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Paradies oder Senioren-Ghetto?

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Von: Damir Fras

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Die Siedlung punktet mit ihrem angenehmen Klima: Meist scheint die Sonne, aber zu schwül oder heiß ist es selten.
Die Siedlung punktet mit ihrem angenehmen Klima: Meist scheint die Sonne, aber zu schwül oder heiß ist es selten. © rtr

„The Villages“ in Florida ist die weltgrößte Siedlung für Senioren. In der künstlichen Stadt gelten strikte Regeln - ein Besuch.

Walt Hoffmann ist nachgerade aus dem Häuschen. „Hier ist alles gut, hier ist alles wunderschön“, sagt er in einem Tonfall, als wolle er sich selbst davon überzeugen, dass alles gut ist und alles wunderschön. Doch das klingt nur so. Hoffmann ist längst überzeugt, und der quirlige Mann von 80 Jahren ist ein begabter Schönredner. Er steht in einem auf Oldtimer getrimmten Bus und chauffiert Kaufinteressenten durch The Villages in Florida. Das ist die größte Rentnersiedlung der Welt, und Walt Hoffmann gibt alles, damit sie noch größer wird. Dafür wirbt er, schmeichelt er, erzählt Geschichten von Sonne, Sommer, Freizeit und von den wunderbaren Abenden in den Villages. „Man kann hier wie ein Milliardär leben“, sagt Hoffmann, „aber man muss keiner sein.“

Der Streifzug durch das, wie manche Kritiker sagen, Ghetto für mittlerweile mehr als 112.000 Senioren beginnt am Marktplatz von Sumter Landing. Das ist einer der zentralen Orte der gigantischen Rentnersiedlung, die flächenmäßig größer ist als Manhattan. Im Starbucks an der Ecke sitzen die ersten Kaffeedurstigen. Aus einem Pflanzkübel kommt die Stimme des Sprechers von Daily Sun Radio, dem siedlungseigenen Rundfunksender. „Well, wieder ein sonniger Tag heute, wieder ein schöner Tag. Sind wir nicht Glückspilze, dass wir hier leben dürfen?“, säuselt es aus der Blumenrabatte.

Walt Hoffmann, das darf man sagen, fühlt sich als Glückspilz. Vor elf Jahren kam er aus Cincinnati in Ohio nach Florida. Hoffmann war früher Dozent an einer Uni, später dann Berater für ein Unternehmen. Als die Rente näher kam, wollte Hoffmann mit seiner Frau in seine Heimatstadt New York City ziehen. Doch Hoffmann, damals 69 Jahre alt, schauderte vor dem Gedanken, den Rest seines Lebens in einer kleinen Wohnung zubringen zu müssen – „vorm Fernseher, oder den ganzen Tag lesen. Nein, das wollte ich nun wirklich nicht.“

Also zog er in die Villages, und ist seither überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Alles ist gut hier, alles ist wunderschön“, sagt er in sein Mikrofon, hält sich mit einer Hand in dem Bus fest und zeigt mit der anderen Hand auf ein Haus an einer Ecke. In einem Fenster steht eine Figur von Humphrey Bogart im weißen Cocktail-Jackett.

„The Villages“ wirken wie ein Kreuzfahrtschiff, auf dem der Amüsierbetrieb anhält, obwohl das Schiff längst auf dem Trockenen liegt. Um die knapp 90 Quadratkilometer große, eingezäunte Siedlung herum ist Florida wenig ansehnlich. Viele Felder sind aufgelassen, viele Häuser zerfallen. In der Rentnersiedlung aber stehen Palmen, die Straßen sind sauber wie in Singapur, die Häuser tipptopp, Geschäfte aller Art und vor allem viele Ärzte haben sich in den Villages angesiedelt. Das hat in der Region für einen Aufschwung gesorgt, den niemand erwartet hätte. Schon zum dritten Mal hintereinander sind die Villages der am schnellsten wachsende Bezirk in den gesamten USA. Stieg die Einwohnerzahl in Amerika im Jahr 2014 im Schnitt nur um 0,7 Prozent, waren es im Rentnerparadies erstaunliche 5,4 Prozent.

