+
Ähnlichkeiten des Serienhelden mit dem Fliegerpionier Charles Lindbergh sind nicht zufällig.

Perry Rhodan

Unser Mann im Weltraum

  • schließen

So deutsch wie Sauerbraten: In Rastatt erscheint demnächst das 3000. Heft der Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“.

Die deutsche Eroberung des Weltalls begann am 8. September 1961. Da sahen künftige Raumfahrer an ihrem Kiosk ein Heft mit dem Titel „Unternehmen Stardust“ in der Auslage, zwischen „Jerry Cotton“, „Lore“ und „Landser“. Der Untertitel warnte: „Sie kamen aus den Tiefen der Galaxis – nie hatte man mit ihnen gerechnet…“. Und unter dem Titelnamen „Perry Rhodan“ informierte der Moewig-Verlag, dass der Titelgeber nicht weniger sei als „der Erbe des Universums“, den man der „großen Weltraumserie von K. H. Scheer und Clark Darlton“ nun vorstelle. Für 70 Pfennige – na, da konnte man doch mal wagen zu schauen, was die Welt im Kosmos so erwartet, so die Welt sich nicht wegen der gerade erst vor drei Wochen hochgezogenen Berliner Mauer den nuklearen Garaus machen würde.

Was „Perry Rhodan“ (PR) zum Preis von damals zwei Halbliterflaschen Bier im Spätsommer ’61 lieferte, war nicht wenig: Schon mit Heftnummer 2, „Die dritte Macht“, wurde angekündigt, dass die eine Woche zuvor gestartete Mondexpedition unter Rhodans Kommando zur Erde zurückkehrt „mit einem Wissen, das die Welt vor einem Atomkrieg rettet“. Na also! Friede, Freude, Eierkuchen. Die Heimkehrer etablierten sich in der Wüste Gobi als besagte „Dritte Macht“ und erpressten mit ihrer, auf dem Mond gefundenen, außerirdischen Waffentechnik von den verfeindeten Weltmächten den Weltfrieden. 1A Voraussetzungen für die Eroberung des Weltraums! In dem außergewöhnlichen Dokumentarfilm „Perry Rhodan – Unser Mann im All“ von 2011 fasst der damalige Chefautor der Serie, Uwe Anton, korrekt zusammen: PR ist „ein Kind des Kalten Krieges“.

Jenes Kalten Krieges, den die PR-Autoren als einen beinahe heißen zwischen West (Nato), Ost (Moskau) und Fernost (China) inszenierten – und dann in nur ein paar Hundert Seiten überwanden. Die kosmischen Eroberungszüge einer geeinten Menschheit versprachen ja auch, spannenderes Lesefutter zu sein. Woche um Woche unterstützt von Abertausenden treuer bundesdeutscher (und einiger nicht deutscher) Leser. Nach fast 60 Jahren liegt die Auflage jetzt bei gut 80 000 Exemplaren. Jede Woche. Alle sieben Tage. 64 Seiten im Format 221 mal 154 Millimeter, doppelt geheftet, der Umschlag in hervorragendem Vierfarbdruck, die Erzählung auf grauem Zeitungspapier. Am 14. Februar 2019 nun wird Heftnummer 3000 erscheinen. Am 9. Februar ist schon mal offizielle Feier des Jubiläums, im Literaturhaus München.

Prost, Kosmos! Zwei alte Landser (v.l. Daelton, Scheer) ...

Gefeiert werden dort dann summa summarum 180 000 Seiten fortlaufender Story – Ende nicht absehbar. Plus Vorspänne, Leserbriefseiten, Glossare, wissenschaftliche Berichte und Fan-Stories in der Heftmitte, Neben- und Parallelserien, zig Neuauflagen, Taschenbücher, zeitgeschmacklich überarbeitete Sammelbände, Fan-Magazine und weitere gedruckte Paraphernalia zu PR... Da kann man schon ruhig dem Überschlag von PR-Chefredakteur Klaus N. Frick vor ein paar Jahren glauben, dass sich das alles auf „eine Milliarde Seiten“ rundet. Im Februar wird Perry Rhodan diese Milliardenmarke bestimmt locker hinter sich gelassen haben. Und vielleicht einigen historischen Ballast.

