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Raus hier – oder lieber rein? Altbau in Berlin Prenzlauer Berg.

25 Jahre Mauerfall

Als Onkel Herbert sein Holzbein ablegte

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Nach dem Mauerfall gingen Hunderttausende Westdeutsche in den Osten. Markus Decker hat darüber das Buch „Zweite Heimat“ geschrieben. Ein Auszug.

Mein erster Kontaktmann zu denen da drüben war Onkel Herbert. Unser Nennonkel kam aus Bernterode im thüringischen Eichsfeld. Er kam, wie meine Eltern sagten, aus der „Ostzone“. Und weil ich noch klein war und mir unter der „Ostzone“ nichts vorstellen konnte, erschien es mir, als käme Onkel Herbert aus dem Nichts. Ich erinnere mich, dass er als Geschenk meist Lederwaren mitbrachte, Brieftaschen und solche Sachen. Noch mehr erinnere ich mich an sein Holzbein. Denn Onkel Herbert hatte im noch vom vereinigten Deutschland vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren und trug seither eine Prothese. Da er, wenn er aus der „Ostzone“ kam, immer in unserem Zimmer schlief, warteten wir mit dem Einschlafen so lange, bis er sich auszog. Dann lugten wir heimlich unter der Bettdecke hervor und konnten sehen, wie Onkel Herbert das Holzbein ablegte. Für eine Weile gingen die Worte „Ostzone“ und Holzbein in meinem Kinderkopf eine Synthese ein. Das war in den frühen 70ern – in Borghorst im Münsterland.

Im Sommer 1983 machte ich Abitur. Im Frühherbst desselben Jahres lud mich ein Freund zu einem Jugendlager der Freien Deutschen Jugend nach Werder an der Havel ein. Mein Freund war Mitglied der Jungdemokraten. Das war damals die durchaus linke Jugendorganisation der FDP. Weil in deren Delegation noch ein Platz frei war und die „Ostzone“ mich interessierte, sagte ich zu. Auf dem Podium saßen FDJler, die locker auf die 50 zugingen und auf einen 19-Jährigen auch sonst etwas sonderbar wirkten. Ihnen zu Füßen saßen Vertreter westdeutscher linker Jugendorganisationen, die ungefähr so dogmatisch argumentierten wie die FDJ – bis auf uns, die Jungdemokraten. Man war übereinstimmend der Ansicht, dass der Osten allemal besser sei als der Westen und Ostraketen allemal besser seien als Westraketen. Als Kontrastprogramm und um etwas Luft zu schnappen, besuchten wir die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR in Ost-Berlin, in deren Umgebung es von Volkspolizei und Staatssicherheit nur so wimmelte. Dort hörten wir von der allgegenwärtigen Repression, die in Werder unterschwellig zu spüren war, aber nicht thematisiert wurde. Mein linker Idealismus war nach der Tour kleiner als vorher. Dies änderte an meinem Interesse für den Osten gleichwohl nichts. Ich besuchte Moskau und Prag. In Moskau habe ich den Besuch des Leninmausoleums verschlafen. Aus Prag ist mir die Ruhe erinnerlich und dass wir viel Bier getrunken haben.

Dann verschwand die Mauer. Ich saß von Donnerstagabend bis Freitagabend in meinem Münsteraner Wohngemeinschaftszimmer begeistert vor dem Fernseher, nachdem das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November den berühmten Zettel hervor gekramt hatte. Schließlich hab ich es nicht mehr ausgehalten, bin nach Berlin gefahren und stundenlang an der bröckelnden Staatsgrenze rum gelaufen. Es war großartig. Dass ich anders tickte als meine Freunde, merkte ich wieder einmal daran, dass manche von ihnen selbst am 12. November noch nicht an der Mauer gewesen waren, und das obwohl sie da schon drei Tage offen stand, meine Freunde in West-Berlin studierten und eine U-Bahnfahrt genügt hätte. Zurück in der Heimat, diskutierte ich mit meinen linken Kommilitonen erhitzt über die Frage, ob das mit der nahenden Vereinigung seine Richtigkeit habe. Meine Kommilitonen sahen die Vereinigung skeptisch, ich weniger. Unsere Generation fürchtete alles Nationale wie der Alkoholiker die Weinbrandbohne.

Es folgten die ausländerfeindlichen Exzesse von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Ich saß wie an jenem 9. November erneut vor dem Bildschirm und bekam es mit der Angst zu tun. Hatten meine Kommilitonen Recht behalten? In jener Zeit endete auch mein Studium. Ich begann, mich um ein Zeitungsvolontariat zu bewerben. In Ostdeutschland hatte ich vier Vorstellungsgespräche – in Magdeburg, Schwerin, Neubrandenburg und Halle; in Westdeutschland kein einziges. Ich konnte zwischen einem Job in Neubrandenburg und einem in Halle wählen. Und so kam ich, der Wendegewinnler, zur Mitteldeutschen Zeitung ins soeben erstandene Sachsen-Anhalt. 1992 war das.

Der Osten war grau in jener Zeit, viel grauer als heute. Von Magdeburg bis Bernburg, wo ich mein Volontariat in der Lokalredaktion begann, brauchte man, wenn es schlecht lief, wegen der schlechten Verkehrsverbindungen drei Stunden – für 40 Kilometer. Im Winter roch es überall nach Kohle. Und wenn zwei meiner sieben Kollegen telefonierten, mussten wir anderen sechs warten. Denn es gab bloß zwei Leitungen. Manche meiner Ost-Kollegen waren in der SED und schon vor der Wende bei jener Zeitung, die seinerzeit noch Freiheit geheißen hatte. Sympathisch waren sie alle, und ich sah mich außerdem nicht berechtigt, ihnen bohrende Fragen zu stellen – auch wenn ich es theoretisch hätte tun können. Ich war erst 28 und von der DDR-Vergangenheit völlig unbelastet. Ich schrieb mir die Finger wund und schaffte endlich, was ich schon so lange hatte schaffen wollen: mich zu lösen von der Scholle. So vieles war anders und wahnsinnig interessant. Es war wie ein Rausch. Ja, ich war jetzt in der „Ostzone“. Freunde bemitleideten mich. Ich jedoch fühlte mich so gut wie lange nicht. Ich war frei. Ich war high. Und ich merkte, dass diese neue Welt etwas mit mir machte. Sie entfremdete mich der alten, sehr rasch.

Wie sehr ich mir einbildete, „Ossi“ geworden zu sein, fiel mir auf, als ich 1999 politischer Redakteur in Halle wurde. Ich hatte mir in sieben Jahren angewöhnt, meinen Kollegen zur Begrüßung die Hand zu geben, wie es in der DDR üblich gewesen sein soll. Die Kollegen an der Saale indes hatten es sich im Laufe der Jahre abgewöhnt. Sie waren unterwegs nach Westen. So griff ich in der Zentrale plötzlich ins Leere. Das war irgendwie absurd. Auf jeden Fall irritierte es meine in Bewegung geratene Identität.

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Heute arbeite ich als politischer Korrespondent in (Ost-)Berlin. Seit mehr als zehn Jahren. Ich schreibe unter anderem über die Linkspartei und die Stasi-Unterlagenbehörde. So kommt es, dass ich mit dem Milieu der einstigen DDR-Eliten genau so zu tun habe wie mit der damaligen Opposition. Aus dem Büro des Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, konnte ich auf das Fenster des Büros von Hans Modrow schauen, der in der SED bekanntlich eine führende Rolle spielte und nun dem Ältestenrat der Linkspartei vorsitzt. Der eine hat in der DDR im Knast gesessen und wurde außer Landes geschafft. Der andere war kürzlich in Kuba und hat die Revolution noch immer nicht aufgegeben. Die beiden Veteranen haben sich vor einer Weile sogar mal getroffen, behielten es aber für sich. Ich werde, wenn auch verspätet, Zeuge einer Geschichte, die ich selbst nur aus dem Fernsehen kenne. Das ist wunderbar.

Ich bin zuständig für das, was man bei uns die „Ostthemen“ nennt. So saß ich vor ein paar Monaten auf der Tribüne des Reichstages. Der Bundestag debattierte über den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit. Weniger interessant als das, was gesagt wurde, war allerdings, wer etwas sagte – und wer nicht. Von den insgesamt zwölf Rednern waren elf in Ostdeutschland geboren. Die einzige westdeutsche Rednerin war über die brandenburgische Landesliste der Grünen ins Parlament eingezogen. Auf der Kabinettsbank hatten nur die zwei Ministerinnen mit ostdeutscher Herkunft Platz genommen. Auf der Tribüne saßen neben mir zwei weitere Kollegen, die ebenfalls für ostdeutsche Zeitungen schreiben. West-Kollegen waren nicht da. Die Debatte über den Stand der deutschen Einheit fand also ohne den Westen statt. So ist es leider oft. Westdeutsche sind nicht allzu interessiert – es sei denn, sie haben Verwandte im Osten oder eine Weile dort gelebt. Wenn ich einem Durchschnittswestdeutschen den Osten erklären soll, muss ich oft bei null anfangen. Es gibt viele Vorurteile und wenig inneres Verständnis. Für die einen war der Mauerfall eine Zäsur, für die anderen ein TV-Ereignis. Ginge zu einer Paartherapie stets einer allein, wäre die Therapie bald zu Ende. Bei der deutsch-deutschen Therapie ist es umgekehrt. Auch weil immer nur der eine reden will, der andere aber nicht zuhört, dauert sie so lang.

