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Oliver Polak: „Dating ist oft wie ein mieses Vorstellungsgespräch“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Oliver Polak mit seinem Hund Arthur, mit niemanden hat er mehr Zeit verbracht, auf der Suche nach der Liebe in Paris.
Oliver Polak mit seinem Hund Arthur, mit niemanden hat er mehr Zeit verbracht, auf der Suche nach der Liebe in Paris. © Gerald von Foris

Comedian und Autor Oliver Polak erzählt in seinem ersten Roman „L’amour numérique – Und täglich grüßt die Liebesgier“ nicht nur über skurille Tinder-Dates. Es geht auch um die Suche nach der bedingungslosen Liebe. Im Interview spricht der 46-Jährige über die Sehnsucht nach Romantik in Zeiten von Tinder.

„Mein iPhone, mein Komplize bei der Enteignung von Liebe. Dating-Apps. Ich stelle mich aus, will fühlen. Und mache mich und auch andere zu einem wegwerfbaren Produkt.“

In seinem neuen Buch schreibt Oliver Polak vor allem über die oft ziemlich kaputte, verrückte und auch traurige Welt des Online-Datings: „Dates, Chats: weniger ein wirkliches Kennenlernen, stattdessen ein Abfragen von Eckdaten, des Offensichtlichen. Beim Treffen den Filter „Eigenen Trümmerhaufen verstecken“ drüberlegen. Und dann panisch die „Liebe“ mit einem 3-Euro-Schloss vom Baumarkt an einer rostigen Brücke befestigen, verfestigen. Einschließen wollen. Das Gegenteil von dem, was Liebe ist.“

Der Comedian und Autor ist erst vor wenigen Stunden in New York gelandet, als er das Interview gibt. Der 46-jährige Berliner besucht so oft er kann seine 95 Jahre alte Tante Ilse, eine Holocaust-Überlebende, die vor Jahrzehnten in die USA ausgewandert ist. Auch die große Liebe zu ihr wie zu seinem Hund Arthur, einem Schnauzer-Terrier-Mix, ist Thema seines vierten Buches „L’amour numérique – Und täglich grüßt die Liebesgier“, das an diesem Montag erscheint. Der Episodenroman spielt an Orten wie im Emsland, in Paris, Berlin und eben auch in New York.

Herr Polak, „L’amour numérique“ ist Ihr erster Roman. Sie selbst sagen, dass Sie maximal zehn Bücher in Ihrem Leben gelesen haben. Werden Sie denn oft gefragt, wie es sein kann, dass Sie so gut schreiben können, obwohl Sie so wenig gelesen haben?

Ich habe das tatsächlich oft gehört. Auch vom Lektor meines ersten Buches. Immer wieder sagte er: „Ich verstehe das gar nicht. Du liest kaum Bücher und kannst so schreiben.“ Die Kunst ist oft, die Dinge nicht zu hinterfragen. Mehr leben und einfach machen – das lässt sich nicht nur auf Literatur beziehen. Ich hatte zudem schon als Kind so einen Erzähler in meinem Kopf, der die Sachen, die mir passierten, parallel kommentierte. Der Erzähler hatte immer ein bisschen die lethargische und melancholische Haltung und eben auch die Stimme von Bill Murray. Dann habe ich Florian Illies Buch „Generation Golf“ gelesen, als es 2000 erschienen ist. Seine Tonalität war auch in meinem Unterbewusstsein, als ich mit dem Schreiben anfing.

Was mochten Sie an seinem Buch?

Ich habe mich sehr damit identifiziert, weil es eben auch ein großer Teil meiner Jugend war: Bei „Wetten, dass ..?“ samstagabends im Bademantel auf dem Sofa Flips essen, Playmobil spielen. Und ich mochte, dass er so klare Bilder hatte. Den einzigen Schreib-„Tipp“ in meinem Leben bekam ich von meinem Freund, den Schriftsteller Roman Voosen. Er sagte: „Oliver, wenn du schreibst, dann schreib alles bis ins letzte Detail, was die Person sieht.“ Diese Kombination aus Florian Illies, dem Ratschlag meines Freundes plus das erste Buch, das ich gelesen habe, „Alf. Hier bin ich“, die Geschichte über den zottligen 80er-Jahre-TV-Serien-Außerirdischen, haben meinen Schreibstil geprägt. (lacht)