Vorbei die Zeit, als der fürs Wirtschaftswunder malochende Westdeutsche sich das neue PR für den verdienten Feierabend in die speckige Aktentasche oder in die Oberschenkeltasche des Blaumanns stopfte. Heute kaufen sich auch Astronomen und Literaturwissenschaftler offen und ohne jede bildungsbürgerliche Scham PR. Vorbei auch die auf dem Titel propagierten forschen Herrschaftsansprüche: Aus dem nie wirklich sinnvoll erklärten „Erben des Universums“ ist die faktisch korrekte „größte Science-Fiction-Serie“ geworden. Und schließlich ist es auch vorbei mit dem ziemlich platten Vorwurf aus den 70er Jahren, PR sei bloß „Faschismus“ – eben so wie die revisionistischen „Landser“-Hefte, aber mit Überlichtantrieb.

Perry Rhodan hatte „faschistoide Züge“

Wolfgang Jeschke (1936 – 2015), Grandseigneur der deutschen Science Fiction, fällte 2011 das letztgültige Urteil in der Faschismus-Frage: „Sicher nicht.“ Aber die Serie habe „faschistoide Züge“ gehabt – „am Anfang“. Die Gründe dafür sind auch erst heute nachvollziehbar. Wieder Jeschke: Für die PR-Erfinder, „Träumer“ der eine wie der andere, „war 1945 eine Welt zusammengebrochen und sie haben das nicht so leicht verwunden. Sie haben versucht, etwas Ähnliches, aber Edleres aufzubauen ... Diese Reihe hat dann ganz genau den Nerv getroffen von vielen, denen es ähnlich ging. Die aus dem Krieg zurückgekommen waren, desillusioniert (...) Und plötzlich gab’s eine Lektüre – die nicht viele Ansprüche stellte –, die dieser Sehnsucht nach Raum im weitesten Sinne und Großmachtpolitik entgegenkam.“ Mit wachsender zeitlicher wie moralischer Distanz zum Hitler-Krieg wuchs schließlich auch in PR die Distanz zu Militanz als primärem Lösungsansatz für jedweden Konflikt.

... und ein Sozi (Voltz, Mitte) auf dem Weg in die Unendlichkeit.

Die Serie wuchs an sich selbst, und sie wuchs mit ihren Leserinnen und Lesern. Eine Erfolgsstory made in Germany wie nichts sonst in dieser Republik.

Wer hätte das geahnt?

„K. H. Scheer und Clark Darlton“ aus dem Titel der PR-Hefte bestimmt nicht. Die beiden mehr als nur dilettierende Science-Fiction-Autoren, Fans seit Vorkriegszeiten, waren von Moewig im badischen Rastatt für eine Heftromanreihe von 30 Exemplaren angeheuert worden. Wenn’s gut liefe, dann auch 50. Reichten auch völlig dem „Frankfurter Bubb“ Karl-Herbert Scheer und dem gebürtigen Koblenzer und Wahlbayer Walter Ernsting, der sich einen ungelenken englischen Künstlernamen zugelegt hatte. Den Atomkrieg abwenden, die Erde einen, ein paar Invasionen aus dem All zurückschlagen und dann selbst ins Unbekannte aufbrechen – wer wollte da mehr?

Die Leser. Von einem Konflikt zum nächsten raste PR, von einer Galaxis zur nächsten. Der Erfolg der Serie war schon 1962 so groß, dass man sang- und klanglos die 50-Hefte-Marke hinter sich ließ. Mehr Autoren kamen dazu, die Raumschiffe wurden größer, die Gegner mächtiger, die Reisen weiter… Da machte es auch nichts mehr, dass aus den hoffnungsfrohen idealistischen 60ern die hoffnungslosen hedonistischen 70er wurden. PR war eine sichere Bank für Autoren wie Verlag und ein sicherer Eskapismus für den Leser. Aber die Welt um die Serie herum änderte sich, auch wenn das weder Verlag noch Autoren oder Leser gleich wahrhaben wollten.