Die Gegend in Mittelflorida scheint geradezu ideal zu sein für ein künstlich geschaffenes Rentnerdomizil. Das Klima ist angenehm. Meist scheint die Sonne, aber zu heiß und schwül ist es nur selten. Die Region, eine Autostunde nordwestlich der Großstadt Orlando, liegt auch abseits der meisten Hurrikan-Routen. Walt Hoffmann zeigt wieder aus dem Busfenster auf eines der Häuser im Bungalow-Stil und sagt: „Jeden Morgen, wenn ich mit meiner Frau bete, danke ich dem Herrn, dass er mich hierher geführt hat.“

Die Geschichte der künstlichen Rentnersiedlungen in den USA beginnt Mitte der 1950er Jahre, als Benjamin Schleifer eine Art Pensionisten-Kibbutz in der Wüste von Arizona gründet, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass Kinder nicht zugelassen sind. Doch Circle City, angelegt als jüdische Gemeinde mit sozialistisch anmutenden Regularien, bleibt der große Erfolg verwehrt. Erst der Unternehmer Dell Webb, der im Zweiten Weltkrieg Internierungslager für US-Amerikaner japanischer Herkunft baute, schafft den Durchbruch. Sun City, ebenfalls in der Wüste von Arizona gelegen, wird der Prototyp der Altensiedlungen in den USA. So kommt schließlich der Versandhändler Harold Schwartz auf die Idee, Ähnliches in Florida zu probieren.

Er kauft ein Wassermelonenfeld und lässt anfangs 400 Wohnwagen aufstellen. Daraus entwickeln sich über die Jahrzehnte die Villages. Die Wohnwagen verschwinden, werden durch Häuser ersetzt. Schwartz, ein leutseliger Mann, erlebt noch den Aufstieg seiner Siedlung zur weltgrößten Senioren-Wohnanlage. Heute wird er von den „Villagern wie ein Säulenheiliger verehrt. In das Denkmal, das zu seinen Ehren auf dem Hauptplatz von Spanish Springs aufgestellt ist, wird seine Asche eingelassen. Es ist dann Gary Morse, der 2014 verstorbene Sohn von Harold Schwartz, der ein Millionen-Business aus den Villages macht.

Wer in den Villages lebt, hat für gewöhnlich keine Geldsorgen. Günstig ist das Leben ohnehin nicht. Im Deli von Sumter Landwich kostet ein Sandwich zehn Dollar. Das sind Preise wie in der Hauptstadt Washington. Neue Häuser kosten ab einer Viertelmillion Dollar aufwärts. Die Nebenkosten, in denen die Eintrittspreise für Dutzende von Swimmingpools und Sportplätzen enthalten ist, können pro Monat 1000 Dollar betragen. Haupttransportmittel in den Villages sind Golfwägelchen, mit denen die Rentner auf eigenen Fahrstraßen unterwegs sind. 60 000 dieser Wagen gibt es in den Villages. Die Aufgemotzten unter ihnen, die aussehen wie ein Sportwagen aus den 60er Jahren, kosten 20 000 Dollar und mehr.

Das riecht nach Geld. Doch Al Butler sagt, von einer Millionärssiedlung könne nicht die Rede sein. Eher finde sich hier die Mittelklasse wieder. Die gehobene, weiße Mittelklasse, wird man angesichts der Preise wohl eher sagen müssen. Denn Schwarze gehören zur absoluten Minderheit in den Villages.

Butler, ein 73 Jahre alter Mann, der früher eine Aluminium-Fabrik in Atlanta leitete, ist ein distinguierter älterer Herr, der auch im Ruhezustand keine Ruhe geben möchte. Dreimal pro Woche spielt er Golf auf einem der mehreren Dutzend Plätze in der Siedlung. 20 Stunden pro Woche arbeitet als ehrenamtlicher Landrat in der Verwaltung des Bezirks. Der gelernte Ingenieur sagt, die Villages fühlten sich vielleicht etwas künstlich an, „aber das Wetter ist besser hier als in vielen Teilen des Landes, und die Steuern sind niedriger“. Kein Wunder also, dass sich die Bevölkerungszahl in den letzten zehn Jahren verdoppelt habe.