In Ihrem Buch erzählen Sie auch skurrile Tinder-Date-Geschichten. Einmal will eine Frau, dass Sie sie auspeitschen. Aber es geht um weit mehr als um eine Aufreihung von Episoden. Sie sprechen von der Suche nach der bedingungslosen Liebe …

Die Frage ist ja, ob man die Liebe findet, in dem man sie sucht. Und wenn man sie noch nicht gefunden hat, hat man dann etwas falsch gemacht? In meinem Buch erzähle ich von verschiedenen Erlebnissen des Protagonisten, so dass man dessen Liebesgier auch beobachten kann. Und dabei kann man als Leserin und Leser vielleicht auch Parallelen zu der eigenen Suche finden. Es gibt dieses Lied von den Ärzten, „Schrei nach Liebe“. Manchmal ist es auch so, dass die Liebesgier so extrem ist, dass es ein Schrei nach Liebe ist …

Das heißt?

Es geht es auch um die verwehrte Liebe als Kind, um Abgründe, Widersprüche, die Suche nach Zärtlichkeit und die Frage, ob es die eine große Liebe gibt und was Liebe überhaupt ist und zwischen wem sie stattfindet. Das kann – wie im Buch auch beschrieben – die Liebe zwischen Hund und Mensch sein. Es geht aber auch um die Frage, ob wir generell die Welt nicht mittlerweile wie Tinder benutzen: „Brauche ich, brauche ich nicht, schmeiß’ ich weg.“

Sie sind 46, gehören also zu einer Generation, die noch analoges Daten kennt: War das die bessere Dating-Welt?

Das hat alles Vor- und Nachteile. Früher als Teenie musste ich mich überwinden, wenn ich ein Mädchen anrufen wollte, weil erst mal die Eltern den Telefonhörer abnahmen: „Ja Moment, Annika kommt.“ Überhaupt musste man sich überwinden, jemanden anzusprechen. Jetzt ist es anders. Ich bin kein Dating-Typ. Ich mache das und verstehe, was die Idee davon ist – aber als Pickup-Artist würde ich versagen.

Woran scheitern Sie beim Daten?

Ich kriege diese Manipulation nicht hin, bei der man wie bei so einem Filmtrailer nur die besten Ausschnitte von sich selbst zeigt. Das Problem ist aber auch, dass das Online-Dating der Gegenentwurf von Romantik ist. Es ist das Abfragen von offensichtlichen Eckdaten, es ist oft wie ein mieses Vorstellungsgespräch. Oft liegt der Fokus auf Bumsen. Bei mir ist das nicht so.

Was suchen Sie?

Ich finde es immer gut, wenn sich Sachen entwickeln. Ich weiß, dass ich verliebt bin, wenn es mir reicht, mit der Person Zeit zu verbringen. Das kann ein Moment sein, wenn man den Finger des anderen kurz zum ersten Mal berührt.

Zur PErson

Oliver Polak, geboren 1976 in Papenburg, ist Stand-up-Comedian, Autor und Podcaster. Seine Fernsehlaufbahn startet er beim Musiksender „Viva“. Seine Bücher „Ich darf, ich bin Jude“, „Der jüdische Patient“ und „Gegen Judenhass“ waren Bestseller.

2017 erhält er den Grimme-Preis für seine Pro-Sieben-Show „Applaus und raus“. Zusammen mit Micky Beisenherz hat Polak den Podcast „Friendly Fire“.

Er lebt in Berlin mit seinem Terrier-Mischling Arthur. Mit seinem neuen Buch „L’ amour numérique“, das am 10. Oktober bei Suhrkamp erscheint, geht Polak auf Lesetour: Hamburg (24. Oktober), Köln (25. Oktober), Frankfurt (30. Oktober). Berlin (7. November). Alle Termine: www.eventim.de. rose

Es ist Ihr erstes Buch, das zwar nicht autobiografisch, aber schon sehr nah an Ihrem Leben ist. Es ist eine Art Liebeserklärung an Ihren Hund Arthur, der im Roman Toto heißt, und an Ihre Tante, die in New York lebt. Beide sind schon sehr alt und Sie beschreiben die Angst, die beiden zu verlieren …

Ich bin ja gerade in New York und gehe in ein paar Stunden zu meiner Tante, sie hat gerade Husten. Es geht ihr heute nicht gut, und natürlich ist es so, wie ich es in meinen Buch beschreibe: Dass ich auch im wahren Leben zwischen zwei Toden bin. Immer wenn ich New York verlasse, denke ich: Wird sie noch da sein, wenn ich zurückkomme? Oder ist es ein Abschied für immer? Sie ist 95. Sie war immer ein Zuhause für mich.

