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„Die Geige ist das Beste, was mir in Berlin passiert ist“, sagt Parisa (rechts), dessen Familie aus Afghanistan geflohen ist.
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„Die Geige ist das Beste, was mir in Berlin passiert ist“, sagt Parisa (rechts), dessen Familie aus Afghanistan geflohen ist.

Geflüchtete in Berlin

Parisa hat den Bogen raus

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Die Al-Farabi Musikakademie bringt neue Töne in das Leben geflüchteter Kinder. Initiiert wurde das Berliner Integrationsprojekt von einem israelisch-arabischen Pianisten von Weltklasse und einem namhaften deutschen Operndirigenten.

Geige lernen. Schon als Kind habe sie diesen Wunsch verspürt, sagt Parisa. Damals lebte sie mit ihren aus Afghanistan geflohenen Eltern und den beiden Brüdern noch im Iran. Die Streicher gefielen ihr am besten, wenn im Radio persische Musik lief, manchmal auch Beethoven und Mozart. „Das will ich auch lernen“, rief sie dann. Real war nicht daran zu denken. Aber manchmal werden Träume über Umwege wahr, dort, wo man am wenigsten damit rechnet.

In Parisas Fall war das ein Heim für Geflüchtete in Berlin, in dem sie die ersten Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland vor zwei Jahren unterkam. Hier erzählte ihr ein Nachbarmädchen, sie gehe jetzt zum Geigenunterricht, in der Al-Farabi Musikakademie koste der nichts. „Was?“, Parisa konnte es kaum fassen. „Kann ich mit?“

Gut ein Jahr ist das her. Viel hat sich seitdem getan. Inzwischen lebt Parisa mit ihrer Mutter in einer kleinen Anderthalb-Zimmerwohnung, ist gerade in die 11. Klasse versetzt worden, will ihr Fachabitur mit Schwerpunkt Computertechnik machen, hat ihr Deutsch verbessert, neue Freunde gefunden. „Aber die Geige“, sagt die 19-Jährige, „ist das Beste, was mir in Berlin passiert ist.“

Eine Unterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau. An die 200 Menschen aus 25 Ländern sind hier in Wohncontainern auf abgezäuntem, bewachtem Gelände untergebracht. Für den Übergang, der kann dauern. Einige der geflüchteten Familien haben ihre Eingänge mit Tüchern verhängt, andere Blumentöpfe neben die Tür gestellt.

Das mildert die Strenge der schnurstracks aufgereihten Einfachbauten, getrennt von geteerten Fußwegen. Farblich dekoriert ist auch der Lerncontainer, in dem die Al-Farabi-Lehrerinnen und -Lehrer freitagnachmittags Geigen- und Gitarrenstunden geben. Seit den Sommerferien finden sie – nach verordneter Zwangspause während des Corona-Lockdowns im Frühjahr – wieder regulär statt. „Zum Glück“, sagt Parisa.

In Röhrenjeans, auf dem Kopf ein loses Tuch, erscheint sie pünktlich zum Unterricht. Behutsam nimmt sie das Instrument aus dem Kasten, wie eine Kostbarkeit legt sie es auf die Schulter. Den Bogen hat sie längst raus, ihn über die Saiten streichen zu lassen, um dem Klangkörper einfache Melodien zu entlocken. Nur die Griffe sitzen noch nicht so sicher. „Ohne die“, tippt die Geigenlehrerin lächelnd auf Parisas Fingernägel, „hättest du es beim Üben leichter.“ Parisa liebt sie möglichst lang und kunstvoll lackiert, was den Nachteil hat, dass nicht jeder Ton sauber rauskommt.

Aufgetreten ist Parisa auch schon einmal, Höhepunkt eines Workshops, an dem zuletzt im Februar, noch vor dem Pandemie-Ausbruch, diverse Al-Farabi-Schülerinnen und -Schüler teilnahmen. Vier Tage lang übten sie das Zusammenspiel in der Spandauer Zitadelle, junge Geigerinnen, Gitarrenanfänger und Chorgruppen. Eine ziemlich gemischte Angelegenheit in jeder Hinsicht, weil die Al-Farabi Musikakademie nicht nur geflüchtete Kindern offensteht, sondern auch Berliner Kids aus gutbürgerlichen Familien, oder solche, deren Eltern sich sonst Musikstunden gar nicht leisten könnten. „Wirkliche Integration kann ja nur passieren, wenn man sich kennenlernt“, sagt Felix Krieger, der neben seiner Arbeit als Leiter der Berliner Operngruppe und Gastdirigent an großen Opernhäusern das soziale Projekt mitinitiiert hat. „Wenn man mit Kindern musiziert, passiert so viel.“ Aus diesem Gedanken heraus entstand die Al-Farabi Musikakademie.

„Man merkt, wie die Kinder aufblühen. So ein Workshop schweißt wirklich zusammen“, meint Saleem Ashkar.

