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Auch an der Wand des La Divina Providencia Krankenhaus in San Salvador prangt das Antlitz des ermordeten Erzbischofs Oscar Romero.

Oscar Romero

Oscar Romero ist längst ein Heiliger

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Der Theologe wurde im März 1980 am Altar erschossen. Jetzt wird er heiliggesprochen. FR-Autor Harald Biskup war in El Salvador und hat Wegbegleiter des Theologen getroffen, der bis heute Sinnbild einer Kirche ist, die für die Armen und Schwachen einsteht.

Als ein schwarzer Kleinbus mit abgedunkelten Scheiben vorfährt, ein junger Mann mit einer Reisetasche herausspringt und die weit geöffneten Türen der Kirche passiert, ist sie bei einer der Schwestern vom „Orden der Göttlichen Vorsehung“ plötzlich wieder da: Die schlimme Erinnerung an jenen 24. März 1980, als ein Fremder die Krankenhauskapelle am Stadtrand von San Salvador betritt, um wenige Minuten später Erzbischof Oscar Romero am Altar mit einer Schnellfeuerwaffe niederzustrecken.

Die Szene hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Wie in einem schlechten Film wartet der Unbekannte ab, um ihn zu erschießen, bis der Geistliche bei der Wandlung, dem heiligsten Augenblick der Messe, die Hostie hochheben will. Er versucht sie noch zu umklammern, aber sie fällt zu Boden. Noch ein zweiter Mann, der nicht zu den üblichen Gottesdienstbesuchern gehört, ist in diesem Moment zugegen und zückt seine Kamera. Immer wieder drückt er auf den Auslöser – und dokumentiert in Schwarz-Weiß die Hinrichtung eines Märtyrers. 

Romero steht ganz allein am Altar, als er erschossen wird. Er hat niemanden um sich, nicht mal einen Messdiener. Eine der zahllosen Merkwürdigkeiten dieses Falles. Warum war gerade in diesem Augenblick der Fotograf in der Kirche? Ahnte er, dass etwas passieren würde?

Heute weiß man, dass es sich um den Sohn einer Freundin Romeros aus der politischen Opposition handelte. Rätselhaft ist auch, warum der Erzbischof seine Predigt offenbar sehr kurzfristig ändert. Wenige Minuten vor seinem Tod spricht er über eine bekannte Passage aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 12, in der es heißt, der Samen müsse absterben, damit neues Leben entstehen kann. Eigentlich war eine ganz andere Bibelstelle als Predigttext vorgesehen.

An diesem schwül-heißen Nachmittag Mitte September steht Gregorio Rosa Chávez, der Kardinal von San Salvador, an den Stufen des Altars der Klinikkapelle, die längst zum Wallfahrtsort geworden ist. Schon lange vor seiner offiziellen Heiligsprechung an diesem Sonntag in Rom wird Oscar Romero in ganz Lateinamerika als Volksheiliger verehrt, nicht nur in seiner Heimat El Salvador. Überall im Land sieht man großformatige Fotos mit Heiligenschein.

Chávez ist einer der engsten Weggefährten Romeros und einer seiner Bewunderer. Schon als Vierzehnjähriger lernte er den damaligen Pfarrer kennen. Ein Jahr lang war Romero später dann sein Gast, als Chávez Rektor des Priesterseminars war. Die Freundschaft muss sehr eng gewesen sein; in seinem Tagebuch erwähnt ihn Romero mehr als vierzig Mal.

Chávez hat die Umstände von Romeros Tod vermutlich schon oft beschrieben, doch seine Schilderung hat nichts Routiniertes. Stellenweise klingt sein Bericht nüchtern wie ein Polizei-Protokoll, immer wieder aber scheinen Empörung und Traurigkeit durch. „Eine einzige Kugel wurde abgefeuert, aber die traf ihn ins Herz.“ Romero sackte am Altar zusammen. Den Kelch zur Wandlung konnte er nicht mehr hochheben. Das Blut trat aus Mund, Nase und Ohren aus.

„Die Trauer war so groß“, erzählt Chávez weiter, der 20 Minuten nach dem Schuss am Tatort eingetroffen war, seinen Mitbruder aber schon leblos vorfand, „dass viele Gläubige, die Zeugen des Mordes geworden waren, sich irgendetwas, ein blutgetränktes Tuch zum Beispiel, als persönliche Reliquie mitnahmen. Sie bewahren sie auf wie einen Schatz.“ Das letzte der 14 Fotos aus der Kirche zeigt den toten Erzbischof im Messgewand auf einer Bahre. Es wurde auch noch eine Autopsie durchgeführt. Sie bestätigte, was offenkundig war. 

„Wir vermuten, dass Monsenor Romero seinen Mörder gesehen hat und dass er wusste, dass er getötet werden soll“, sagt der Kardinal und berichtet, Augenzeugen erinnerten sich, wie er kurz vor dem Schuss sein Gesicht wie zum Schutz abgewandt habe. Noch tags zuvor hatte Romero in einer mehr als einstündigen Predigt in der Kathedrale erklärt, ihm sei bewusst, dass jemand, der so spricht wie er, gefährlich lebe. Unerschrocken wie kein anderer greift er öffentlich immer wieder die Schreckensherrschaft der regierenden Militärjunta an, die von den Oligarchen der Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen-Besitzer und anderen reaktionären Kräften gestützt wird. Immer wieder prangert er die Ausbeutung der Arbeiter und die Unterdrückung der Armen an. 

