+
Oliver Polak denkt darüber nach, Deutschland zu verlassen.

Comedian im FR-Interview

Oliver Polak: "Antisemitismus ist wie ein Evergreen"

  • schließen

Der jüdische Stand-up-Comedian Oliver Polak spricht im Interview mit der FR über sein drittes Buch. Lustig ist es nicht und soll es auch nicht sein. Sondern: ein deutliches Statement.

Magst du Juden?“ Interessant – und warum? Oder „wem kann man am ehesten vertrauen?“ a.) Juden b.) ISIS c.) Katzen? Die ersten Seiten von Oliver Polaks neuem Buch „Gegen Judenhass“ erinnern an diese Selbsttests in Zeitschriften. Die Fragen basieren auf einem Sammelsurium von Aussagen, die der jüdische Stand-up-Comedian immer wieder gehört hat – und von Unwissen. Der Hauptteil ist ein klares Statement des Grimme-Preisträgers. Und zwar gegen Antisemitismus und Rassismus. Es ist bereits das dritte Buch des 42-jährigen Berliners, das Anfang der Woche erschienen ist. Kein Comedy-Buch allerdings, eher ein Essay. 

In Ihrem aktuellem Buch erzählen Sie, wie der Vater eines Freundes, da sind Sie gerade mal sieben Jahre alt, zu Ihnen sagt: „Ihr, also ‚die Juden‘, tragt die volle Schuld am Tod von Jesus.“ Wie hat sich das für Sie angefühlt, Herr Polak?
Ich wusste damals gar nicht, wer Jesus war. Und trotzdem habe ich mich schuldig gefühlt. Ich dachte, ich habe etwas falsch gemacht, aber ich wusste nicht warum und war total eingeschüchtert. Als ich später zu Hause war, habe ich mich in meiner Monchhichis-Bettwäsche versteckt. Ich wollte mich vor der Welt verstecken. Zumindest vor dieser Welt, die mir immer wieder begegnen würde.

Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen?
Irgendwann später mit meiner Mutter. Aber mit meinem Vater habe ich nie darüber gesprochen. Ich wollte meinen Vater, der mehrere Jahre im KZ war, nicht mit so etwas konfrontieren.

„Gegen Judenhass“ ist Ihr drittes Buch.  Eines, das sehr spontan entstanden ist …
Eigentlich hatte ich gerade an meiner neuen Liveshow „Der Endgegner“ gearbeitet. Aber dann wurde dieser salonfähig gewordene Antisemitismus, der mich umgab, immer mehr. Zudem gab es im März die Nachricht über die Holocaustüberlebende Mireille Knoll, der ich auch dieses Buch gewidmet habe. Sie ist mit 85 Jahren in Frankreich mit elf Messerstichen schwer verletzt und dann bei lebendigem Leibe in ihrer eigenen Wohnung angezündet worden. Aber auch hier in Deutschland passieren viele Dinge …

Was hat Sie besonders bewegt?
Jüdische Restaurantbesitzer, denen ihre schiere Anwesenheit vorgeworfen wird, und die sich Sprüche anhören mussten wie: „Wir wollen euch hier nicht.“ Oder auch als letztes Jahr hundert Konzertbesucher, die meisten von ihnen arabischstämmig, nach einem Konzert von Bonez MC und RAF Camora vor dem Velodrom mitten in Berlin auf „7 Nation Army“ von den White Stripes „Alle Juden sind Schweine“ sangen. Bis hin zu den jüdischen Schülern, die in der Schule gejagt wurden. Das erinnerte mich dann wieder an meine Kindheit in Papenburg, wo auch ich über Schulhöfe gejagt wurde. Und Sätze fielen wie „Ihhh, du hast Juden-Aids.“ Ich erinnere mich noch, wie hilflos ich mich da als Kind fühlte …

Und dieses Gefühl war dann auch ein Anlass, Ihr Buch zu schreiben?
Genau. Ich dachte: „Irgendwie sagt nie jemand etwas. Warum schreibt niemand ein Buch, wo es ein klares Statement gibt?“ Wenn Leute Dinge sagen wie „wehret den Anfängen“ oder „es darf nie wieder passieren“ sind das für mich leere Worthülsen ohne wirkliches Anliegen. Und dann gibt es die Menschen, die sagen: „Oh, ich kann es nicht mehr hören, Holocaust. Irgendwann ist doch mal gut“. Für mich gab es aber in Deutschland nie eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Nur eine theoretische. Der Antisemitismus ist wie ein Evergreen, so wie „My Way“ von Frank Sinatra. Er war immer da und ist immer geblieben.

Wie meinen Sie das mit der theoretischen Auseinandersetzung?
In Israel gibt es den Holocaust Remembrance Day, wo Sirenen erklingen. Das ganze Land stoppt, ob auf der Autobahn oder bei der Arbeit, und die Leute halten dann wirklich inne. Warum gibt es so etwas nicht bei uns? Ich hatte nie das Gefühl, dass hier irgendjemand wirklich emphatisch war und das nachfühlen konnte, und sich so auch nicht feinfühliger verhalten hat. Auch im Schulunterricht war immer alles düster, wenn es um die Auseinandersetzung mit Antisemitismus ging, mit dicken Geschichtsbüchern. Mein Ansatz jetzt war: „Wie kann man dieses große schwere Thema einfach mal aufs Wesentliche herunterbrechen?“ Ich habe mich dabei auf falsche Kernaussagen wie „alle Juden sind reich“ oder „Juden gehört die Welt“ konzentriert. Deshalb wollte ich so ein dünnes Buch schreiben, so ein Manifest. Mein Traum wäre es, dass es am Ende ein Schulbuch wird.