Krieger erinnert sich, wie die Idee zu keimen begann vor fünf, sechs Jahren. Peter Bleckmann, ein Pädagoge und Politologe, mit dem er 2014 bei einer Veranstaltung zur Frage unbegleiteter, minderjähriger Geflüchteter über die Idee sprach, fand sie gleich toll. „Lass mich das der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vorschlagen“, meinte er. Bleckmann war dort Bereichsleiter und hatte gute Kontakte.

Saleem Ashkar, einer der weltbesten Pianisten seiner Generation, der aus Nazareth stammt und in Berlin lebt, war sowieso sofort mit dabei. Er und Krieger kennen sich schon lange, von gemeinsamen Auftritten vor ausverkauften Konzerthäusern und auch aus ihrer Zusammenarbeit beim Polyphonie-Orchester, einer musikalisch wie politisch hochambitionierten Institution, die Ashkar in seiner alten Heimatstadt gegründet hat. Aber jetzt ging für sie Berlin vor.

Also besuchten die beiden Willkommensklassen, spielten ihnen etwas auf dem Klavier oder mitgebrachten Instrumenten vor, um sie zum Mitmachen zu animieren. Im Trio mit Bleckmann riefen sie Al-Farabi ins Leben, benannt nach einem frühen islamischen Philosophen, der sich neben den Schriften von Aristoteles über Logik und Mathematik auch mit Musik beschäftigt hatte. Ihre Antwort auf die politische Stimmung, die immer mehr kippte.

Die Aufbauphase war hürdenreich. Auch die laufende Arbeit erfordert immer wieder neuen Kraftaufwand. Die Musikakademie Al-Farabi hat ja nicht nur einen festen Standort, sondern viele, an Brennpunktschulen wie in Unterkünften für Geflüchtete. Sich um Fördergelder kümmern – derzeit wird die Arbeit von der Lottostiftung, Landesmitteln sowie Spenden von Unternehmen und Privatleuten finanziert –, Räume finden, Unterrichtstunden organisieren, nichts geschieht von allein.

Umso bemerkenswerter sind die Erfolge. Sogar im Schloss Bellevue hat ein Al-Farabi-Orchester mit Chor auf Einladung der Ehefrau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender schon ein Ständchen dargeboten. 22 Jugendliche aus Deutschland, Somalia, dem Iran, Afghanistan und Syrien hatten dort 2019 ihren großen Auftritt beim Fest zum 25. Geburtstag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Auf einer Bühne stehen, vor Publikum spielen, das war auch beim Workshop in der Spandauer Zitadelle ein aufregender Moment. Fast bis zuletzt hatten sie mit Chorleiter Kian Jazdi zwei neue Stücke geprobt, separat und gemeinsam. Jazdi, der sich nach seinem Musikstudium auf interkulturelle Musikpädogogik spezialisiert hat, ist so etwas wie eine Idealbesetzung bei dem Unterfangen, Kinder unterschiedlicher Herkunft zusammen zu bringen. Auch weil er selbst persische Wurzeln hat, aber vor allem, weil er die Kinder mit Lust und Laune, Nervenstärke und Durchsetzungsvermögen zu motivieren versteht.

Alle sind gespannt. Noch eine halbe Stunde Auszeit, das Lampenfieber steigt. Dann ist es soweit. Die jungen Musikerinnen und Musiker nehmen Aufstellung, hinten rechts Parisa, um ein paar Kopflängen größer als die Kleinsten vorne in der ersten Reihe. Dirigent Felix Krieger hebt die Hände zum Einsatzzeichen und, unterstützt von den mitspielenden Al-Farabi-Lehrerinnen und -Lehrern, verbindet sich, coram publico, eine orchestrale Familie. Das Europa-Lied in vereinfachter Version der Telemann-Kantate klingt noch etwas holprig, schon schwungvoller „Bint el-Shalabiya“, ein arabisches Volkslied. In den Reihen der Zuhörenden recken stolze Eltern und Geschwister die Handys hoch. Geschafft. Applaus. Den genießen kleine Künstlerinnen und Künstler genauso wie die Großen.

„Man merkt, wie die Kinder aufblühen“, sagt Saleem Ashkar. „So ein Workshop schweißt wirklich zusammen.“ In grauem Pulli, um den Hals einen dunklen Schal geschlungen, sitzt der 44-Jährige an einem regnerischen Sonntag in einem Café, um über das Berliner Projekt zu sprechen, das, so Ashkar, „mir sehr nah am Herzen liegt“. Nicht zuletzt, weil es mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat.

Ein Pianist von Weltrang zu werden, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Familie, arabische Israelis, hatten mit klassischer Musik nichts am Hut. Dass der Vater ein Klavier ins Haus brachte, geschah eher zum Gefallen der Mutter, es erinnerte sie an ihre Kindheit in der Nonnenschule. Der kleine Saleem wollte unbedingt darauf spielen. Mit sechs Jahren, erzählt Ashkar, „kam ich so in Kontakt mit diesem Virus“ – Klaviermusik.

