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Das Schrotthaus in der Außenansicht - ganz fertig werden soll es gar nicht.

Schrotthaus-Erbauer Gminder

"Der Ortsvorsteher wollte mich erschießen"

Kurt Gminder lebt bei Stuttgart – in einem selbstgebauten Haus aus Schrott. Ein Gespräch über ein Leben im Müll und wieso Beuys begeistert wäre.

Kurt Gminder lebt bei Stuttgart – in einem selbstgebauten Haus aus Schrott. Ein Gespräch über ein Leben im Müll und wieso Beuys begeistert wäre.

Herr Gminder, manche nennen Ihr Haus „Schrotthaus“, andere „Künstlerhaus“. Was stimmt denn nun?

Beides. Es ist nicht ausschließlich ein Schrotthaus. Es hat eben Schrottelemente und besteht aus altem Material. Ich bin aus einer Schrotthändlerfamilie, und da weiß man: Das Gute schmeißen die Leute mit dem Abfall weg.

Eine Kindheit zwischen Schrotthaufen?

Richtig, und ich hab mich als einziger getraut, auf die Eisenhaufen raufzuklettern. Hochgefährliche Aktionen. Als ich drei oder vier Jahre alt war, hab ich gemerkt, dass das Krankenhaus gleich in der Nähe ist. Ab da war mir alles wurscht. Viermal hab ich genäht werden müssen, bis ich acht war.

Nervt es Sie, wenn Neugierige Ihr Haus anschauen wollen?

Das ist kein arges Problem. Aber ich lass mir Eintritt zahlen, gell.

Kommen denn viele Touristen?

Nein, es hält sich in Grenzen grad. Die alternativ Interessierten waren alle schon hier, und sonst ist das Kunstinteresse gering.

Sie haben 1983 mit einem leeren Grundstück angefangen und acht Jahre gebraucht, bis das Haus bezugsfertig war. Wo haben Sie in der Zwischenzeit gelebt?

Bei den Eltern, mit Blick auf Teck, Kirchheim Teck. Nur ein paar Kilometer entfernt.

Wollten Sie möglichst kostengünstig bauen?

Gleichzeitig kostengünstig und hochaufwändig. Wenn ich meine Arbeitszeit rechne, wäre das teuer geworden. Weil da viel, viel Handarbeit drin steckt. Aber ich hab das ja unter anderem auch gemacht, um fit zu bleiben. Wir Künstler sind Durchsetzertypen.

Was haben Sie alles in Ihrem Haus verbaut?

Eichenholz, Fichtenholz, Glas, Natursteinplatten. Zum Teil gekauft, zum Teil in Abbruchhäusern gefunden, zum Teil selber geschlagen im Wald.

Wo sammeln Sie Ihr Material?

Ich fahre permanent rum, mit einem extra auffälligen Auto, wo jeder sieht: „Aha, der Typ ist wieder da.“ Heute zum Beispiel hab ich ein richtig gutes Schnäppchen gemacht. In einen Bauschuttcontainer hatte jemand jede Menge Glassachen hineingepfeffert, schweineteure, hochwertvolle Dinge. So ein Seidel, wie heißt das, mit Zinndeckel, so ein Bierkrug. Den kriegt mein Kumpel. Da hab ich schon ein Geburtstagsgeschenk für den.

Sie nehmen alles mit, was Sie finden können?

Nein, nur vom Feinsten natürlich, mit gutem Geschmack ausgesuchte Sachen.

Viele Menschen würden sich wahrscheinlich davor ekeln, im Schrott zu leben.

Ich nicht. Niemals. Das wird mir nicht passieren, dass hier was stinkt. Übrigens weiß man ja, dass die, die auf Müllhalden leben, nicht kränker sind als andre. Wenn man sich nie abhärtet – fünf Jahre lang nicht krank, nicht verletzt –, dann ist man so gut wie erledigt.

Kurt Gminder in seinem Schrotthaus.

Hatten Sie eigentlich einen Plan, als Sie losgelegt haben?