Größere Raumschiffe, schnellere Triebwerke

Die Raumrüstungsspirale der frühen Jahre hatte sich jedenfalls totgelaufen, die Titelfigur war durch ein schlaues Gerät namens „Zellaktivator“ „relativ unsterblich“ geworden, wirkte als unveränderliche Konstante aber irgendwann eher ausgelaugt denn übermenschlich – neue Ideen brauchte die Serie. So wie das reale Land auch neue Ideen brauchte. In Bonn besorgte das der Bundeskanzler Willy Brandt mit „mehr Demokratie wagen“. Für PR übernahm das von 1974 an ein enthusiastischer junger Mann aus Offenbach namens Willi Voltz. Kriegskind, Halbwaise, widerwilliger Handwerker, SF- und PR-Fan seit frühesten Tagen. Dazu noch ein Autor einer ganz anderen Preisklasse als seine älteren Kollegen. Voltz vollzog für PR praktisch den bundesdeutschen Wandel von der Adenauerrepublik zur sozialliberalen Ära. PR-Autor Anton: „Scheer hatte wahrscheinlich eine technische Vision, er hat die Rolle der Zukunft in der Technik gesehen. Voltz hatte eher eine kosmologische Vision ...“ Sprich: Die PR-Leser waren zwar immer noch zuallererst technikbegeisterte Kindsköpfe (größere Raumschiffe, schnellere Triebwerke, stärkere Kanonen!), aber jetzt waren sie auch irgendwie für Frieden, Völkerverständigung und so… Unter Voltz’ Direktive erlebte PRs Solares Imperium innenpolitische Krisen, die die Basis für eine weitaus schwerwiegendere Frage bildeten: der nach dem Platz der Menschheit in einer größeren, kosmischen Ordnung. Parallel zu der Frage, welchen Platz die Bundesdeutschen in der internationalen Ordnung einnehmen sollten. Man war ja auch gerade erst – 1973 – Vollmitglied der UN geworden. Und als Frontlinie des Ost-West-Armageddon gefiel man sich auch nicht mehr: Außer diesem Leben auf Zeit und gelegentlichem Easy-Rider-Ausreißertum mit Dosenbier und Mofa zwischen Straubing und St. Pauli musste es doch mehr geben. In PR lieferte das von Voltz seit Heftnummer 650 dirigierte Autorenteam das kosmische Träumen mit den zuvor wie danach konzeptionell und erzählerisch unerreichten Zyklen zwischen Nummer 700 und 1000.

Damals und heute: Cover des ersten und des 3000. Bands der Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“.

In der PR-Fanszene wabert immer noch das Gerücht, Voltz habe die Serie irgendwann beenden wollen. Vielleicht mit Nummer 1000. Ein guter Schluss wäre das philosophisch zurückgelehnte, einem Prosagedicht nicht unähnliche Jubiläumsheft aus dem Jahr 1980 sicherlich gewesen. Dramaturgisch jedenfalls pfiff PR danach immer mal wieder auf dem letzten Loch. Idealistisch erst recht. Die sozialliberale Ära war alsbald vorbei und die nach 1989 (der Mauerfall war so um Heftnummer 1473) in immer schnellerer Folge auftretenden politischen, gesellschaftlichen und technischen Umwälzungen, ließen große Teile auch der internationalen Science Fiction recht vorsintflutlich aussehen. SF-Romanautoren konnten sich von Buch zu Buch um Aktualität in ihrer visionären Gesellschaftskritik zu bemühen suchen, aber PR und sein Autorinnen- und Autoren-Team mussten sich noch zusätzlich mit dem Denkmalcharakter ihres Gesamtwerks rumschlagen: Heft 1000, Heft 2000, 30 Jahre PR, 40 Jahre, 50 Jahre... ein Superlativ nach dem anderen – die Publikationsgeschichte schien bald die PR-typische Gigantomanie in der technischen Imagination zu überholen.

Und nachdem man den ganz alten Schwung der waffenstarrenden Hauruck-Raumromantik wie den der transzendentalen Sinnsuche kosmischer Friedensfreunde hinter sich gelassen hatte, mangelte es PR plötzlich an visionären Zielen. So ähnlich wie der westlichen Welt an der und jenseits der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Was einen trotz der zunehmenden globalen Probleme nicht so sehr wundern sollte: „PR ist mittlerweile eine Chronologie (…) bundesdeutscher Geschichte“, sagt der PR-Autor und promovierte Germanist Hartmut Kasper. Und: „Viele glauben, dass vom Namen her Perry Rhodan eine amerikanische oder amerikanisch inspirierte Serie ist. Tatsächlich ist sie so deutsch wie (...) Sauerbraten ...“. Und so wenig inspiriert wie Sauerbraten ist ja auch die deutsche Politik seit einigen Jahren. Wer will da PR gelegentliche konzeptionelle Schwächen verübeln?