„Ich kenne kein besseres Werkzeug, das wir ihnen geben können, als die Musik“, so einer der Initiatoren.

Mit elf Jahren gewann er, das arabische Wunderkind aus Nazareth, entdeckt von jüdischen Lehrerinnen und Lehrern, erste Preise in Israel. „Aber das hatte immer einen politischen Nebengeschmack“, meint er im Rückblick. Die Eltern wollten nicht, dass sich seine Klavierausbildung mit dem Nahostkonflikt vermischt und schickten ihn im Alter von 13 Jahren zu Verwandten nach Europa.

Welch steile Karriere vor ihm lag, ahnte er selbst damals wohl nicht. Sein Potenzial erkannte Daniel Barenboim allerdings bald. Unter seiner Leitung debütierte Ashkar, gerade 22 Jahre alt, in der Carnegie Hall. Nach dem internationalen Durchbruch gastierte er ebenso bei den Wiener Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig. Gefeiert als herausragender Interpret der Werke von Beethoven und Mendelssohns.

Ob ihm, dem Könner, nicht die vergleichsweise schrammeligen Töne der Al-Farabi-Kinder öfters mal in den Ohren wehtun? Ashkar stellt die Espressotasse ab. Klar, höchster Musikgenuss sei damit nicht verbunden – im Gegensatz zu dem von ihm und seinem Bruder Nabeel aufgebauten Polyphonie-Konservatorium in Nazareth, dessen Kammerorchester aus hochtalentierten jüdischen und arabischen Nachwuchsmusikerinnen und -musikern glanzvolle Konzerttourneen vorzuweisen hat.

„Al-Farabi kreiert komplett andere Vibes“, sagt Ashkar. „Es geht um menschliche Kontakte durch Musik, um die Vision eines anderen Miteinander.“ Nicht, dass er die Schwierigkeiten vertuschen möchte. Vielen dieser Kinder fällt schon schwer, sich zu fokussieren. Sie sind hibbelig und mit dem Kopf irgendwo anders, ihre Aufmerksamkeitsspanne ist gering, ihr Drang nach persönlicher Zuwendung groß.

Ihnen zu sagen, „stopp, jetzt wird nur Musik gemacht“, klingt einfacher, als es ist. Auch für Ashkar war das ein Lernprozess. Aber er kenne „kein besseres Werkzeug, das wir ihnen geben können, als die Musik, um zu sich zu kommen. Ich weiß“, fügt er hinzu, „unsere Arbeit ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch er verändert das Leben für die, die mitmachen.“

Vor einer weiteren Herausforderung stand das Team von Al-Farabi nach Ausbruch der Pandemie. In die Unterkünfte durfte fast drei Monate niemand rein. Die Schulen waren eh dicht. Den Kontakt zu den Kindern zu halten, ging allenfalls online. Die Schülerinnen und Schüler über Skype, Whatsapp oder Zoom zu unterrichten, klappte teils ganz gut. Komplizierter gestaltete sich die Idee, die daheim hockenden Kinder per Video zu einem „Corona Challenge Chor“ zu vereinen. In einigen Unterkünften gab es ja nicht mal Internet.

„Wir haben permanent improvisiert“, berichtet Kian Jazdi, der pädagogische Leiter von Al-Farabi. Die Telefonleitungen zwischen ihm, Ashkar, Krieger und Bleckmann liefen heiß, um zu beraten, „wie kriegen wir das hin“. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, ein Video auf Youtube und der Al-Farabi-Webseite, in dem ein Dutzend Kinder mit Kopfhörern und begleitet von Rahmentrommeln, Klavier, Bratsche, Geige und Gitarre das Lied vom „schönen Mädchen“ anstimmen, „Bint el-Shalabiya“.

„Die Krise hat uns am Ende gestärkt“, sagt Kian Jazdi. „Die Kids haben gemerkt, dass wir alles geben, um sie zu erreichen.“ Gerade hat er mit den Jungs auf der Stoppelwiese nahe den Containerbauten Rhythmen geübt, Chorarbeit ist derzeit ja nicht erlaubt. „Ich mach vor, ihr macht nach.“ Zwanzig Minuten ist der Kreis seinen Takt-Vorgaben mit Händeklatschen und ganzem Körpereinsatz gefolgt. Dann stiebt er auseinander. „Vor Corona hat so was noch fünfzig Minuten funktioniert“, seufzt Jazdi. „Aber Hauptsache, wir bleiben präsent.“

Nicht alle sind so eine Musterschülerin wie Parisa, die von sich sagt, sie verspüre „immer mehr Lust auf die Geige“. Ein Leben ohne, sagt sie, könne sie sich nicht mehr vorstellen. Bei der Geigenstunde neulich hat sie sogar ihrer Lehrerin versprochen, die Nägel der Griff-Finger zu kürzen.

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