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Meterhoch war das Benzin aus dem Leck geschossen ? warum das Feuer ausbrach, ist noch unklar.

Pipeline-Explosion in Mexiko

Opfer des Mangels

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Bei der Explosion einer Pipeline in Mexiko sterben mindestens 85 Menschen, rund 60 werden verletzt. Das Unglück macht ein Problem sichtbar, das Mexiko seit Jahren beherrscht.

Ein ohrenbetäubender Knall, dann schlugen die Flammen an der Benzinpipeline mehrere Meter hoch in den Himmel und griffen auf die Menschen über. Mindestens 79 Tote und 66 Verletzte zählten die Rettungskräfte bis zum Sonntag in Tlahuelilpan im Bundesstaat Hidalgo, nahe von Mexiko-Stadt. Am Montagmorgen muss die Zahl der Todesopfer nach oben korrigiert werden: Laut Gesundheitsminister Jorge Alcocer sind weitere sechs Menschen gestorben. Die meisten Opfer waren im Feuer an der Pipeline verbrannt, einige Menschen erlagen in den Tagen nach dem Unglück ihren schweren Verletzungen.

Warum das Feuer ausgebrochen war, ist noch unklar. Fest steht, dass sich zum Zeitpunkt des Unglücks am Freitagabend Hunderte Menschen an der Pipeline Tuxpan-Tula befanden und illegal Sprit abzapften. Sie alle traf die volle Wucht der Explosion.

Es ist ein Unglück, das den Blick auf ein Problem lenkt, das Mexiko schon seit Jahren in Atem hält: Benzinraub, Diebstahl auf Bohrplattformen, Demontage von Heliports. Mexikos Mafia macht Milliarden im Öl- und Benzinmarkt. Allein drei Millionen Dollar täglich gehen dem Staatskonzern Petróleos mexicanos (PEMEX) und damit der Staatskasse durch illegales „Melken“ der Benzin-Überlandleitungen verloren. Der neue Linkspräsident Andrés Manuel López Obrador hat der Organisierten Spritkriminalität jetzt den Kampf angesagt.

Seit Jahren zapfen gut organisierte Banden im großen Stil Treibstoff aus dem 17 000 Kilometer langen Netz der Benzinleitungen des Landes ab. Jeder Mexikaner weiß das, kaum aber einer ahnte die Dimensionen. Der geschädigte Energiekonzern Pemex zeigte die Taten immer wieder an. Aber nichts passierte.

Alleine während des letzten Regierungsjahres des gerade aus dem Amt geschiedenen Staatschefs Enrique Peña Nieto soll noch einmal 20 Prozent mehr Sprit illegal abgezapft worden sein. Bis Oktober registrierte Pemex 12.581 Benzindiebstähle. Laut dem Konzern wurde im vergangenen Jahr alle 30 Minuten versucht, eines der Rohre anzuzapfen. Mitunter wird der Sprit in unterirdische Tanks umgeleitet und von dort wieder an die Tankstellen verkauft.

Anfang des Jahres ließ die Regierung viele vom Benzinklau betroffene Pipelines stilllegen und postierte Zehntausende Soldaten an den neuralgischen Punkten. Tausende Tankwagen übernehmen nun die Versorgung. Aber die Kesselwagen können die Nachfrage an den Tankstellen nicht annähernd befriedigen. Zudem sabotiert offenbar die Organisierte Kriminalität den Transport.

Die Folgen sind Benzinknappheit in der Metropole Mexiko City und Städten in rund einem Drittel der 32 Bundesstaaten, lange Schlangen an den Tankstellen, eine murrende Bevölkerung und zürnende Oppositionspolitiker. Selbst López Obrador, Kampfname AMLO, räumt ein, dass die Regierung die logistischen Herausforderungen unterschätzt habe. Aber der Präsident bleibt hart: „Es geht darum, den Mafias und Korrupten die Stirn zu bieten“, sagt der 65-Jährige und verspricht, das Problem innerhalb kurzer Zeit zu lösen.

Das Unglück vom Wochenende macht verständlich, warum sich der Linkspräsident die Benzinmafia für die erste Machtprobe im Kampf für ein Mexiko ausgesucht hat, in dem das Recht der Gesetze Vorrang vor dem Recht des Stärkeren hat. Nach Angaben der Investigativjournalistin Ana Lilia Pérez organisiert ein tief verwurzeltes und gut organisiertes Netz den Benzinraub, in das die Drogenkartelle, aber auch Mitarbeiter von Pemex involviert sind. Vom Tankwart über den Lastwagen-Fahrer bis hin zum Manager seien Vertreter des Staatskonzerns beteiligt, sagt Pérez. „Es gibt den Energiekonzern Pemex und es gibt den Konzern des Organisierten Verbrechens Pemex“, sagt die Journalistin, die mehrere Bücher über die dunklen Machenschaften des Unternehmens geschrieben hat.

Wie groß und anscheinend lukrativ das Geschäft mit dem Energiesektor für die Mafia ist, belegen Zahlen, die das Finanzministerium Ende der Woche veröffentlicht hat. Demnach wurden in den vergangenen sechs Wochen 400 Verdächtige festgenommen, 1831 Ermittlungsverfahren eingeleitet und die Konten von 42 Unternehmen blockiert, unter denen sich mehrere Franchise-Nehmer von Pemex befinden. Der Schaden durch die illegalen Aktivitäten der Energie-Mafia beziffert López Obrador auf mindestens drei Milliarden Dollar pro Jahr.

Denn hinzu zum Benzinraub kommt der weit verbreitete großflächige Diebstahl von Infrastruktur auf den Förderplattformen. Nach einer Recherche der Reporterin Pérez wird auf den Plattformen im Golf von Mexiko fast täglich wertvolle Infrastruktur gestohlen. Die Diebe montieren in Komplizenschaft mit dem Sicherheitsdienst und von Pemex-Mitarbeitern Kräne ab und vermieten diese dann an private Firmen, die selbst im Ölgeschäft tätig sind. Erst im November wurden auf dem Förderkomplex „Tsimin“ gleich drei Hubschrauberlandeplätze abmontiert, sagt die Journalistin, die wegen ihrer Recherchen immer wieder bedroht wird.

Die aktuelle Situation stelle eine „gute Gelegenheit“ für AMLO da, sein Wahlkampfversprechen der „Legalität“ in die Tat umzusetzen, sagt die Analystin María Novoa. „Wie wird der Präsident mit diesem Problem gravierender, struktureller Korruption umgehen?“ Es sei jetzt die Zeit, hart zu bleiben und eine „klare und effektive Botschaft“ zu senden, dass eine solche Verquickung von Staat und Organisiertem Verbrechen nicht geduldet werde.

López Obrador ist gewillt, den Kampf trotz aller Widerstände auszufechten. Auch wenn die Bilder der Toten vom Pipelinebrand schmerzten, sagte der Präsident am Samstag: „Aber er zeigt nur, wie dringend wir diese Praktiken beenden müssen“.

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