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Jetzt auch in Griechenland: Urnen im ersten Krematorium in Ritsona. LOUISA GOULIAMAKI/AFP (2)

Griechenland

Ohne den Segen der Kirche

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Nach jahrzehntelangem Hin und Her hat in Griechenland das erste Krematorium den Betrieb aufgenommen. Der erzkonservative orthodoxe Klerus wehrt sich vehement

Für etwa 3000 Griechen pro Jahr hat die letzte Reise bislang ins benachbarte Bulgarien geführt. Sie hatten in ihrem Testament bestimmt, dass ihre sterblichen Überreste eingeäschert werden sollen. Rund 2000 Euro berechnen griechische Dienstleister wie die Firma True Memorial für die Einäscherung im Nachbarland, einschließlich Überführungskosten. Denn in Griechenland gab es bisher keine Krematorien. Zwar ist die Feuerbestattung dort seit 2006 legalisiert. Und Kommunalpolitiker in Athen, Thessaloniki und anderen großen Städten haben sich immer wieder für den Bau von Krematorien starkgemacht, nicht zuletzt, weil die meisten Friedhöfe in den Ballungsräumen längst voll belegt sind. Doch die mächtige orthodoxe Kirche bremste mit Protesten und Einsprüchen. Der Klerus betrachtet die Feuerbestattung als heidnischen Brauch, der „dem Geist der Heiligen Schrift widerspricht“. Lange war Griechenland deshalb der einzige EU-Staat ohne Krematorien.

Bis Anfang Oktober in Ritsona nördlich der Hauptstadt Athen das erste Krematorium eröffnete. Seither wurden bereits mehr als 100 Einäscherungen vorgenommen. Die Baukosten beliefen sich auf rund vier Millionen Euro. Die Privatfirma Crem Services SA hält 70 Prozent, die gemeinnützige Nichtregierungsorganisation „Griechische Gesellschaft für Kremation“ (GCS) die restlichen 30 Prozent der Anteile. GCS-Präsident Antonis Alakiotis sprach bei der Eröffnung von einem „historischen Ereignis“. Die Bestattungstraditionen zu verändern sei eine „der schwierigsten und langwierigsten Umwandlungen, die eine Gesellschaft durchmacht“, weiß Alakiotis.

Denkschrift „An das Volk“: Verstorbene seien kein „Müll“, den man „im Feuer entsorgen“ dürfe.

Das gilt nicht nur für Griechenland. Im Christentum wurde die Feuerbestattung jahrhundertelang als „barbarische Sitte“ abgelehnt. Die katholische Kirche akzeptiert Einäscherungen erst seit Mitte der 1960er Jahre, empfiehlt aber weiterhin vorzugsweise das traditionelle Begräbnis. Die protestantischen Kirchen standen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts der Feuerbestattung ebenfalls überwiegend ablehnend gegenüber, tolerieren sie aber inzwischen. Im Judentum und im Islam ist die Verbrennung des toten Körpers grundsätzlich verboten.

So hält es auch die orthodoxe Kirche in Griechenland. In einer vier Seiten langen Denkschrift mit dem Titel „An das Volk“, die jetzt in allen Kirchen verteilt wird, untersagt die Heilige Synode kirchliche Trauerfeiern für jene, die ihren Leichnam verbrennen lassen. Verstorbene seien kein „Müll“, den man einfach „im Feuer entsorgen“ dürfe, heißt es in dem Text. In drastischen Worten schildert die Schrift die Einzelheiten der Verbrennung und wie „das menschliche Skelett in einem speziellen Mixer zu Staub zermahlen wird“. Das ganze Verfahren „unterscheidet sich kaum vom Recycling“, stellt die Denkschrift angewidert fest. Die Kirche könne zwar keinen Menschen zwingen, ihre Traditionen einzuhalten, heißt es in der Erklärung. Wer sich aber für die Einäscherung entscheide, müsse auf eine kirchliche Trauerfeier verzichten.

Dass sie die Feuerbestattung ablehnt, begründet die orthodoxe Kirche offiziell mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung der Toten. Es könnte aber neben den religiösen Gründen auch finanzielle Erwägungen geben. Denn der Klerus verdient gut an den oft prunkvoll ausgestatteten Begräbnissen. Für die kirchliche Bestattung eines Angehörigen greifen viele Hinterbliebene gern tief in die Tasche.

Eine ähnliche Debatte gab es, als in den 1980er Jahren in Griechenland die Zivilehe eingeführt wurde. Damit verloren die Popen ein lukratives Monopol. Noch 1991 wurden fast 59 000 kirchliche Ehen geschlossen, gegenüber nur 5800 Zivilehen. Inzwischen entscheidet sich rund jedes zweite Paar für den Gang zum Standesamt und verzichtet auf die kirchliche Trauung.

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