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„Monstermonsun“ in Pakistan – ein Land versinkt in den Sturzfluten

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Von: Joachim Wille

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Pakistan wird in dieser Monsun-Saison von extremen Überschwemmungen heimgesucht. Millionen Menschen sind obdachlos. Die Regierung bittet um internationale Hilfe.

Islamabad - Europa, China und die USA haben in diesem Sommer extreme Dürre- und Hitzewellen erlebt, deren Ausmaß von Fachleuten dem Klimawandel zugerechnet wird. Pakistan mit seinen rund 220 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern hingegen steht derweil vor der womöglich schlimmsten Überschwemmungskatastrophe des Landes durch einen extremen Monsun. Die Zeitung Dawn berichtete, „mehr als die Hälfte Pakistans“ sei derzeit unter Wasser, Millionen Menschen seien obdachlos geworden. Die Ministerin für Klimawandel, Sherry Rehman, sprach von einem „Monstermonsun“. Es handele sich um eine Katastrophe „epischen Ausmaßes“. Die Wasserfluten folgen auf eine extreme Hitzewelle, die Pakistan und Indien im Frühjahr heimgesucht hatte.

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Laut Daten der der pakistanischen Katastrophenschutzbehörde NDMA leiden derzeit fast 33 Millionen Menschen, also etwa 15 Prozent der Bevölkerung, in 110 der 150 Bezirke des Landes unter den Überschwemmungen. Damit ist die Lage schlimmer als während der „Superflut“, die das Land 2010 erlebte. Damals wurden rund 20 Millionen obdachlos, und rund 2000 verloren ihr Leben. Die aktuellen Opferzahlen werden bisher mit mehr als 1000 angegeben, doch sie dürften weiter steigen. Die Regierung in Islamabad hat den Notstand ausgerufen und die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten.

Überall Wasser: Eine Frau in Rajanpur versucht, ihre Habseligkeiten ins Trockene zu bringen.
Überall Wasser: Eine Frau in Rajanpur versucht, ihre Habseligkeiten ins Trockene zu bringen. © Imago

Besonders betroffen sind Regionen im Süden des Landes. Dort haben die Fluten Häuser und Brücken zerstört, ganze Orte unter Wasser gesetzt und Berghänge hinuntergerissen. Laut Augenzeugeninnen und -zeugen wurden Menschen, insbesondere Kinder, vom Wasser mitgerissen. Andere kamen bei Hauseinstürzen ums Leben, ausgelöst durch Sturzfluten und Erdrutsche in den hügeligen Gebieten. Laut NDMA wurden mehr als eine halbe Million Menschen evakuiert und an sicherere Orte gebracht, auch mit Hilfe des Militärs.

Pakistan: „Das ist eine Sintflut“

Anfangs hätten sich viele geweigert, ihre Häuser zu verlassen, berichtet der Rettungsdienst „Rescue 1122“. Als das Wasser gestiegen sei, hätten sie jedoch eingewilligt. Die Geflüchteten leben nun in Schulen, Moscheen oder Zelten. Seit dem Wochenende sind auch Zehntausende im Norden auf der Flucht vor den Wassermassen, nachdem sich dort Flüsse in reißende Ströme verwandelt hatten. Mehrere Bezirke dort sind von der Außenwelt abgeschnitten, nach dem eine wichtige Brücke fortgerissen wurde.

Der jährliche Monsun, der in Indien und Pakistan kräftige Regenfälle mit sich bringt, dauert gewöhnlich von Juni bis September. Für die Wasservorräte und die Landwirtschaft spielt er eine sehr wichtige Rolle, allerdings führt er immer wieder auch zu verheerenden Überflutungen und Verwüstungen. In diesem Jahr ist die Situation extrem. In Pakistan sind in dieser Monsun-Saison im Schnitt bereits mehr als 350 Millimeter Regen pro Quadratmeter gefallen, das ist mehr als das Dreifache des Normalwerts von 113,7 Millimetern bis zu diesem Zeitpunkt. Im August hat es in der Provinz Sindh im Südosten des Landes sogar achtmal mehr geregnet als normal, in Belutschistan im Südwesten fünfmal so viel. Pakistan besteht aus vier Provinzen.

