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Pestizide: Naturnah, täglich gespritzt

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Von: Joachim Wille

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Plantage im Vinschgau: 590 000 Pestizideinsätze sind in der Region 2017 verzeichnet.
Plantage im Vinschgau: 590 000 Pestizideinsätze sind in der Region 2017 verzeichnet. © Imago Images

Eine NGO wertet erstmals die „Spritztagebücher“ von Obstbetrieben in Südtirol aus. Ergebnis: Die Pestizide kommen massenweise zum Einsatz, auch solche, die gesundheitsgefährdend sein könnten.

Es gilt als das Obst-Mekka Europas: In Südtirol stehen 50 Millionen Apfelbäume, die rund zehn Prozent der Produktion in der EU liefern. Die italienische Provinz ist damit das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Europas, mit Haupt-Exportmarkt Deutschland. Dass die Obstbauern dort intensiv mit Pestiziden arbeiten, ist seit langem bekannt. Erstmals wurde nun öffentlich gemacht, um welch große Mengen es sich handelt und wie häufig gespritzt wird – es ist ein Pestizidcocktail in den Plantagen von März bis September.

Das private Umweltinstitut München hat die „Spritztagebücher“ von 681 Apfelbau-Betrieben aus der Südtiroler Region Vinschgau ausgewertet. Darin sind für eine Saison nicht weniger als 590 000 Pestizideinsätze verzeichnet. Demnach gab es „zwischen Anfang März und Ende September keinen einzigen Tag, an dem dort nicht gespritzt wurde“. Die Daten stammen zwar aus dem Jahr 2017, an der Situation hat sich nach Meinung von Fachleuten jedoch nichts grundlegend geändert. Das Institut, eine Umweltschutz-NGO, betont: „Eine vergleichbare, detaillierte Auswertung des tatsächlichen Pestizideinsatzes in einer Region gab es in Europa bislang noch nie.“

Laut der am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung kamen viele Pestizide zum Einsatz, die für Anwender:innen wie auch für Anrainer:innen gesundheitsgefährdend sein könnten. „Mehrere der am häufigsten eingesetzten Pestizide sind vermutlich fortpflanzungsschädigend oder vermutlich krebserregend“, sagte Christine Vogt, eine der Autor:innen.

Das Totalherbizid Glyphosat, von der WHO-Krebsforschungsagentur als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft, sei dabei am fünfthäufigsten gespritzt worden. „Zum Einsatz kam auch das inzwischen verbotene Chlorpyrifos-methyl, das die Gehirnentwicklung von ungeborenen Kindern schädigen kann“, so Vogt. Bei fast einem Viertel aller Spritzeinsätze seien zudem Wirkstoffe verwendet worden, die als besonders schädlich für Nützlinge wie Schlupfwespen gelten.

Deutschland ist der Haupt-Exportmarkt für Südtiroler Äpfel.
Deutschland ist der Haupt-Exportmarkt für Südtiroler Äpfel. © Imago Images

Die Untersuchung zeigt, dass eine Apfelplantage in der Region 2017 im Schnitt 38-mal mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurde. Dabei kamen in mehr als der Hälfte der untersuchten Einsätze mehrere Mittel gleichzeitig auf die Plantagen – im Extremfall sogar neun verschiedene am selben Tag. Das sei, so das Institut, besonders kritisch, da die Kombination verschiedener Pestizide die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt verändern oder verstärken könne. Dieser so genannte Cocktaileffekt werde bisher im EU-Zulassungsverfahren für Pestizide nicht ausreichend berücksichtigt. Festzuhalten ist aber auch: Die zugelassenen Höchstmengen haben die Betriebe laut den Betriebsheften nicht überschritten.

