gegeben. Wir waren noch Gentlemen.

Aber dekadente Stars gab es doch schon immer.
Ich weiß, was Sie meinen. Und natürlich ist eine Schauspielerin nicht einfach zum Starlett geworden, das ging auch nur über, nun ja, Beziehungen. Aber darüber wurde nicht geredet, es wurde geschwiegen. Aus meiner Sicht war das romantisch, damals. Gott sei Dank habe ich damit heute nichts mehr am Hut.

Sie wollen sich auch gar nicht einmischen? Peter Kraus twittert nicht?
Nein, ich will meinen Frieden haben. Und den gibt es nur abseits dieser Kanäle. Aber das war mir schon immer wichtig. Deshalb bin ich auch irgendwann ins Tessin gegangen, ich wollte irgendwann nicht mehr mittendrin sein, ob das nun Wien oder München war. Ich war immer der, der abgehauen ist auf seine Insel, in sein anderes Leben. Irgendwo sein, wo mich die Leute nicht kennen und wo es die Leute auch nicht interessiert, wer ich bin. Es gibt natürlich Künstler, die wollen mittendrin sein, aber ich war das irgendwann nicht mehr. Und nach meiner Hochzeit sowieso nicht mehr. Da bin ich ganz bewusst in einen neuen Lebensabschnitt gegangen, der ganz anders sein sollte, als das, was davor war. Davor war es ein wildes Leben, das war lustig, das war stark und hat mir viel gegeben – und jetzt mach‘ ich was anderes. Und so sehe ich das auch heute. Du musst immer irgendwann sagen: Okay, jetzt ist es genug. Ich hatte das Glück, dass ich mir ein paar Gedanken gemacht habe – und die haben funktioniert.

Es ist ja auch ein großes Glück, zu erkennen, was einem entspricht …
Dankbar macht es mich! Und, ich weiß, das ist ein blöder Spruch, aber hinter jedem erfolgreichen Mann steht eben auch eine starke Frau. Das gilt auch für mich. Wir sind 50 Jahre verheiratet. Eine sehr glückliche Zeit. Und dann ist es so, dass ich merke: 50 Jahre sind ein Zeitraum, den kann man sich gar nicht vorstellen. Aber die Zeit läuft ja sowieso so schnell. Manchmal denke ich, das habe ich voriges Jahr gemacht – und dann schau ich nach und sehe, das ist vier Jahre her. Verrückt!

Haben Sie manchmal Angst, wenn Sie nach vorne blicken?
Nein! Vor allem, weil ich nicht so weit nach vorne schaue. Da bin ich noch der Alte. Ich tu‘ so, als würde ich 100 werden und gesund bleiben. Und ich glaub‘ da auch dran! Immer darüber nachzudenken, was da kommt, immer vorsichtig sein, ständig zu überlegen, ob es jetzt nicht doch bergab gehen könnte – das führt doch nur dazu, dass es genauso kommt. Ich krieg‘ da einen Horror, wenn Leute sich immer nur Gedanken darüber machen, welche Krankheit sie vielleicht bekommen könnten und sich dann fragen, ob sich etwas überhaupt noch lohnt. Da mach‘ ich auf dem Absatz kehrt und bin weg! Es gibt so viel zu reden über die Welt von heute. Und das machen meine Frau und ich, da braucht’s keine Krankheiten. Außer, dass meine Frau von Zeit zu Zeit sagt: „Ein Testament solltest du trotzdem machen.“ Da bin ich halt noch nicht dazu gekommen. Bei mir sträubt sich da einfach was dagegen.