Beim Schreiben ging es Ihnen zwischendurch sehr schlecht …
Das war kein Buch, an dem ich Spaß hatte, es zu schreiben. Ich habe mich mehrfach übergeben, während ich es geschrieben habe, weil es so unangenehm war. Wenn du stundenlang über Antisemitismus geschrieben hast, gehst du nicht aus dem Haus und sagst: „Geil, und jetzt lecker Bierchen.“

Sie erzählen auch über einen Fernsehmoderator, der bei einem Auftritt von Ihnen anderen Gästen Desinfektionsspray angeboten hatte mit dem Satz: „Habt Ihr ihm die Hand gegeben?“ Jahre später sagte der Moderator in einer Talkshow zu Ihnen: „Dein Judentum ist dein Unique Selling Point“. Was ist alles falsch an diesem Satz?
Mit anderen Worten hat er doch gesagt: „Wenn du kein Jude wärst, wärst du nichts.“ Das ist einfach sehr eklig. Ich war in dieser Talkshow zu Gast und es ging um mein zweites Buch „Der jüdische Patient“, wo ich über meine Depressionen geschrieben hatte. Die auch dadurch hervorgerufen wurden, dass ich eben auf mein „Jüdischsein“ immer wieder reduziert wurde. Und wie ich es auch in meinem Buch sage: Wenn eine schwarze Frau ein Buch über Depressionen schreibt, begrüße ich sie doch auch nicht Banane essend, während dabei ein Lied aus „König der Löwen“ läuft, und am Ende habe ich Angst, dass sie abfärbt, weil sie mir die Hand gibt …

In dem Moment haben Sie aber nicht reagiert, warum?
Nein, habe ich nicht, weil ich überfordert war. Ich bin aber nie wieder in seine Show gegangen. Schon als Kind habe ich mir antrainiert, über so stumpfe Bemerkungen hinwegzugehen, für die Illusion dazuzugehören. Aber mittlerweile habe ich schon öfter darüber nachgedacht, grundsätzlich wegzugehen, weil ich keinen Bock mehr habe. Auch wenn Deutschland meine Heimat ist und es hier auch ganz schön ist. Aber diese Sprüche machen mich auch sehr müde. Ich wurde schon als Kind so erzogen, dass meine Eltern zu mir sagten: „Wenn es wieder losgeht, dann nicht lange überlegen, dann weggehen.“

Sie haben bei allen Prominenten, auch bei diesem Talkshowmoderator, die Namen im Buch weggelassen. Warum eigentlich?
Es gab ein paar Fälle wie bei den Rappern Kollegah und Haftbefehl, die öffentliche Debatten ausgelöst hatten. Aber trotzdem habe ich auch ihre Namen in meinem Buch weggelassen, weil ich nicht wollte, dass die Leute am Ende des Buches über Prominente reden, sondern eben über den Antisemitismus.

Gerade bei Kollegah scheint Antisemitismus total hip. Wie pervers ist das?
Kollegahs Antisemitismus ist doch schon bewiesen, wenn man sein Video „Apokalypse“ analysiert, dort trägt der Teufel den Davidstern, die Bösewichte, die Banker, sind oben auf den Türmen. Und am Ende leben alle in einer friedlichen Welt: Buddhisten, Christen, Muslime, aber die Juden sind nicht dabei … Für viele Jugendliche sind diese Rapper ihre Idole und sie wachsen mit diesen Feindbildern auf. Zudem sind diese Rapper geschäftstüchtiger, was Geldgier um jeden Preis angeht, als jedes Horrorbild, was sie von Juden zeichnen.

Wie sehr machen Ihnen die aktuellen Nachrichten Angst? Die Nazi-Parolen „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ in Dortmund bis hin zu Juden, die innerhalb der AfD nun ihren eigenen Verein gründen wollen. Das ist doch absurd.
Mich wundert gar nichts mehr.

Was ist Ihr Appell an uns alle? 
Wenn antisemitische Sätze fallen, muss man sofort etwas entgegnen. Denn wenn niemand was sagt oder es immer wieder entschuldigt mit: „Du kennst ihn doch, er meint es doch nicht so“, dann gibt es ein immer größeres Loch, in dem Antisemitismus oder Rassismus gedeihen. Eine Lücke, die die AfD, CSU und andere für sich nutzen.

Sie sagen auch: „Das Ende vom Menschenhass beginnt mit Dir.“
Die Menschen müssen wieder anfangen offener und empathischer durch die Welt zu gehen. Aber auch die Politiker müssen eine Klarheit schaffen und die Gesetze so machen, dass niemand mehr Angst haben muss. Ein Hitlergruß sollte mindestens 5000 Euro Strafe kosten. Oder ein Jahr Knast.

Interview: Kathrin Rosendorff

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion