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Gekonnt ist gekonnt: Dario Fontanella hat’s immer noch drauf.

Jubiläum

Es war Ostern, es war heiß, und plötzlich gab’s Spaghetti-Eis!

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Heute vor 50 Jahren schuf Dario Fontanella zufällig einen Klassiker.

Die Geschichte des Menschen ist voller Irrtümer, ohne die manche Erfindung nicht gemacht worden wäre. Die Entdeckung des Penicillins ist eines der bekannteren Versehen, an denen die Welt im wahrsten Sinne des Wortes genesen sollte. Wo die Menschheit heute stünde, hätte Dario Fontanella am 6. April 1969 nicht mit der Spätzlepresse und drei Sorten Eis hantiert, ist schwer zu sagen. Jedenfalls wurde aus der italienischen Flagge, die der damals 17-Jährige aus Pistazien-, Erdbeer- und Zitroneneis gestalten wollte, zunächst nur ein bunter Haufen Nudeln. Aber Dario Fontanella, Sohn einer Deutschen und eines Italieners, der sich in Mannheim niedergelassen hatte, weil ihn die Landschaft so an seine geliebte Heimat in den Dolomiten erinnerte, hatte wohl so etwas wie ein Gespür für Eis, für den Zauber des Augenblicks. Pasta aus Eis? Aber hallo! Erdbeersoße drauf, ein paar weiße Flocken – und fertig war das Nudel-Eis.

Es heißt, Kinder hätten geweint, als damals die ersten Portionen serviert wurden. Aber Dario Fontanella ließ sich nicht entmutigen. Auch nicht, als die ersten Gäste Sahne zum Spaghetti-Eis bestellten, was aber nicht schön aussah. „Da habe ich die Sahne unter dem Eis versteckt“, verriet der heute 67-Jährige kürzlich der Deutschen Presse-Agentur, „das macht die Portion auch größer.“ Man könnte also sagen, Dario Fontanella hat damals nicht nur das Spaghetti-Eis, sondern auch die Win-win-Situation erfunden.

Doch die eigentlich so süße Erfolgsgeschichte hat – vor allem für Menschen mit einem ausgeprägten Geschäftssinn – einen bitteren Beigeschmack, der auch von Extra-Streuseln und doppelt Soße nicht überdeckt werden kann. Hätte Dario Fontanella damals doch bloß die 900 Mark investiert, um sich das Patent für seine Ostersonntags-Erfindung zu sichern! Und dann? Wäre er heute offiziell als Erfinder des Spaghetti-Eises eingetragen und ganz bestimmt sehr wohlhabend, wenn nicht sogar reich. Er müsste aber auch stets die Patentmissachter und Plagiatoren überall auf der Welt im Auge behalten, drei Bildschirme auf seinem Schreibtisch, ständig am Telefon. Hin und wieder vor Gericht, Vergleiche aushandeln lassen, Geschäftsessen mit Lizenzspezialisten, und immer scharwenzeln sie um einen herum, die ach so guten Freunde und sehr guten Bekannten, und dann klingelt schon wieder das Telefon ...

Aber Dario Fontanella hat die 900 Mark nicht investiert. Und natürlich wurmt es ihn von Zeit zu Zeit, wie er den Journalisten gesteht, die alle zehn Jahre in seinem Mannheimer Eissalon auftauchen, wenn seine Erfindung wieder ein bisschen mehr zum Klassiker avanciert ist. Aber er hat sich damit abgefunden. Und kann in Ruhe sein Eis machen.

Und wenn er nicht gerade auf dem Bürgerfest, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen September in Schloss Bellevue ausgerichtet hat, seine kühlen Köstlichkeiten präsentiert, sitzt er vermutlich am liebsten mit ein paar Freunden vor einem seiner beiden Salons und trinkt Espresso. Oder experimentiert mit Eis. Kurkuma-Ingwer und Gorgonzola-Mascarpone sind seine jüngsten Kreationen. Seine Kunden mögen das, sagt er, denn „auch die Deutschen haben mehr Spaß am Experimentieren“.

Nun, nicht alle Texte auf dieser Seite stützen diese These – aber wir dürfen uns Dario Fontanella trotzdem als glücklichen Menschen vorstellen. Hat er doch etwas erschaffen, was für die meisten Menschen ein Stück Urlaub vom Alltag bedeutet.

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