Ich hatte schon einen Plan, aber ohne Material braucht man gar nicht mit dem Bauen anzufangen. Das weiß jeder Handwerker; wenn er nicht das richtige Material hat, lässt er gleich die Finger davon. Ich hab mir erst mal ein richtig übles Lager angelegt. Da wollte mich der Ortsvorsteher schon erschießen für den Schlamperladen, den ich hier hatte.

Die Behörden haben Ihnen bestimmt einigen Ärger gemacht.

Ach was, überhaupt nicht. Die Behörden haben gesagt: „Du kannst hier rumtoben.“ In Göppingen war das eine Weile lang üblich, und man sollte das dringend wieder einführen. Dass man die Bauvorschriften gerne schon mal ein bisschen verletzen kann, wenn man künstlerisch wertvoll arbeitet. Aber irgendwann hat das Bauamt Ärger gekriegt. Seitdem müssen die alle strammstehen, und ein Haus sieht hier aus wie jedes andere.

Leben Sie ganz alleine in Ihrem Haus?

Im Moment ja. Ich bin nicht mehr verheiratet, aber wieder auf der Suche, Schätzle. Das können Sie ruhig so schreiben.

Sie haben zwei Mietwohnungen in Ihrem Haus. Sind die nicht vermietet?

Momentan nicht. Ich hab noch 220 Quadratmeter frei. Mit Gartenanteil. Und Schwimmbadmitbenutzung. Ich bin aber halt auch sehr kritisch, wen ich hier reinhole.

Ihnen schwebt ein Künstlerhaus mit Gleichgesinnten vor?

Jaja. Kennen Sie diesen Typ, der den Leuten empfohlen hat, soziale Skulpturen zu machen? Beuys. Unerreichbar. Kein Mensch redet heute mehr über ihn. Er wollte umstellen auf sozialen Skulpturenbau und nicht mehr irgendwelche Leinwände beschmutzen. Garten und Parks wollte er anlegen. Ich bin sein Vollstrecker. Der Beuys hätte das hier klasse gefunden.

Sie können das aber nicht alles alleine gebaut haben...

Ich hatte Helfer. Ausgeflippte, Alkoholiker. Billige Mitarbeiter. Die sind gerne mitgegangen, als die gemerkt haben: Hier geht die Schafferei los. Hier sind Temperamentbolzen am Werk. Hier wird’s nicht langweilig.

Einen Teil haben Sie aber auch selbst gemacht?

Ich mache die riskanten Sachen selbst. Rumturnen, ohne Gerüst und so weiter. Ich bin ja über die Künstlersozialkasse versichert gewesen, da kannst du einiges riskieren.

Ganz billig war das alles wohl nicht.

Der Bauplatz war recht teuer. Und das Fundament auch. Das hätte eigentlich spottbillig werden können, weil ich Sandsteine gekriegt hätte aus diesen Viadukten bei Heidelberg. In einer Hauruck-Aktion hätte ich die hineingewerkelt ins Fundament. Aber es war nicht erlaubt. Man musste Eisenbeton nehmen.

Haben Sie für jede Bauetappe erst einmal sparen müssen?

Nein, ich hab eine feste Summe gehabt, die drehte sich so um 500.000 Mark. Die hab ich von Anfang an versprochen bekommen von meinem Vater. Als meine Mutter gestorben ist.

Was ist das Besondere an Ihrem Haus?

Dieses Unvollendete, von außen.

Wird es nie fertig werden?

Nein. Das ist so gewollt. Stillstand auf halber Strecke.

Bauen Sie immer noch jeden Tag was Neues?

Irgendwas mache ich immer. Das ist Perfektionierung. Fein abgestimmte Rundholzbögen, da leg ich im Moment allergrößten Wert drauf. Und ansonsten… würde ich schon gerne hier abflitzen. In eine trockenere Gegend. Ich bin leicht rheumatisch inzwischen. Aber ich krieg den Absprung nicht hin, ich bin einfach noch nicht fertig mit dem Haus.

Ihr Haus ist sicherlich Ihr größtes Kunstwerk.

Es ist ein winziges Detail in meinem Gesamtwerk. Über die wichtigen Sachen erzähl ich kein Wort.

Interview: Ines Bayer

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