Klimaministerin Rehman zufolge erlebt das Land derzeit die achte Regenperiode in dieser Saison, üblich seien in einer kompletten Saison etwa vier bis fünf davon. „Pakistan hat noch nie einen ununterbrochenen Zyklus des Monsuns wie diesen gesehen“, schrieb sie auf Twitter. „Das ist keine normale Jahreszeit. Das ist eine Sintflut, die mehr als 33 Millionen Menschen betrifft, was der Größe eines kleinen Landes entspricht.“ Sie warnte davor, dass für September weitere Regenfälle angesagt seien. Dann könne ein Drittel des Landes unter Wasser liegen.

Erderwärmung hat mehr nasse Sommer zur Folge

In einem Interview mit der „Deutschen Welle“ nannte Rehman die extremen Wetterbedingungen, die Pakistan in diesem Jahr heimgesucht haben, als Beweis für die Klimakrise. „Das begann buchstäblich Ende Februar, Anfang März, als wir direkt vom Winter in den Frühling übergingen.“ Pakistan sei da zu einem der heißesten Orte der Welt geworden, mit mehr als 53 Grad Celsius im Süden des Landes. Das habe eine ganze Serie von Waldbränden ausgelöst, „die wir in Gegenden bekämpfen mussten, in denen es ohnehin schon wenig Wald gibt.“

Das benachbarte Monsun-Land Indien ist von Überflutungen aktuell nur wenig betroffen. Im August lagen die Niederschläge im Durchschnitt nur knapp sechs Prozent über dem Normalwert. Allerdings gab es regional ebenfalls sintflutartige Regenfälle, etwa in den nördlichen Bundesstaaten Himachal Pradesh und Uttarakhand. Durch Sturzfluten und Erdrutsche kamen dort mehr als 30 Menschen ums Leben.

Junge Männer am Sonntag in Belutschistan, wo bereits fünfmal mehr Regen fiel als in einer gewöhnlichen Saison.
Junge Männer am Sonntag in Belutschistan, wo bereits fünfmal mehr Regen fiel als in einer gewöhnlichen Saison. © afp

Pakistan ist besonders anfällig für Klimaveränderungen. Laut dem Klima-Risiko-Index der deutschen NGO Germanwatch findet es sich auf Platz acht der Länder, die im Zuge der globalen Erwärmung am stärksten von extremen Wetterereignissen bedroht sind. Für die extremen Hitzewellen, die Pakistan genauso wie Indien häufiger treffen, hat die Klimaforschung inzwischen den Zusammenhang mit dem Klimawandel klar nachgewiesen. So haben die Klimaforscherinnen Friedrike Otto und Mariam Zachariah vom Imperial College London in diesem Frühjahr in einer Studie gezeigt: Vor dem Anstieg der globalen Temperaturen wäre eine Hitzewelle wie im April auf dem Subkontinent etwa einmal in 50 Jahren aufgetreten, inzwischen kommt ein solches Ereignis viel häufiger vor – nämlich etwa alle vier Jahre.

Auch im Fall des Sommermonsuns wurde seit längerem eine Intensivierung und stärkere Unberechenbarkeit infolge der Erwärmung vermutet, dies war aber mit Unsicherheiten verbunden. Mehr Klarheit brachte hier im vorigen Jahr eine Untersuchung eines Forschungsteams der Universität München und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in der mehr als 30 aktuelle Klimamodelle dazu analysiert wurden. Ergebnis: Geht die globale Erwärmung ungebremst weiter, stehen dem indischen Subkontinent mehr extrem nasse Sommer bevor. Was das bedeuten kann, sieht man jetzt. (Joachim Wille)

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