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70 Prozent der Besucher sind Franzosen, die über sich selbst lachen wollen, weiß die Komödiantin Julie Collas.

Julie Collas

Pariser Provokationen

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In ihrer Show „Oh my God – she’s Parisian!“ räumt die Komödiantin Julie Collas mit dem Klischee der charmanten Hauptstädterin auf und präsentiert die Pariserin selbstironisch als unerträgliche Kratzbürste.

Der Anruf der „Maman“, der französischen Mama, kommt zwar zur Unzeit um halb acht Uhr abends, Julie Collas nimmt trotzdem ab. Was wäre das auch für eine typisch Pariser Show, die rechtzeitig beginnen würde? „Allo, Maman? Ja, das Publikum ist da“, ruft Julie mit überdrehter Stimme in ihr Handy. „Ja, sie sind pünktlich, nein, sie sind keine Franzosen. Wenn du ihre Kleidung sehen würdest – oh mon Dieu!“ Zart besaitet sollte nicht sein, wer die ersten Ränge besetzt und womöglich etwas fülliger ist. Gleich wird er oder sie sich anhören müssen, dass man hier heraussticht: „In Paris gibt es keine fetten Menschen. Die fetten Menschen in Paris, das sind die Touristen.“ Also jene Leute, die doch tatsächlich oft glauben, sich in der französischen Hauptstadt zurechtfinden zu können, ohne die Sprache Molières fließend zu beherrschen. Ein Irrtum.

In Wahrheit, das wird bald klar, macht sich Julie Collas nicht um die Körperrundungen oder mangelnden Sprachkenntnisse ihrer Gäste lustig, sondern über den Zynismus und die unerträgliche Ignoranz der französischen Hauptstädter. Zwei Gesichter offenbart die Komikerin: jenes der eleganten Pariserin, von der die ganze Welt schwärmt, – und jenes der gestressten Kratzbürste, die konsequent griesgrämig dreinblickt: Wer in der Metro lächele, dem werde ein mentales Problem diagnostiziert.

„Ihr denkt, Pariser Frauen seien schön? Kommt mal frühmorgens vor eine Schule, wenn sie verkatert ihre Kinder abgeben“, rät Collas. Metro, Arbeit, Kindergeschrei – das zehre an der Pariserin, deren bewährteste Erziehungsmethode darin bestehe, dem Gör mit einem „Fuck off!“ Grenzen aufzuzeigen.

Die Komikerin offenbart zwei Gesichter.

„Nichts ist erfunden, und nichts ist Klischee! Ich spreche über mein eigenes Leben als Pariserin“, sagt die Mutter zweier Söhne von ihrer knapp einstündigen One-Woman-Show „Oh my God – she’s Parisian!“, also: „Oh mein Gott – sie ist Pariserin!“. Zwar bestreitet sie den Auftritt in einem stark mit französischem Akzent durchsetzten Englisch, um Touristen anzusprechen. Doch 70 Prozent der Besucher sind Franzosen, die über sich selbst lachen wollen. Das weiß die 43-Jährige, weil sie viele im Anschluss kennenlernt: Wer will, darf der ebenso zierlichen wie hyperaktiven Komödiantin ein Küsschen auf die Wange geben – oder ihr die Meinung geigen. Collas setzt auf Nähe zum Publikum und Mund-zu-Mund-Propaganda, um noch bekannter zu werden.

Denn sie ist neu im Geschäft. Von ihrem früheren Job als Wirtschaftsanwältin im Pariser Geschäftsviertel La Défense – „einer Art Gulag, wo man Leute mit zu vielen Diplomen hinsteckt“, spottet sie – hatte sie irgendwann genug. Eigentlich wollte sie ein Buch über die typische Pariserin schreiben, verarbeitete ihre Ideen dann aber ohne jegliche Bühnenvorerfahrung zur Stand-up-Comedy, mit Baskenmütze und in einem blau-weiß gestreiften Shirt, wie es das Markenzeichen des Modemachers Jean-Paul Gaultier ist.

Derzeit verballhornt sie die „Gelbwesten“ ebenso ausgiebig wie Präsident Emmanuel Macron, der mit seiner „Mutter Brigitte“ verheiratet sei. Sie selbst sei leider keine passende Frau für ihn, stöhnt Julie auf der Bühne: „Emmanuel, ich bin doch viel zu jung für dich!“ Sie improvisiere ständig, sagt sie, schreibe die Show regelmäßig um und teste so die Witze – um es zu merken, falls doch einmal einer zu weit geht. Jener über das fette Publikum blieb bislang. Er kommt zu gut an.

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