Vermutlich die Lust am Leben?
Man darf sich da nicht so viele Sorgen machen. Ich hab natürlich durch den Armbruch, den ich da vor anderthalb Jahren hatte, ein bisschen nachdenken müssen und bin auch vorsichtiger geworden, überlegter, und habe eingesehen, dass ich eben nicht unverwundbar bin. Das war ein kleiner Hieb zum Aufwachen, von daher, gar nicht schlecht. Ich hab‘ die Tournee damals nicht abgesagt, aber im Endeffekt hat mir das geholfen, wieder der alte zu werden, ich hab gesehen, man braucht mich. Denn darüber haben wir ja vorhin gesprochen: Wie man in ein Loch fallen kann, wenn man nichts mehr zu tun hat. Ich seh‘ auch auf dem Golfplatz, welche Blüten das treiben kann. Da entwickeln manche einen Ehrgeiz, der bis hin zum Mogeln geht, nur damit einer gewinnt. Ich sag‘ mir einerseits: wozu? Aber ich kann es auch verstehen, weil manche davon einfach solche erfolgsorientierten Menschen sind, die kommen da nicht mehr raus. Erfolg ist was wahnsinnig Tolles. Das ist auch das, was mich immer wieder zu neuen Tourneen antreibt. Aber irgendwann ist dann auch gut. Jetzt feiere ich erstmal Geburtstag.

Zu zweit bei Kerzenschein?
Oh nein, da machen wir ein großes Fest, da freue ich mich jetzt schon drauf – obwohl ich ein Mensch bin, der ungern feiert …

Das zu glauben fällt mir doch ein bisschen schwer…
Ich feiere schon gerne, aber eben nicht geplant. Ich bin ein impulsiver Mensch, ich bin voll dabei, wenn etwas entsteht – aber diese Planerei … und dann muss es auf Bestellung lustig sein, ich weiß nicht … Aber den 80. muss man dann schon. Und ich freu‘ mich auch, weil ich Freunde eingeladen habe, die ich ewig nicht gesehen habe. Frank Elstner – zehn Jahre nicht gesehen. Paola kommt aus der Schweiz.

Ist da nicht schon allein das größte Geschenk dass diese Freunde noch da sind?
Gus Backus hat es leider nicht mehr geschafft. Den hatte ich noch eingeladen! Oder jetzt erst: Werner Schneider. Ein guter Freund von mir, wir haben Texte zusammen gemacht. Aber, wissen Sie, ich wollte die Zahl 80 sowieso immer vermeiden. Auf meiner Einladung erwähne ich die auch überhaupt nicht. Da wird einfach zu einem Fest eingeladen und ich hab dann ein Foto von einem meiner Oldtimer da drauf drucken lassen, der hat die Startnummer 80. Mehr hab ich zum Thema 80 nicht zu sagen. Die Zahl 80 hat für mich eigentlich keine Bedeutung – außer dass ich mich im Moment total komprimiert mit ihr befassen muss. Aber nach dem Fest ist die vergessen!

Peter Kraus: Zur Person

Peter Kraus wird am heutigen Montag 80 Jahre alt. Seine Karriere begann Mitte der 50er Jahre in München, wo er bei einem Auftritt entdeckt wurde. Zehn Jahre später gehörte Kraus schon zu den erfolgreichsten deutschen Interpreten. Bereits Ende der 50er spielte der gebürtige Münchner in Filmen mit.

Zu den bekanntesten gehört „Wenn die Conny mit dem Peter“, in dem Kraus an der Seite von Connie Froboess spielte und sang. Ende 2019 feiern er und seine Frau Ingrid den 50. Hochzeitstag. Vorher spielt er noch seine Abschiedstournee zu Ende, dann will er vor allem malen, Wein machen und Oldtimer fahren – und hin und wieder ein Konzert geben.

Seine Tournee „Schön war die Zeit“, mit der er schon 2018 durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourte, geht weiter. Der erste Auftritt ist am 23.10. in Neunkirchen, danach geht es über Stuttgart (28.10.), Mannheim (3.11.), München (16.11.), Frankfurt (23.11.) und Hamburg (29.11.), zum Finale nach Berlin (1.12.).

Alle Termine sowie Infos zu Tickets gibt es unter der Semmel Concerts Ticket-Hotline 01806/ 57 00 99 oder sowie im Internet unter www.semmel.de

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