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Kenia: 18 000 Menschen verloren allein in dem ostafrikanischen Staat ihr Zuhause. 

Wetterkapriolen in Afrika

Im Osten der Regen, im Westen die Dürre

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Heftige Wetterkapriolen haben Teile Afrikas fest im Griff: In Ostafrika sterben Menschen durch Überschwemmungen und Erdrutsche, dem trockenen Südwesten droht eine Hungerkatastrophe

Vincent Musila war nur mal eben zum Fischen ans Flüsschen gegangen, als das friedliche Gewässer nahe der kenianischen Stadt Thika plötzlich zu einem reißenden Strom anschwoll. Der 20-Jährige fand sich auf einer nur wenige Quadratmeter großen Insel wieder, von der es kein Entkommen gab. Drei Tage lang wartete Musila vergeblich darauf, dass sich der Strom wieder beruhigt.

Endlich tauchte ein Hubschrauber der kenianischen Polizei auf, um den von wütenden Wassermassen umzingelten Fischer in Sicherheit zu bringen. Auf einem von der BBC ausgestrahlten Videoclip ist schließlich zu sehen, wie der heißhungrige Überlebende einen Berg Chips mit zwei Würstchen verschlingt.

Mindestens 120 Kenianer hatten weniger Glück. Sie wurden in den vergangenen Tagen von reißenden Strömen mitgerissen oder unter Schlammlawinen begraben. Im Zentrum und Westen des ostafrikanischen Staates schnitten sintflutartige Regenfälle ganze Dörfer und Gehöfte ab, Lehmhütten brachen zusammen, der Besitz Hunderttausender Kleinfarmer wurde weggespült. „Alles was ich hier sehe, ist Verlust und Verzweiflung“, berichtet die BBC-Reporterin Mercy Juma aus der West-Pokot-Region. „Die Bevölkerung droht jede Hoffnung zu verlieren.“

Kenia ist nicht der einzige Staat, der von den Unwettern heimgesucht wird. In ganz Ostafrika ging in der „kleinen Regenzeit“ der vergangenen Wochen die dreifache Niederschlagsmenge als der übliche Durchschnitt nieder. Im Hafenstaat Dschibuti fiel an einem einzigen Tag sogar soviel Regen wie sonst in zwei Jahren.

Mehr als 250 Menschen wurden in der Region als tot oder vermisst gemeldet, 18 000 Kenianer, 300 000 Somalier und 400 000 Südsudanesen verloren ihr Zuhause. Insgesamt sollen über drei Millionen Ostafrikaner von den Wolkenbrüchen betroffen sein. Ernten wurden zerstört, Straßen und Brücken unterspült, jetzt warnen Ärztinnen und Ärzte vor Seuchen.

Im Krankenhaus von West Pokot seien die ersten Kinder mit Lungenentzündung und akutem Durchfall eingeliefert worden, berichtet Doktor Taabu Simiu: „Das Leben hier ist schrecklich.“ Über den Grund der vom Himmel fallenden Wassermassen sind sich Wissenschaftler einig: Sie sprechen vom „Dipol“ des Indischen Ozeans, der dem besser bekannten „El Niño“ des Pazifiks ähnlich ist.

Simbabwe: 240 000 Tonnen Hilfsgüter sollen ins Land gebracht werden. 

Gelegentlich wärmt sich der westliche, an Afrika grenzende Teil des Indischen Ozeans auf, während der östliche Teil vor Australien abkühlt, fanden Experten 1999 heraus: Da wärmeres Wasser in größeren Mengen verdunstet und wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnimmt, resultiert der „Dipol“ in starken Regenfällen in Ostafrika.

Dagegen herrscht in Australien dann Dürre. Ein ähnlich starker Dipol wie in diesem Jahr sei bisher noch nie beobachtet worden, teilt das australische Büro für Meteorologie mit. Ob dies mit der Klimaerwärmung zusammenhängt, wisse man noch nicht. Das erst seit 20 Jahren bekannte Phänomen müsse erst noch genauer erforscht werden, heißt es.

Und während der Osten Afrikas überschwemmt wird, trocknet der Südwesten des Erdteils zunehmend aus. Namibia, Angola, Simbabwe, Sambia und Teile Südafrikas werden derzeit von einer Dürre wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr heimgesucht. Im Westen Namibias hat es seit drei Jahren überhaupt nicht mehr geregnet.

Im wirtschaftlich ohnehin zerstörten Staat Simbabwe wirkt sich die Trockenheit am verheerendsten aus: Dort sind nach Angaben des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) fast acht Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Das WFP plant in den nächsten sechs Monaten 240 000 Tonnen Hilfsgüter nach Simbabwe zu schaffen.

Das stelle sich jedoch als ziemliche Herausforderung heraus, weil in der gesamten Region wegen der Klimakapriolen keine Nahrungsmittel bezogen werden könnten. Über 50 Millionen Afrikanerinnen und Afrikanern in 18 Staaten des Kontinents seien vom Hunger bedroht, warnt die Hilfsorganisation Oxfam. In den vergangenen zehn Jahren hätten die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Staaten Ernteausfälle in Höhe von 700 Millionen US-Dollar zu verkraften gehabt.

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