Ein unabsichtliches Zeugnis der technischen Weltsicht

Dabei ist die Frage nach Inspiration durch gesellschaftliche Umbrüche gar nicht etwas, das das Wohl oder Wehe von PR ausmacht. Eine höchst eigene Traditionslinie hat bis heute einen viel bedeutenderen Einfluss. PR ist nämlich nicht bloß „Chronologie bundesdeutscher Geschichte“, sie wurde lange geschrieben durch eine sehr spezielle Brille: die des Ingenieurs.

Die Rede ist vom „homo faber“, dem unentwegt „schaffenden Menschen“, dem Max Frisch 1957 unter eben jenem lateinischen Begriff ein vielschichtig kritisches Denkmal setzte. Frischs Roman ist praktisch ein Solitär geblieben; kaum wer hat sich ernsthaft mit der sozialpsychologisch-historischen Perspektive der Techniker und der Technokraten beschäftigt, auch wenn sie über Jahrzehnte das Alltagsbild der Deutschen in der Welt weitaus mehr prägten als Goethe und Schiller. Dass man kaum mehr vom Ingenieur weiß, liegt nicht zuletzt an ihm selbst: Die Innung sieht sich traditionell gern unbeeinflusst von jedwedem gesellschaftlichen Wandel – ergo gibt es auch nichts darüber zu schreiben. Perry Rhodan ist aber so etwas wie ein unabsichtliches Zeugnis der technischen Weltsicht.

Nicht von ungefähr untertitelte der Autor Heiko Langhans seine 2001 bei Pabel-Moewig erschienene Karl-Herbert-Scheer-Biografie mit „Konstrukteur der Zukunft“. Scheer, dem der Löwenteil an der Konzeption von PR zugesprochen wird, meldete sich gerade 16 Jahre jung noch 1944 freiwillig zur Kriegsmarine, zwecks Ingenieurslaufbahn. Die kriegerischen Ingenieurs-träume waren aber schnell ausgeträumt, und im Nachkriegsdeutschland auf Ingenieur für Maschinenbau zu studieren, erwies sich als zu teuer. Geld brachte dagegen das Verfassen „utopischer Romane“, wie man seinerzeit Science-Fiction-Erzählungen nannte.

Der verhinderte Ingenieur Scheer beschrieb seine Raumschiffreisen wie im U-Boot und verwendete für den Titelhelden ein verklärtes Bild des „sauberen“ Wehrmachtsoffiziers: „(...) geistig stabil und ausgeglichen. Könner vor dem Herrn. Dunkelblond, graublaue Augen (...) Notfalls sehr harter Vorgesetzter, ansonsten ein Mann, der schwerwiegende Befehle mit einem leichten Grinsen auszusprechen pflegt.“ Da konnten im Lauf der Serie immer weniger Autoren mit. Schon anderen (jüngeren) Ingenieur-Schreibern kam es zupass, als Willi Voltz das Regiment übernahm und den „Erben des Universums“ durch Selbstzweifel vermenschlichte. Aber den Lesern sollte der technokratisch distanzierte „Könner vor dem Herrn“ noch viel länger reichen. Beinahe gefährlich deutlich wurde das im Dezember 1981. Anhand einer Zeichnung.

Technische Zeichnungen haben bei Perry Rhodan Tradition

Seit 1965 erscheint alle vier Wochen in PR eine „Risszeichnung“ von Raumschiffen, Sternenstationen oder Wartungsrobotern, einst haarklein entworfen am Reißbrett mit Tusche und Lineal, heute mit Grafikprogrammen am Bildschirm konstruiert. Der „Riss“ kommt von einem „Aufriss“ des abgebildeten Gerätes, um sein Innenleben darstellen zu können. „Technische Zeichner“ gibt es nicht mehr, aber „technische Zeichnungen“ in PR sind Tradition. Und selbige wahrt man, man verändert sie nicht und man gibt sie auch nicht so schnell auf. Deutsche Science-Fiction-Fans waren kaum je für Avantgardismus bekannt.

