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Oh wie klein ist Kanada

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Von: Regine Seipel

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Von Ruhe keine Spur in den Straßen Torontos.
Von Ruhe keine Spur in den Straßen Torontos. © Regine Seipel

Niagarafälle, CN-Tower und Skiberge: Im Miniaturland in Toronto wird das Land geschrumpft – und die Gäste bei Bedarf gleich mit.

Wenn es Nacht wird in Toronto, sieht die Stadt noch schöner aus. Von Ruhe keine Spur, auf den breiten Straßen rund um den Hauptbahnhof Union Station blinken die Scheinwerfer der Autos, Wolkenkratzer strahlen hell und die Geräuschkulisse aus ratternden Zügen, Rauschen und Gehupe der Autoschlangen wirkt so realistisch wie die winzigen Einzelheiten des Straßenbildes bis hin zu Gullydeckeln, Leuchtreklame und Lüftungsschlitzen. Und über allem ragt unverkennbar der CN-Tower empor, spätestens jetzt ist klar, dass wir uns in Toronto befinden.

Die Nacht dauert genau sechs Minuten, dann geht das Licht wieder an. In Little Canada ist nicht nur das Land auf den Maßstab 1:87 geschrumpft, auch der Tag ist nach nur neun Minuten wieder vorbei. Zeit genug für das Ausflugsschiff, einen Raum weiter zu den Niagara Falls abzulegen. Das lohnt sich für Gäste, die auf einem Kurztrip nach Toronto keine Zeit für dieses Pflichtprogramm haben. Sie können sich hier im Kleinformat zumindest ein Bild von den Attraktionen machen, bei denen man dem Wasser möglichst nahe kommt, das unaufhörliche Tosen des Stroms und Möwengekreisch inklusive.

Doch auch wenn die Szenerie dank technisch aufwendiger Animation ziemlich echt aussieht – die Faszination des Miniaturlandes, das vor gut einem Jahr in Torontos Innenstadt eröffnet hat, liegt weniger im touristischen Überblick, was das Ahornland an berühmten Gebäuden und Landschaften so zu bieten hat, als in der schon beinahe wahnwitzig anmutenden Detailverliebtheit – und in der Vision seines Schöpfers, der mehr als zehn Jahre seines Lebens und einige Millionen Dollar in die Verwirklichung seines Traumes steckte. Jean-Louis Brenninkmeijer, ein Spross der C&A-Dynastie, gebürtiger Holländer und in London aufgewachsen, der viele Jahre im Familienunternehmen gearbeitet hat, bis ihm der Job, der ihn nach Kanada führte, irgendwann zu langweilig erschien.

Mit 50, so wird seine Geschichte erzählt, erinnert sich der Vater von vier Kindern, der sich westlich von Toronto in Oakville niedergelassen hat, an seine kindliche Leidenschaft für Modelleisenbahnen, die in Kisten verpackt mit nach Kanada umgezogen waren. Und als es ihn derart infiziert ein Jahr später ins Miniatur Wunderland in Hamburg treibt, das als größte Modelleisenbahnanlage der Welt gilt, beginnt der vom Kleinen faszinierte Mann groß zu denken: Die Idee, sowas auch in Kanada aufzubauen, lässt ihn nicht mehr los. Er sucht Mitstreiter, schließlich ist er nicht der einzige Mann, der Modelleisenbahnen liebt, und findet Dave MacLean, Bauingenieur und Präsident des Model Railroad Club of Toronto.

Schnell ist man sich einig, dass nicht die Züge, sondern das Land mit seinen berühmten Gebäuden und Landschaften im Mittelpunkt stehen soll. Für Bewegung ist dennoch gesorgt. Neben Eisenbahnen schaukeln Schiffe, Radfahrende sind unterwegs und etwa 300 Autos drehen autonom ihre Runden, die in regelmäßigen Abständen zum Aufladen hinter den Kulissen halten müssen. Im Kontrollzentrum, einer hohen Wand voller Monitore, überwachen ständig Mitarbeitende den Verkehr. Denn wie im echten Leben kommt es immer mal wieder zu Staus, entgleisen Loks oder laufen Boote aus dem Ruder. Dann greifen die Riesen mit Stangen und Werkzeug vor den Augen des Publikums regelnd ein und bringen die kleine Welt wieder in Ordnung, auch das Beobachten solcher Rettungsmanöver macht Spaß.