Normalerweise werden detaillierte Daten zum Einsatz von Pestiziden nicht öffentlich gemacht. Dass sie nun doch publiziert wurden, liegt an einem Gerichtsverfahren, das 2017 begann. Das Münchner Institut hatte damals eine Initiative gegen die intensive Pestizidnutzung im Obstanbau gestartet. Ein Plakat trug zum Beispiel die Aufschrift „Pestizid-Tirol“. Daraufhin zeigten rund 1400 südtiroler Obstbetriebe und der Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft die NGO wegen übler Nachrede an. Sie hatten keinen Erfolg, es gab einen Freispruch. Im Rahmen des Prozesses beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Bozen die Spritztagebücher als Beweismittel, das Umweltinstitut erhielt Akteneinsicht und konnte so die Daten auswerten.

Der NGO-Geschäftsführer Fabian Holzheid sagte zur Vorlage der Studie: „Ausgerechnet in der beliebten Tourismusregion Südtirol, wo der Apfelanbau als besonders naturnah und nachhaltig vermarktet wird, werden massiv Pestizide versprüht, die teilweise hochgiftig für Mensch und Umwelt sind.“ Als das Institut 2017 den hohen Pestizideinsatz in Südtirol angeprangert habe, habe die Landesregierung es vor Gericht gezerrt. „Die vorliegende Auswertung beweist aufs Neue: Unsere Kritik war absolut berechtigt.“

Das Südtiroler Apfelkonsortium, Dachverband der Erzeuger, betont unterdessen, die gesetzlichen Rückstands-Höchstmengen für Pflanzenschutzmittel in den Produkten würden deutlich unterschritten. Die meisten Betriebe praktizierten den sogenannten integrierten Anbau, der nachhaltig und naturnah sei. Moderne Pflanzenschutzmittel bauten sich „innerhalb einer bestimmten Zeitspanne durch Einwirkung von Licht und Luft ab“, heißt es auf der Homepage des Verbandes.

In vielen europäischen Ländern werden Pestizide weiterhin sehr intensiv genutzt, auch in Deutschland. Eine Reduktion wird politisch angestrebt, national wie international. Die Bundesregierung will dafür in diesem Jahr eine Strategie vorlegen, die EU-Kommission hat in ihrem „Green Deal“ Mitte 2022 eine Halbierung des Einsatzes bis 2030 ausgegeben, ebenso der Weltnaturgipfel der UN im Dezember in Montreal. Laut Umweltbundesamt (UBA) gibt es hierzulande aber keinen Abwärtstrend. Die Menge der verwendeten Pestizide sei weiterhin sehr hoch.

Dass es möglich ist, den Pestizideinsatz zu reduzieren ohne dramatische Einbrüche bei den landwirtschaftlichen Erträgen einzufahren, zeigt etwa Dänemark. Dort wurde eine Pestizidsteuer eingeführt und das dadurch eingenommene Geld für Beratung der Landwirt:innen eingesetzt. Ein ähnliches Vorgehen empfiehlt das UBA für Deutschland. Es betont: „Die Einnahmen sollten vollständig in die Landwirtschaft zurückfließen. Sie könnten Landwirt:innen zugute kommen, die umweltgerechtere Methoden zum Pflanzenschutz einführen.“

Hierzulande und EU-weit ist in den vergangenen Jahrzehnten ein dramatischer Rückgang der Insektenfauna zu verzeichnen. So gibt es in Deutschland laut UBA etwa nur noch zehn Prozent der in den frühen 1980ern festzustellenden Schwebfliegen, deren Larven Blattläuse vertilgen, die also wichtige Helfer der Landwirtschaft sind. Als Ursache für die Verluste gilt auch der hohe Pestizideinsatz. Das Umweltinstitut München empfiehlt den Obstbauern in Südtirol und anderswo „alternative, nachhaltigere Maßnahmen“ statt des überbordenden Einsatzes chemischer Pestizide. „Die Betriebe könnten zum Beispiel robustere Apfelsorten pflanzen, Beikräuter maschinell in Schach halten und natürliche Gegenspieler von Schädlingen fördern, statt diese mit der chemischen Keule zu bekämpfen“, so Expertin Vogt.

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