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„Ohne meine Wut gäbe es diese Platte nicht“

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Fast 30 Jahre im Geschäft: Brian Molko (l.) und Bandkollege Stefan Olsdal.
Fast 30 Jahre im Geschäft: Brian Molko (l.) und Bandkollege Stefan Olsdal. © dpa

Und für diese Wut hat er viele Gründe. Placebo-Frontman Brian Molko im Gespräch über das neue Placebo-Album, unsichere Zeiten und seinen Freund und Mentor David Bowie.

Brian Molko, sie sollen an Schlaflosigkeit leiden. Wie war die Nacht?

Zufriedenstellend. Im Moment geht es ganz gut. Der Schlafmangel kommt in Phasen. Das ist schon so, seit ich ein Teenager war. Der positive Aspekt dieses halluzinatorischen Zustands ist der, dass er meinen Kopf öffnet. Die Melodien und Texte plumpsen mir dann mitten in der Nacht förmlich vor die Füße. Ich muss dann aufstehen, ans Piano gehen, spielen und aufnehmen. Der Song „Beautiful James“ entstand auf diese Weise. Der delirierende Zustand hat etwas Magisches, die Konsequenzen für mein mentales und körperliches Wohlbefinden sind jedoch ernst.

Wie äußert sich das?

Monate mit kaum Schlaf führen dazu, dass du langsam verrückt wirst.

Würden Sie diese Schlaflosschübe eintauschen wollen gegen eine geregelte Nachtruhe, aber ohne Ideen im Dämmerzustand?

Jederzeit. Ich glaube nicht an das Klischee, dass ein Künstler kaputt oder gequält sein muss, um seine Arbeit zu machen. Ich habe auch schon dunkle Songs geschrieben, wenn ich superglücklich war, und umgekehrt. Entweder man ist ein Songschreiber, oder man ist keiner.

Wo sind Sie gerade?

Ich bin momentan in London, um mit der Band zu proben. London ist nicht mehr meine Heimat. Ich habe England im Februar 2021 verlassen. Ich bin ein Brexit-Waise.

Der Brexit stand doch schon seit 2016 fest. Warum hat Sie das gerade jetzt so schockiert?

Die Auswirkungen sickern erst jetzt so richtig ein. Letztlich ist er noch eine weitere Unsicherheit, die obendrauf gekommen ist. Ich fühle mich insgesamt psychologisch brutal in die Zange genommen von all den Ungewissheiten und Bedrohungen, die seit Jahren auf uns niederprasseln. Das Coronavirus hat in mir die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt noch eine Zukunft gibt für diese Band. Nur von Spotify kann ja kein Mensch leben. Ich frage mich immer wieder, ob ich noch einen Job habe und wie es weitergehen soll. Brexit und Corona waren für mich ein Zwillingsdämon, der mich wütend und depressiv gemacht hat. Ich wusste, ich muss hier weg, sonst gehe ich körperlich und seelisch kaputt.

Wo in Europa haben Sie sich denn nun angesiedelt?

Tja, das verrate ich nicht. In London wussten viele, wo ich lebe. Es gab eine Reihe von Kids, die vor dem Haus herumlungerten, um auf mich zu warten, und die sogar ständig an der Tür klingelten. Kam ich dann raus, folgten sie mir. Deshalb behalte ich für mich, wo ich jetzt wohne. Auch auf Instagram halte ich diesbezüglich schön meine Klappe. Die Fans hatten sogar solche „Vermisst“-Poster vor meinem Apartment in London aufgehängt, wie bei einer verschwundenen Katze.

Sie sind ohnehin ein recht privater, zurückgezogen lebender Mensch, oder?

Ja, das bin ich zu einhundert Prozent. In Erscheinung möchte ich nur als Sänger von Placebo treten. Außerhalb meines Berufs bin ich zurückhaltend und scheu. Ich brauche keine Aufmerksamkeit, wenn ich morgens Brötchen hole.

Geht es im Stück „Went Missing“ um Ihr Verschwinden aus London?

Nein. „Went Missing“ ist in erster Linie eine Betrachtung des engen Verhältnisses, das ich mit meinem Suchttherapeuten habe. Immer wenn ich rückfällig wurde, war schlagartig alles stockdunkel um mich herum, und ich verschwand gewissermaßen innerlich wie äußerlich. Tauchte ich dann wieder auf, meinte er immer: „Oh, du warst wohl eine Weile von der Erdoberfläche verschwunden.“ Auch handelt der Song davon, wie meine Sucht von Zeit zu Zeit sichtbar wurde für die Öffentlichkeit. Eine Handvoll Male in der Geschichte von Placebo schaffte ich es nicht über den ersten Song eines Konzerts hinaus.

Was haben Ihnen die Drogen gegeben?

Die Auslöschung des Selbst. Die Suche nach diesem Verschwinden, damit ich mich nicht mehr spüren muss. Im Grunde lief ich doch vor mir selbst, vor meiner eigenen Persönlichkeit weg. Ich habe viele Jahre lang nicht verstanden, wie viel Angst nahestehende Menschen um mich hatten. Wer eine enge Beziehung zu einem Süchtigen hat, der verschwindet, der sorgt sich um dessen Leben und fürchtet, diesen Menschen eventuell nie wiederzusehen.

Placebo:

Haben Sie die Drogen heute im Griff?

Ich habe über viele Jahre zu einem Lebenswandel hingearbeitet, der sehr, sehr viel moderater ist.

