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Wir im selben Haus, Du in Apartment 316, ich in der 102: So kann „Living Apart Together“ aussehen.

Paare

Zu mir oder zu Dir?

Immer mehr Paare leben bewusst getrennt – Experten zum Für und Wider des Zusammenwohnens.

Ein gemeinsames Nest – das ist für viele Paare ein Muss. Einige finden allerdings: Es braucht keinen gemeinsamen Wohnsitz, um eine erfüllte Beziehung zu führen. „In der Soziologie trägt dieses Beziehungsmodell den Namen ‚Living Apart Together‘, kurz LAT. Darunter fallen Paare, die in getrennten Haushalten wohnen“, erklärt Birk Hagemeyer, Persönlichkeitspsychologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Fast alle Beziehungen beginnen als LAT-Partnerschaften. Dass man mit einem Menschen zunächst das Klingelschild und erst danach tiefe Gefühle teilt, kommt meist nur in Studenten-WGs vor.

Aus Sicht der Paarcoaches Frank Schulze und Claudia Müller aus Freiburg eignen sich getrennte Wohnungen für Paare, die sich ihren Freiraum wünschen oder denen es wichtig ist, ihren Lebensstil zu bewahren. Hinter der Frage „Zusammenziehen oder nicht?“ stecken meist viel größere Fragen: Wie viel Nähe brauchen wir – und wie viel Distanz? Was ist uns in der Beziehung wichtig? „Auch für ein Paar, das bereits zusammenlebt, aber dauernd streitet, können getrennte Wohnungen einen Versuch wert sein“, sagt die Paartherapeutin Friederike Ludwig aus Lohmar bei Siegburg.

Doch es gibt auch andere Gründe, warum sich zwei Partner dagegen entscheiden, ihre Haushalte zusammenzulegen. „Wer ein Kind oder einen pflegebedürftigen Angehörigen im Haushalt hat, geht den Schritt zum Zusammenziehen mit einem neuen Partner vielleicht nicht so schnell“, erklärt Hagemeyer. Männer und Frauen ab Ende 30 entscheiden sich häufiger als jüngere für getrennte Wohnungen. Dies lasse sich darauf zurückführen, dass für diese Altersgruppe das Thema Familienplanung nicht mehr so wichtig sei.

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Geht es um die Familiengründung, stößt das Modell „Living Apart Together“ an seine Grenzen. „Ein Kind verlangt viel Betreuung, Versorgung und Energie. Das ist für ein Elternpaar natürlich deutlich einfacher, wenn es zusammenlebt“, so Frank Schulze.

Das Modell kann für Partner aber einige Vorteile bieten. Denn mit dem Zusammenziehen stellen sich ganz neue Fragen. Wer putzt das Bad? Wer nimmt sich frei, wenn am Montag der Handwerker vorbeikommt? Diese Fragen können für Konflikte sorgen. „Wohnt man getrennt, kommt es nicht so schnell zu diesen alltäglichen Streitereien“, sagt Ludwig. Denn durch die getrennten Wohnungen hat jeder seine eigene Domäne, die Rollen sind klar verteilt.

Ein weiterer Vorzug: „Wer getrennt wohnt, erlebt regelmäßig Wiedersehen. Das kann dazu führen, dass sich die Partner stärker aufeinander freuen und sich bewusster Zeit nehmen“, so Schulze. Gemeinsam mit dem Partner aufzuwachen, zu kochen oder auf dem Sofa Filme zu schauen, ist nicht mehr so selbstverständlich, wenn man es nicht jeden Tag erlebt.

Doch getrennte Wohnungen haben auch Nachteile. Nicht jedes Paar ist in der Lage, zwei Wohnungen zu finanzieren. Dazu kommt, dass sich die Partner stärker mit dem Thema Vertrauen beschäftigen müssen. „Durch getrennte Wohnungen wird der Freiraum größer, sich mit anderen zu treffen“, so Ludwig. Mit diesem Risiko umzugehen, fällt einigen Menschen schwer. Paarcoach Claudia Müller empfiehlt, an der Basis der Beziehung zu arbeiten. „Wenn dort echte Liebe ist und das Paar nicht auseinandergezogen ist, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, fällt das Vertrauen natürlich leichter.“

Wie behält ein Paar die Nähe, wenn es sich nicht jede Nacht ein Bett teilt? „Paare, die getrennt leben, sind oft Paare, die ohnehin schon gut kommunizieren“, hat Ludwig beobachtet. Wichtig sei, dass sich die Partner aktiv mit der Beziehung auseinandersetzen. Im Alltag bewahren kleine Rituale die Nähe. „Die Partner können vor dem Schlafen kurz telefonieren, eine Gute-Nacht-Nachricht schreiben – oder einfach mal einen kleinen Zettel mit lieben Worten in der Schublade verstecken“, rät Schulze zum Beispiele.

Manchmal ist es auch nur ein Partner, der sich die getrennten Wohnungen wünscht. Dieser Konflikt ist nach der Beobachtung von Claudia Müller tatsächlich gar nicht so selten: „Wichtig ist, dass die Partner nicht gegeneinander handeln, sondern gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Wenn man weiß, welche Bedürfnisse hinter dem Verhalten des Partners stecken, kann man viel besser Verständnis für ihn entwickeln.“

So können Lösungen entstehen, auf die das Paar vorher gar nicht gekommen wäre, etwa sich im selben Haus zwei Wohnungen zu mieten. Oder zu vereinbaren, dass das Paar eine Woche getrennt lebt und in der folgenden zusammen. Das Spektrum von Wohnformen ist groß – und darin müssen die Partner mit ihren Persönlichkeiten und Bedürfnissen eine Lösung finden, die zu ihnen passt. (dpa)

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