Was bedeutet Ihnen Ihr Hund?

Es ist eine sehr große Bereicherung, dass er da ist. Gerade während des Lockdowns war ich viel allein, aber dadurch, dass ich den Hund hatte, bin ich in Momenten, in denen ich lieber liegen geblieben wäre, dann doch aufgestanden, weil ich mit ihm Gassi gehen musste. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Zeit mit jemanden verbracht wie mit ihm. Er ist aber eben schon alt und sein Tod ist ein großes Thema für mich.

Ihr Protagonist sucht immer Frauen, die seiner jungen Mutter optisch ähneln und ihn emotional schlecht behandeln. In Ihrem Podcast „Friendly Fire“ erzählen Sie immer wieder, dass Sie kein gutes Verhältnis zu Ihrer Mutter haben. Die fiktive Mutter in ihrem Roman schreibt dem Protagonisten an einer Stelle eine Whatsapp-Nachricht: „Ich habe dein neues Buch gelesen, so wirst du bestimmt keine Frau mehr finden, fehlt nur noch, dass du dich umbringst.“ Wie nah ist das an Ihrem Leben?

Es beschreibt dieses Gefühl, das auch meine Mutter mir immer wieder gegeben hat. Das ist genau das Problem, die Liebe, die dir verwehrt wurde, diese Kälte: Liebe ist noch etwas viel Größeres für dich, wenn sie dir verwehrt wurde und du schon fast schon süchtig danach bist, weil du es so lange nicht hattest und du so viel davon brauchst.

Wie schafft man es – trotz enttäuschter Liebe – sich zu verlieben?

Du kannst dich nur verlieben, wenn du offen bist, denn hinter der Angst steckt das Leben. Wenn du aber in der Angst verharrst: „Oh nee, ich will nicht enttäuscht werden“, dann verpasst du eine Menge. Ich glaube, dass Liebe grundsätzlich eine Entscheidung ist: Will ich überhaupt eine Beziehung? Will ich Liebe in einer Partnerschaft? Und ich glaube, in dem Moment, in dem man sich dafür öffnet, kann es auch mehr kommen. Aber klar, wenn man eine falsche Beziehung von den Eltern vorgelebt bekommen hat, also eine falsche Definition von Liebe hat, viel Drama beispielsweise, dann ist es erst mal wichtig, zu erkennen: „Okay, ich muss mein Beuteschema ändern.“. Ich bin aber niemand, der das gut erklären kann, ich fühle das eher …

Nutzen Sie noch Tinder?

Ich habe das noch. Daten ist aber gerade nicht mein Fokus. Ich bereite zwei neue Fernsehshows vor, schreibe an einem Buch und Ende des Jahres starte ich einen neuen Podcast. Gerade ist es aber auch okay. Ich kann es besser annehmen, dass ich alleine bin.

Oft wird Singles unterstellt man könne alleine nicht glücklich sein …

Das ist Bullshit. Viele Leute sagen auch, dass man Schwarz und Blau nicht zusammen anziehen kann. Wer sagt das? Wer entscheidet das? Natürlich kann man auch glücklich alleine sein. Sogar ein Leben lang. Meine Tante hatte nie einen Partner und war glücklich.

Was ist Ihre Definition von Glück?

Die Definition von Glück beschreibt die Band K.I.Z in ihrem Song so: „Großes Haus in Südfrankreich, kleines Alkoholproblem, keine Termine und leicht einen stehen.“ Das ist auf jeden Fall ganz nett. (lacht) Mein Problem ist, dass ich das Glück, wenn es da ist, oft nicht begreifen und annehmen kann; dass ich zu viel in der Sehnsucht statt im Hier und Jetzt lebe. Dabei ist vieles Glück: Für mich ist es auch Glück, dass ich jetzt im Bett liege und gleich mit der U-Bahn zu meiner Tante fahre, gute Musik auf dem Kopfhörer habe, und sie dann treffe.

Interview: Kathrin Rosendorff

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