„Außerdem gibt es hier für jeden etwas“, sagt Butler. Für die Einwohner der Retortensiedlung gibt es mehr als 1600 sogenannter Clubs, die meist von den Bewohnern selbst organisiert werden. Wer sich für Militärflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg interessiere, werde ebenso Gleichgesinnte finden, wie jemand, der nur Golf spielen wolle, sagt Butler. Außerdem werde man als Rentner in den Villages nicht so leicht zur Seite geschoben wie in anderen Städten der USA: „Gleichgesinnte freuen sich darüber, wenn sie Sache gemeinsam machen können.“

Die Senioren müssen dafür einen ganzen Katalog von Vorschriften in Kauf nehmen. Die Häuser sind uniform, die Fassaden sind entweder ockerfarben oder cremefarben, die Hecken müssen niedriger als 1,20 Meter sein, in den Vorgärten sind Gartenzwerge nicht erlaubt. Mülltonnen gibt es nicht, der Abfall wird an bestimmten Tagen in bestimmten Säcken in der Einfahrt abgelegt. Wohnmobile dürfen nur eine bestimmte Zeit vor den Häusern stehen. Einen Stadtrat, wie man ihn in Europa kennt, gibt es nicht, so dass der Einfluss der Bewohner auf die Entwicklung der Siedlung sehr begrenzt ist.

„Privatgemeinden“ nennen Wissenschaftler solche Siedlungen, von denen es in den USA einige Dutzend gibt. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin etwa schreibt: „Aus Bequemlichkeit werden bürgerliche Rechte aufgegeben. Stattdessen bezahlt man andere dafür die Lebensbedingungen zu gestalten.“ Gemeinschaft werde so zu einem Produkt, dass man käuflich erwerben könne.

So ist eine Rentnerstadt entstanden, in der es alles gibt, nur keine Kinder. Die sind pro Jahr für maximal 30 Tage bei Großeltern oder anderen Verwandten in den Villages zugelassen. Das spart Geld für Schulen, sorgt für Ruhe, macht aus der Siedlung aber auch ein unwirkliches Gebilde. Doch Walt Hoffmann, der von dem Projekt restlos überzeugte Fremdenführer, findet das völlig in Ordnung. Wer junge Leute sehen möchte, der müsse in den Walmart fahren, sagt er mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht: „Und schon treffen wir junge Menschen.“ Wer in die Villages ziehen will, muss mindestens 55 Jahre alt sein.

Der Autor Andrew Blechman, der ein Buch über die Villages geschrieben hat, kritisiert diese Regel in scharfem Ton: „Eine Stadt ohne Kinder ist für mich das Ende der Zivilisation.“ Doch Walt Hoffmann entgegnet mit amerikanischem Pragmatismus: „Wer hier nicht glücklich wird, der soll eben wegziehen.“ Manche machen das auch, die Mehrzahl aber bleibt – wahrscheinlich, weil die Uniformität des Lebens in den Villages wie eine Konstante in einer sich rasend schnell verändernden Welt ist.

Am Abend ist Happy Hour auf dem Hauptplatz von Sumter Landing. Die Margaritas kosten 3,25 Dollar, und die ersten Seniorenpärchen beginnen zu tanzen. „At the Copa, Copacapana“ – aus den Lautsprechern tönen die Hits der späten 70er. Der DJ sagt: „Freut euch. Denn morgen muss keiner von euch zur Arbeit.“ So geht das jeden Abend vier Stunden lang. Um Punkt 21 Uhr aber ist Schluss. Ordnung muss sein in der Retortenstadt der US-Rentner, in der es alles gibt, nur keine Kinder und keinen Friedhof.

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