Der Austausch bereichert unser Dasein

Da, wo wir leben, in Berlin Prenzlauer Berg, ist der Osten verschwunden, vordergründig zumindest. Wo früher ostdeutsche Arbeiter und Künstler zu Hause waren, dominieren jetzt westdeutsche Akademiker aus der Erbengeneration. Die Preise für Wohnraum steigen. Die Klage über das, was Gentrifizierung genannt wird, ist allgegenwärtig. Wer in Quickborn, Schmalkalden oder Berlin-Charlottenburg in den eigenen vier Wänden lebt, muss das nicht erklären. In meiner münsterländischen Heimat schießen seit jeher die Einfamilienhäuser wie Pilze aus dem Boden. Auch dort muss das keiner erklären. Hier muss er das schon. Erst kürzlich eilte ein Reporter einer großen deutschen Tageszeitung aus München herbei und schrieb einen Artikel über den vermeintlichen oder tatsächlichen Luxus in diesem Teil Ost-Berlins. Das war so seltsam wie zwangsläufig. Denn der Prenzlauer Berg gilt als Laboratorium der Einheit, in dem wieder mal die „Wessis“ die „Ossis“ verdrängen. Jede Bewegung wird mikroskopisch vergrößert. Dabei wuchern die Klischees über mein aus der Ferne betrachtet ach so luxuriöses Leben, in denen ich mich auf unserem in die Jahre gekommenen Ikea-Sofa nicht wiederfinde. Sie zwingen mir eine Scham auf, die grundlos ist. So gesehen ist es schön am Prenzlauer Berg – schön schwierig.

Ausnahmslos schön ist, dass meine Liebste, eine Ostfrau, beruflich regelmäßig auch im Münsterland zu tun hat, dass es ihr da gefällt und wir uns über das Ost-West-Ding austauschen können. Der Austausch bereichert unser Dasein. Sie stammt aus einem 3000-Seelen-Dorf mit dem schönen Namen Schweina am Rande des Rennsteigs, wo ich, wenn die Familie beisammen sitzt, der einzige Westdeutsche unter acht Ostdeutschen bin – vorausgesetzt, junge Menschen, die 1999 oder später geboren wurden, gehen noch als Ostdeutsche durch. Zuweilen wird mir meine Minderheitsposition bewusst. Die Eltern meiner Liebsten, die in den 40er Jahren geboren wurden und die Teilung des Landes ebenso erlebt haben wie dessen Wiedervereinigung, berichten viel von früher. Das bringt uns einander näher. Manches erinnert mich an Erzählungen meiner Eltern – wenngleich aus einer entgegengesetzten Perspektive. Manches ist mir fremd und wird mir erst durch Erzählungen allmählich vertraut. Ihr jüngster Enkel, der bald zehn Jahre alt wird, sagt, dass er das Wort „Wende“ nicht mehr hören könne. Er meint damit natürlich die 89er Wende. Das ist ein Kommentar aus Kindermund zu den deutsch-deutschen Befindlichkeiten, der für sich spricht. Dem Enkel sind die Befindlichkeiten egal. Er wartet auf seine eigene Geschichte. Und er kann warten.

Meine Liebste kommt übrigens aus Thüringen. Wie Onkel Herbert, der im Zweiten Weltkrieg, den er nicht verschuldet hatte, ein Bein verlor und seither ein Holzbein trug. Er konnte nicht mehr warten, wie jetzt der Enkel warten kann. Er war in Geschichte eingesponnen, erst durch den Krieg, dann durch die Teilung. In der Küche hoch über Schweina, den ostdeutschen Thüringer Wald hinter mir und die gesamtdeutsche Rhön vor mir, spüre ich, das alles mitbedenkend, über drei Generationen hinweg, dass Geschichte mehr ist als das, was in Büchern steht. Vor allem spüre ich, dass das Glück friedlicher Einheit groß ist. Größer als alle Widrigkeiten, die ihr im Wege sind.

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