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Das Per Voi in Charlottenburg. Adresse: Schlüterstraße 74, Telefon: 31 99?83?84, Öffnungszeiten: Di–So: 12–23 Uhr, Kreditkarten: alle gängigen.

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Im Per Voi

Die Atmosphäre einer leicht spießigen Gemütlichkeit herrscht im Charlottenburger "Per Voi". Doch bei den Gerichten erfüllt der Italiener die höchsten Erwartungen, die man an eine gehoben familiäre italienisch-sizilianische Küche haben kann.

Von Sabine Vogel

Dunkel ist’s und menschenleer um halb neun in der Charlottenburger Schlüterstraße. Gut, es regnet. Aber für einen Freitagabend wirkt der Berliner Westen nahe dem Savignyplatz doch recht ausgestorben. Heimeliges Licht fällt aus kleinen Antiquitätenläden auf die Bürgersteige. Wer kauft eigentlich heute noch böhmische Kristallgläser und Stilmöbel? Wer hier eine der edlen Altbauwohnungen bewohnt, zieht selten wieder aus, aber gepflegt ausgehen oder in Kneipen rumhängen ist offenbar nicht mehr Priorität. Nur im "Good Friends" an der Ecke zur Kantstraße boomt es, zumeist jüngeres Publikum bevölkert das immer wieder zu Recht gelobte Chinarestaurant.

Weiter nördlich, hinten möchte man sagen, an der Ecke zur Goethestraße, wo es früher eine Imbissbude gab, hat sich inzwischen das "Per Voi" eingenistet. Klein ist das Lokal, in dem man sommers freilich auch draußen sitzen kann, und nicht gerade überlaufen. Üppige Topfpflanzen auf den Fensterbänken, rotgemustert bezogene Bänke, weiße Tischdecken und meterweise Weinflaschenregale über Kopfhöhe erzeugen eine Atmosphäre leicht spießiger Gemütlichkeit. Und wenn nicht ein anonymer Anrufer mir dieses Restaurant wärmstens ans Herz gelegt hätte ("da ist jede Nudel selbst von Hand ausgerollt"), wären ehrlich gesagt auch wir achtlos an dieser Wirtschaft vorbeigelaufen. Aber eine der Herausforderungen dieser Kolumne besteht ja darin, immer noch ein Restaurant zu finden, das noch nicht an dieser Stelle besprochen wurde. Deshalb hier schon mal ein herzliches Danke an den Tippgeber!

Auch wenn wir den Nudeltest nicht gemacht haben – die Verlockungen der nudelfreien Speisen waren einfach zu groß –, erfüllte das Per Voi ("Für Euch") die höchsten Erwartungen, die man an eine gehoben familiäre italienisch-sizilianische Küche haben kann. Schon während wir uns den Mund mit den auf einer Tafel angekündigten Tagesgerichten wässrig machten, breitete sich die gut gelaunte Freundlichkeit der zwei Maestros hinter und vor dem Tresen wie ein samtiger Sherry in unseren Gemütern aus. Nicht nur überzeugten sie uns davon, dass für uns nur das Beste gut genug sei, sie gaben uns auch das Gefühl, mit allem die beste Wahl getroffen zu haben.

Lammfilets - so weich wie eine Angoramütze

Der sizilianische Rotwein, ein Santagostini (28,50 Euro), ist mindestens der absolute Favorit des Sommeliers und auch jedes anderen Kenners. Dem war nach Verkostung des brombeerigen, in Auf- wie Abgang sensationellen Weines nicht zu widersprechen. Ebenso zufrieden stellte uns die sämige, fein gewürzte Kartoffelsuppe mit geraspelten Trüffeln (8,50 Euro) und der klassische, also quasi von Natur aus eher langweilige gemischte Vorspeisenteller mit Parmaschinken, nussiger italienischer Salami, marinierten Artischocken und getrockneten Tomaten (12,50 Euro).

Richtig spektakulär wurde es freilich erst bei den Hauptgerichten. Mein heiter dauerquasselnder Begleiter hatte sich in einem Anfall plötzlicher Konzentration für die Lammfilets in Rotweinsoße mit frischem Rosmarin entschieden, ich mich in winterlicher Nostalgie für Fasanenbrust in Speckscheiben mit Pflaumensoße (je 16,50 Euro). Dazu gab es jeweils goldgelb angebratene Kartoffelschnitze und schlichte grüne Bohnen, deren knackige Frische nur einer Tiefkühltruhe entstammen konnte.

Nun sind die Sättigungsbeilagen traditionell nicht gerade des Italieners Stärke. Deshalb hätten wir vielleicht doch die hausgemachten Ravioli mit Trüffeln, die Spaghetti mit Ziegenkäse und Kräuterkruste oder die Bandnudeln mit Seeteufelragout als Primi Piatti probieren sollen. Aber schon so waren die Fleischportionen reichhaltig genug, dass wir sie uns gegenseitig zum Kosten auf die Teller schoben. Der in dunkler Weinsoße getränkte Rosmarin schmeckte so intensiv, als wäre er gerade aus dem Garten gepflückt, die drei Lammfilets waren so weich wie eine Angoramütze. Etwas wilder und kräftiger kam die knusprige Fasanenbrust in ihrer Speck- und Pflaumenkreation daher. Danach ein Grappa (aufs Haus), und weil wir uns gar nicht wie Kunden, sondern wie Gäste fühlten, kam es uns fast schäbig vor, Trinkgeld zu geben.

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