„Wie kommt es?“ fragt Chávez nachdenklich, als wir die Kirche verlassen, „dass der eifrige Tagebuchschreiber Romero vier Tage vor dem Attentat plötzlich keine Einträge mehr verfasste?“ Möglicherweise habe er sich innerlich aufgrund von Vorahnungen, aber auch von konkreten Drohungen auf seinen bevorstehenden Tod vorbereitet. Seit er öffentlich zur Gehorsamsverweigerung aufgerufen hatte – „kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der gegen das Gesetz Gottes verstößt“, das waren seine Worte, galt er als sicherer Todeskandidat.

Spätere Untersuchungen einer Wahrheitskommission der Vereinten Nationen ergaben, dass es sich um einen Auftragsmord gehandelt hat. Den Befehl gab ein namentlich bekannter, aber ungeschoren gebliebener Major der gefürchteten Todesschwadrone, ausgeführt hat ihn offenbar ein exilkubanischer Scharfschütze. 

Romeros Tod war Auslöser eines zwölf Jahre dauernden Bürgerkriegs, des brutalsten in Mittelamerika mit mehr als 70 000 Toten. An den Kriegsfolgen leidet das geschundene kleine Land bis heute. Tausende Menschen, darunter viele Kinder, wurden damals willkürlich verschleppt. Mit Unterstützung des deutschen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, das seit dessen Ermordung die Erinnerung an Romero wachhält, versucht die Menschenrechtsorganisation „Pro Búsqueda“ das Schicksal von Entführten aufzuklären. Angehörige berichten bei einer Begegnung, dass sie Romero als Vorbild und seine Heiligsprechung als Stärkung in ihrem Leid empfinden.

Als er 1977 Erzbischof von San Salvador wird, gilt Oscar Romero dem Regime als in Maßen willfährig und angepasst. Die Militärs begrüßen anfangs seine Ernennung, weil sie ihn als für sie ungefährlich einstufen. Ein großer Irrtum, wie sich bald zeigen sollte. In der Tat war Romero zuvor nicht mit dem Staat in Konflikt geraten. Aber die Ermordung seines Priesterfreundes Rutilio Grande und mehrerer Campesinos ändert seine Haltung. Romero beginnt, sich zu radikalisieren. Er klagt die Morde an, fordert ihre Aufklärung und ruft die Gläubigen zum Protest auf. 

Die Umkehr des Erzbischofs sei „nicht vom Himmel gefallen“, urteilt der Münsteraner Theologe Ludger Weckel. „Sie war konsequente, engagierte und kraftkostende Abkehr von den alltäglichen Versuchungen und ideologischen Verblendungen.“ Spätestens jetzt ist er in den Augen der Herrschenden ein Sprachrohr der Kommunisten. Die ohnehin allgegenwärtige Gewalt richtet sich nun auch gegen Kirchenleute. „Es gab Auto-Aufkleber mit der Aufschrift: Tu was für dein Land! Töte einen Priester“, erzählt Chávez.

Wir gehen zu dem bescheidenen Haus hinüber, das Oscar Romero als Erzbischof bewohnt hat. Es ist heute Museum und längst eine Stätte der Heiligenverehrung. Gerade jetzt vor dem großen Ereignis in Rom stehen viele Besucher vor den Glasvitrinen. Auf manche Europäer wirkt die lateinamerikanische Erinnerungskultur, etwa das blutverschmierte Messgewand mit dem deutlich sichtbaren Einschussloch, befremdlich und sie fühlen sich eher an eine Asservaten-Sammlung erinnert, für andere ist es der sichtbare Beleg für Romeros Märtyrertod. In einem Regal stehen einige Bände des Theologen Hans Küng in spanischer Übersetzung und Gedichte des kubanischen Lyrikers Julián de Casal.

Prunk war dem aus einer zehnköpfigen armen Familie stammenden Bischof zuwider, sein einfacher Lebensstil ist daher authentisch. In seinem Schlafzimmer ist ein Radiorecorder ausgestellt, auf dem Schreibtisch stehen eine Pietà und ein gerahmtes Foto von Paul VI., der gleichzeitig mit Oscar Romero am Sonntag heiliggesprochen wird. Immerhin besaß Romero ein eigenes Auto. Diesem Umstand finden die Verwalter seines Vermächtnisses offenbar so bemerkenswert, dass sie seinen beigefarbenen Toyota Corona mit dem Kennzeichen P 10732 im Eingangsbereich aufgebockt haben – samt Betriebsanleitung. 

Oscar Romero war eher kein großer Theologe

Kritiker wenden ein, Oscar Romero werde allzu oft als eine Persönlichkeit mit übermenschlichen Qualitäten dargestellt. Dem widerspricht Kardinal Chávez energisch. Gerade durch so diesseitige Exponate wie sein Auto oder die originale Hängematte, die er für seine Entspannung liebte, zeigten Romero als ganz normalen Salvadorianer. 

Chávez sieht seinen väterlichen Freund bei aller Bewunderung auch durchaus kritisch. „Er war ein schwieriger Charakter, der oft mit seinem Schicksal haderte. Er war ein Zweifler, der trotz seines starken Charakters oft nach Rat und Hilfe fragte und wenig Freunde hatte.“ Menschenscheu sei Romero gewesen, sei manchmal vor fremden Menschen regelrecht weggelaufen und habe auch fachliche Beratung in Anspruch genommen. Sein Psychologe habe ihn einmal als „impulsiv und perfektionistisch“ beschrieben, „Genauso bin ich, hat er mir gegenüber zugegeben.“ Als Prediger habe er jedoch ein „wahnsinniges Talent“ besessen, Missstände beim Namen zu nennen und seine Zuhörer mitzureißen. 

Ein großer Theologe war Oscar Romero eher nicht, sondern ein Pastor, der von seiner Mission überzeugt war. „Sie können mich töten“, sagte er einmal in einem Interview, „aber nicht die Stimme der Gerechtigkeit.“

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