Brenninkmeijer soll einst in Hamburg zehn Stunden in der Miniaturwelt unterwegs gewesen sein, heute ist der elegant und korrekt wirkende Mann, bei dem man seine verspielte Passion nicht vermuten würde, fast jeden Tag in seiner eigenen Ausstellung anzutreffen, redet gern mit Gästen und gibt unermüdlich Erklärungen ab.

Wer alle Details entdecken will – etwa die Szenen aus Romanen und Filmen im Luxushotels Chateau Laurier in Little Ottawa oder den kleinen Mann in Lederhose, der unermüdlich seinen Hammer schwingt, um das Bierfass zum Oktoberfest anzustechen, das samt Bierkutsche, Minidirndl und Blasmusikkapellen auch in der Gegend von Toronto nicht fehlen darf – kann auch in Little Canada viel Zeit verbringen.

Obwohl die Ausstellung derzeit erst fünf Destinationen umfasst. Sechs weitere sollen in den kommenden Jahren folgen, bis die gesamte Schaufläche von 45 000 Quadratmetern bestückt ist: Prärien, die Rockys, die Küsten, Montreal und Little North. In dem noch kahlen Raum liegen schon Eisbären, ein paar weiße Berge und viele Notizen in den Vitrinen. Kalt ist es dort auch. Das Erlebnis soll schließlich möglichst viele Sinne ansprechen.

An Little Canadas Wachstum werkeln rund 50 Fachleute, darunter Hobby-Puppenstubenbauerinnen, Architekten, Elektrikerinnen, Mechatroniker und Künstlerinnen. Während anfangs noch bestehende Modellbausätze umgebaut und angepasst wurden, entstehen die meisten Objekte inzwischen im 3-D-Drucker. 200 000 Arbeitsstunden sollen für den Aufbau bisher angefallen sein. Die Investitionen werden auf 24 Millionen Dollar beziffert, rund 200 Geldgeber beteiligten sich. Mehr als 10 000 Mini-Bäume begrünen die Landschaften, deren Herstellung etwa der knorrigen Äste ebenso wie der Aufbau des sechs Millimeter hohen Rasens aus winzigen Fasern eine Wissenschaft für sich ist. Mehrere zehntausend kleine Menschen bevölkern das Land. Sie werden in allen Lebenslagen wie etwa auch im Rollstuhl und in allen Hautfarben gezeigt, um die kulturelle Vielfalt der kanadischen Bevölkerung abzubilden.

Und die wächst auch in Little Canada. Denn als besonderen Gag können sich Gäste in der kleinen Welt verewigen. Das nennt sich „Littlization“ und wer für diesen Zweck die futuristische 3-D-Kapsel betritt und sich unter surrenden Geräuschen von 128 Kameras abscannen lässt, fühlt sich ein bisschen wie im Raumschiff Enterprise, nur dass das Beamen in die kleine Welt etwa zwei Wochen dauert und mindestens knapp 60 Dollar kostet. Aus den Fotos von den Posen, die in der Kabine entstehen, wird im 3-D-Druck ein kleines Gipsmenschlein angefertigt, angeblich ein deutlich erkennbares Abbild, das dann in Little Canada einziehen kann.

Vielleicht sogar in der Nähe des Parlamentsgebäudes in Little Ottawa, mit seinen 20 000 angestrichenen Ziegelsteinen eines der Schmuckstücke der Schau, über dem alle 15 Minuten der Canada Day mit animiertem Feuerwerk gefeiert wird. Da kommt es vor, dass Leute spontan klatschen, ergriffen sind oder sogar die Nationalhymne anstimmen. Solche Gefühlsausbrüche gefallen auch dem Chef. Parlament Hill ist einer der Lieblingsplätze von Jean-Louis Brenninkmeijer, der inzwischen die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen hat.

Transparenzhinweis: Die Recherche wurde unterstützt von Destination Toronto.

Jean-Louis Brenninkmeijer hat sich mit der Miniaturenlandschaft einen großen Traum verwirklicht.
Jean-Louis Brenninkmeijer hat sich mit der Miniaturenlandschaft einen großen Traum verwirklicht. © Little Canada
Im Maßstab 1:87 können Gäste das Mini-Kanada in mehreren Räumen entdecken.
Im Maßstab 1:87 können Gäste das Mini-Kanada in mehreren Räumen entdecken. © Regine Seipel
Auch Kanadas reiche Tierwelt findet ihren Platz.
Auch Kanadas reiche Tierwelt findet ihren Platz. © Little Canada

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