Sprechen Sie in „Fix Yourself“ darüber, wie es gelungen ist, sich selbst in Ordnung zu bringen?

Nein, „Fix Yourself“ ist ein Fuck-you-Song. Es geht darin nicht um mich, sondern um all die verlogenen, miesen Heuchler da draußen. „I am bored of your Caucasian Jesus“ ist eine meiner Lieblingszeilen, die ich je geschrieben habe. Der Song richtet sich an alle, die rumlaufen und meinen, sie müssten ihre Moralvorstellungen verbreiten. Angefangen bei dir, Kirche. Ich lasse mir doch von irgendwelchen Pfaffen nicht sagen, wie ich zu leben oder was ich zu denken habe. Sollen die doch mal bei sich selbst anfangen und ihr eigenes Leben und ihre eigenen Einstellungen verändern!

„Never Let Me Go“ ist insgesamt ein harsches, wütendes, meinungsfreudiges Album, nicht wahr?

Es ist unser Leckt-mich-Album, ganz richtig. Es ist um Längen das Wütendste und Aufgebrachteste, das wir je gemacht haben. Und es ist sehr fokussiert in seinem Ärger und seinem Zorn. Ich habe heute wegen meines Lebenswandels eine andere, weit größere Klarheit als früher.

„Chemtrails“ ist ein Song über Verschwörungstheorien. Was haben Sie für die sogenannten Querdenker übrig?

Spott. Sonst nichts. Obwohl doch: Verachtung.

Ein Segen, dass Sie die Musik haben, um Ihren Harnisch in kreative Bahnen zu lenken.

Das ist absolut wahr. Ohne meine Wut gäbe es diese kraftstrotzende Platte nicht. Als mitfühlender Mensch kann ich keine drei Schritte gehen, ohne stinksauer zu werden wegen der geballten Unfairness an jeder Ecke. Ich wollte aus einer menschlichen, empathischen Perspektive davon erzählen, was Überwachung, Raubtierkapitalismus, Gier und Hass mit uns machen. Da hat sich definitiv eine Menge in mir angestaut.

Bei allem gesellschaftlichen Frust gibt es aber auch positive Entwicklungen. Gleichberechtigung und Diversität, Themen, für die auch Placebo von Anfang an standen, sind heute viel selbstverständlicher und akzeptierter als Mitte, Ende der Neunziger.

Ja, das stimmt. Vieles, was mit Gender, Sexualität und Identität zu tun hat, ist nicht mehr exotisch, sondern Teil des Mainstreams geworden. Viele der Debatten, die wir heute ganz selbstverständlich führen, existierten vor 25 Jahren noch gar nicht. Damals gab es die Optionen hetero, homo oder bi. Sonst nichts. Auch bei Fragen der Herkunft und der Hautfarbe hat sich manches zum Besseren verändert.

Aber?

Ich weiß nicht, ob wir wirklich in einer weniger vorurteilsvollen Welt leben. Du musst dich nur in Europa umgucken. Es gibt deutlich mehr populistische, sprich rechtsextreme Führer als vor 20, 30 Jahren. Leben wir heute tatsächlich mit weniger Ressentiments, oder ist das eine Illusion, die verstärkt wird von diesem kleinen Computer, den wir 24 Stunden am Tag bei uns tragen? Auch ich habe geglaubt, die Welt würde friedlicher und gerechter, aber wir sehen, dass dies nur eine Illusion ist.

Ihr Sohn Cody, der nun erfolgreich als Schauspieler arbeitet, ist 16. Er wächst in einer Welt auf, in der es in Europa wieder Krieg gibt. Sind Sie besorgt um seine Zukunft?

Ja, definitiv. Er weiß ja kaum, wie es ist, unbeschwert zu sein. Er litt erst zwei Jahre unter der Pandemie und jetzt leidet er unter Putin. Verdammt. Ich bin ein Kind der Achtziger. Zu meiner Zeit gab es nicht alle drei Meter eine Überwachungskamera, und die Telefone waren noch durch ein Kabel in der Wand verbunden. Die Welt meines Sohnes ist mit meiner gar nicht mehr zu vergleichen. Er genießt den technologischen Fortschritt, doch was ist mit der Rechnung für diese kunterbunte Gegenwart und Zukunft, die irgendwann auf ihn wartet? Sein Handy ist de facto auch ein Kontrollmedium. Es hält ihn als Geisel. Aber so sieht er das natürlich nicht. Er kennt nur den Dopaminkick, der ihn auffordert, immer weiter zu scrollen.

Sie sind an David Bowies 50. Geburtstag bei seiner großen Sause im New Yorker Madison Square Garden aufgetreten. Nun werden Sie im Dezember selbst ein halbes Jahrhundert alt. Was haben Sie geplant?

Für eine Geburtstagsparty im Madison Square Garden bin ich ganz sicher nicht berühmt genug. Ach, David. Mein Freund und Mentor. Ich denke jeden Tag an ihn. Mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich an seinen letzten Geburtstag denke, das war unsagbar emotional für mich. Es ist ein bisschen traurig, dass David erst sterbenskrank sein musste, bis ich erkannte, wie viel er mir als Mensch und als Freund bedeutete und beigebracht hat. David zeigte mir, wie man ein freundlicher, zugewandter Mensch wird und wie man die anderen Menschen mit Anstand behandelt. Er war gut zu jedem, den er traf. Ich bewundere und ich liebe ihn.

TelefonInterview: Steffen Rüth

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