Zurück nach 1981, als in PR 1059 Jürgen Rudigs Risszeichnung vom „Abfangjäger der neuen Redhorse-Baureihe“ veröffentlicht wurde. Und die PR-Leserschaft sich darauf stante pede in zwei unversöhnliche Lager teilte. Rudig hatte eine Hommage an den esoterischen SF-Comic-Großmeister Moebius aus Frankreich abgeliefert. Freihand ausgeführt. Und keine weitere Variation des unzählige Male in PR fetischisierten Starfighters sondern korrekt un-aerodynamisch für den Einsatz im Vakuum des Weltraums verzwirbelt gezeichnet. Mit dem Abdruck verkalkulierte sich Chefpilot Voltz gehörig: Er hatte geglaubt, die Leserschaft sei reif für die Zukunft. Fehlanzeige. Noch lange nicht. 1981 war die Kalte-Kriegswelt der PR-Fans noch ein konservativer Monolith. Rudigs Karriere wurde radikal beendet. Nach drei Jahrzehnten Verbannung, 2011, bekam der erfolgreiche Pädagoge dann als Überraschungsgast bei einem Fantreffen in Mannheim anlässlich 50 Jahre PR den gehörigen Applaus von Lesern, Autorinnen, Autoren und Kollegen, der ihm schon 1981 gebührt hatte. Aber – wie hatte sich der technokratische Fetisch so lange halten können? Mitten in den recht bewegten achtziger Jahren, als Deutschland sich komplett neu zu definieren begann?

Vielleicht zehrte da die deutsche Science Fiction von einem anderen Denkmal, einem noch größeren als Perry Rhodan. Vom englischen SF-Pionier H.G. Wells (1866 - 1946). Von dem Vielschreiber sind in Deutschland vornehmlich „Der Krieg der Welten“, „Die Insel des Dr. Moreau“ und „Die Zeitmaschine“ bekannt, geschrieben und gewarnt hat er aber auch vor Atomwaffen, Panzern, Kampfgas, Flächenbombardements und U-Booten mit Marschflugkörpern – und immer lange vor deren realer Entwicklung. Wells sah sein Schreiben mehr im Dienste der Gesellschaftskritik denn im Sinne der Unterhaltung. Und so wollte er seine 1933er Geschichte „Things To Come“ („Von kommenden Tagen“, deutsche Erstveröffentlichung 1980) auch eher als „Diskussionsbeitrag“ verstanden wissen. In der Story ahnt Wells den Zweiten Weltkrieg voraus, an dessen Ende die komplette Zivilisation in Trümmern liegt. Eine Gruppe von Ingenieuren tut sich zusammen, die Menschheit zu retten, baut eine wohlwollende technokratische Diktatur auf (sogar umweltverträglich!) und greift schließlich nach den Sternen mit einer ersten Mondrakete. 1936 wurde die Story erfolgreich verfilmt und wird heute international als „der erste ernsthafte SF-Film“ verehrt.

In Hitlers Deutschland fand der Streifen wohl kaum einen Verleiher, die SF-Fans Scheer und Ernsting konnten ihn also höchstens nach 1945 sehen. Vielleicht als Teil des kulturellen Entnazifizierungsprozederes, vielleicht bei einem SF-Fantreffen, wo der britische Fan Julian Parr, im Krieg bei der Royal Air Force, dann für die Alliierte Kontrollkommission tätig und schließlich Konsularangestellter, den Film über den British Council hätte besorgen können. Parr, der des öfteren die deutschen Fans antrieb, sich zu organisieren, war mit PR-Miterfinder Walter „Clark Darlton“ Ernsting bekannt – und hätte diesen wiederum mit Wells’ Utopie im Buch oder im Film bekannt machen können. Von Ernsting war es dann nur ein Schritt zum fortschrittsgläubigen Beinahe-Ingenieur Scheer.

Und zumindest ihm musste folgende Aussage einer der Hauptfiguren der Filmversion, des technokratischen Diktators und Weltraumpioniers, sehr zupass kommen: „Der Mensch muss vorwärts streben, Eroberung um Eroberung. Erst dieser kleine Planet, dann die anderen und schließlich der immense Raum der Sterne. Und wenn er alle Tiefen des Raumes erobert hat und alle Geheimnisse der Zeit gelöst hat – wird er doch immer noch am Anfang stehen.“ Zumindest letzterem wird die PR-Gemeinde heute immer noch unbedingt zustimmen: PR 3000? Ein Anfang ist gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion