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Bis zu 23 Meter breite Häuser ziehen auch auf dem Wasserweg um.

Kanada

„Oh Gott, da vorne fährt ein Haus!“

  • vonUta-Caecilia Nabert
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Wenn Immobilien mobil werden: In Nordamerika werden komplette Häuser über hunderte Kilometer hinweg zu ihrem neuen Standort transportiert. FR-Autorin Uta-Caecilia Nabert begleitet Männer, die Unmögliches möglich machen.

Am Anfang war der Kaffee. Als Team-Manager Jim Connelli zur Baustelle kommt, ist alles vorbereitet. Das Haus thront auf dem Truck, die sechs Männer sind „ready to go“, die Schaulustigen im kanadischen Victoria stehen am Wegesrand. Es ist halb elf am Abend. Jim verteilt Kaffee in Pappbechern. „Dark roast“, wie von den Männern bestellt. Es ist eine laue Nacht, kein Regen; „Das ist gut, der Job ist so schon hart genug“, sagt Jim. Zwischen Straßenlaternen, den Stirnlampen der Männer und den Scheinwerfern des Trucks glimmen Zigarettenstummel unter Bauhelmen. Sechs Bauhelme, sechs Augenpaare, die heute ein 110 Quadratmeter großes Einfamilienhaus vom Grundstück runter, durchs Wohngebiet, die Stadt und über die Autobahn Richtung Flughafen lotsen werden. Mit Hilfe zweier Trucks – und Flugzeugfahrwerken.

Der Kaffee ist ausgetrunken. Es geht los – gleich mit dem schwierigsten Teil des Transports: Die Männer müssen das Haus zwischen Zierkirschen hindurch vom engen Grundstück hinunter auf die Straße operieren. Das Kamel muss durchs Nadelöhr.

Neue Eigentümer erhalten das Haus zum Nulltarif – aber der Transport kostet.

Das Haus schwebt rund anderthalb Meter über dem Gartenweg auf seinem Anhänger. Am Sockel klebt Erde, darüber erheben sich weiß verputzte Wände. Ein mächtiges Panoramafenster gibt den Blick ins leere Wohnzimmer frei. Im gelb flackernden Warnlicht der Fahrzeuge schwingt innen eine Deckenleuchte. In der Küche sind Einbauschränke zu sehen. Manchmal vor solchen Transporten stellt Jim ein Flasche Wein hinein. „Als kleine Aufmerksamkeit für die Besitzer und um ihnen zu zeigen, wie ruhig der Umzug verläuft.“ Die Flasche sei noch nie umgefallen.

Das Haus ist ein einstöckiger, fast quadratischer Bau mit Walmdach. Bescheiden im Vergleich zu dem, was das Unternehmen Nickel Bros zu transportieren imstande ist: Riesigen zweistöckigen Prachtbauten hat die Firma schon das Laufen beigebracht.

Ryan Burns alias „Sugarboots“ – der Mann mit den „Zuckerstiefeln“ – sitzt am Steuer des Umzugstrucks. Er gehört zum Männertyp Marke „Bär“: groß, stämmig, bärtig. Einer der Besten, wie Jim sagt. „Er bewegt die Pedale wie kein anderer und lenkt auf den Punkt genau.“ Der Motor heult auf, Millimeter um Millimeter schiebt sich die Zugmaschine samt Haus zur Grundstücksgrenze. Sekunden später: Stillstand. Zurück. Der Versuch, wieder anzufahren. Stillstand. Ryan gibt Gas, die große gelbe Motorhaube wackelt. Nichts passiert, außer dass die Räder durchdrehen. Das Problem ist, dass der Anhänger tiefer liegt als der Truck, er muss zunächst eine kleine Böschung hinauf. Die 60-Tonnen-Last hinter ihm bewegt sich keinen Millimeter. Ryan braucht Starthilfe. Das ist der Moment, da eine zweite Zugmaschine rückwärts an ihn heranfährt und die Männer eine armstarke Kette zwischen den Fahrzeugen festmachen. Ryan wird abgeschleppt, während er das Haus abschleppt. Ein Ruck geht durch den Zug, dann befinden sich Anhänger und Truck auf demselben Level – doch noch längst nicht auf der Straße. In den vergangenen zehn Tagen haben Jim und sein Team den 50er-Jahrebau auf diese Nacht vorbereitet: Sie haben die Stufen zur Haustür, die Terrasse, Gas-, Wasser- und Stromanschlüsse entfernt, das Gebäude vom Keller gelöst und es aufgebockt. Sie haben Stahlträger darunter zusammengeschweißt und Flugzeugreifen unter den Anhänger montiert. Die höhenverstellbaren Räder können sich um 360 Grad drehen. „So kann der Anhänger in jedem Winkel auch um enge Kurven fahren“, erklärt Jim. Das wird gleich nützlich sein, wenn sie das Haus auf die enge Straße ziehen werden.

Bis zu 200 000 Dollar kostet der Umzug in die neue Nachbarschaft.

Bis es soweit ist, wird eine Stunde vergehen, in der sich der Zug immer nur um Millimeter bewegt, in der sechs Augenpaare, um das Haus verteilt, in stetem Funkkontakt zueinander stehen, in denen die Räder unter dem Anhänger in die verschiedensten Winkel gedreht werden, damit die sperrige Fracht Stück für Stück um die Kurve, auf den Gehsteig, auf die Gasse, unter Kirschbäumen hindurch, an Leitungsmasten vorbei gelangen kann.

Nicht eine Sekunde lässt Jim das Gespann aus den Augen, gibt Anweisungen. Bevor sein Arbeitgeber, die Firma Nickel Bros, entscheidet, ob sie ein Haus bewegen kann oder nicht, schickt sie ihn an die Front. Er fährt die Strecke ab und prüft, ob das Objekt hindurchpasst. Wer die Welt mit Jims Augen sieht, sieht nicht die Schönheit von Blumenbeeten oder das neue Auto in einer Garageneinfahrt. Er sieht Brücken, Oberleitungen, Bäume, deren Äste über Fahrbahnen ragen. Und Verkehrsinseln. Der 62-Jährige ärgert sich. „Als ich vor 26 Jahren angefangen habe, gab es kaum welche. Jetzt ist die Stadt voll davon.“

Zur Info

Laut der Firma Nickel Bros lässt sich grundsätzlich jedes Haus bewegen. Auf dem Wasser hat das Unternehmen Häuser mit einer Breite von bis zu 23 Metern transportiert. Höher als zwölf Meter sollten sie aber nicht sein, damit sie unter Hochspannungsleitungen durchpassen. Die Häuser werden vorher von ihrem Keller getrennt. Auch müssen die Straßen zum Zielort breit genug sein; bei einer Steigung von maximal 30 Grad.

Für ihn besteht die Welt aus drei Arten von Menschen: Diejenigen, die zusehen, wie Dinge geschehen; diejenigen, die sich Gedanken darüber machen, warum diese Dinge geschehen, und diejenigen, die dafür sorgen, dass sie geschehen. „Zur letzten Gruppe gehören wir; Leute, die selbst das Unmögliche möglich machen“. Sie versetzen zwar keine Berge, aber Immobilien und dafür räumen sie schonmal parkende Wagen am Straßenrand aus dem Weg und legen Straßenschilder um. Alles, was sich mit wenigen Handgriffen entfernen lässt, wird aus dem Weg geräumt und später zurückgestellt, wenn die Fracht auf dem Weg zum neuen Zuhause vorbeigerollt ist.

Kaum hat es das Team geschafft, das Haus auf die Straße zu bugsieren, muss es an einer Straßenlaterne vorbei. Die Ecke des Walmdaches ist eine Handbreit davon entfernt, sie umzureißen. Ein knappes Handzeichen von Ryans Kollegen Arlys, und der Bär stoppt. Dann fährt er in verändertem Winkel wieder an, stoppt, setzt wieder zurück. So geht es hin und her. Wie beim Ausparken, nur dass die Männer für dieses Manöver eine halbe Stunde brauchen. Plötzlich knackt es. Während rechts die Laterne stört, ist links der Kirschbaum im Nachbargarten gefährdet. Für einen Moment sieht es so aus, als müsse das Team entscheiden: Baum oder Laterne? Einen Nachbarschaftsstreit müssen die ehemaligen Hausbesitzer zwar nicht mehr fürchten, doch Jim hat alles ausgemessen, er weiß, sie müssen sich nicht entscheiden, das Gebäude wird hindurchpassen – sie werden es auch diesmal möglich machen.

Jim Conelli.

Dann verbreitert sich die Straße. Ryan gibt Gas – nicht schneller als die Polizei erlaubt, doch immerhin fast so schnell wie die Müllabfuhr. „Oh ja“, sagt er und lacht auf die Frage, ob er schon mal was umgenietet hat. „Nicht nur einmal. Ein paar Masten hab ich schon mitgenommen. Das sind dann jedes Mal 15 000 Dollar.“ Bereits in dritter Generation besteht das Häuserumzugsunternehmen Nickel Bros. Seit 1956. Jim, der mit allen Brüdern – vom Firmengründer Henry bis zu dessen Enkel – zusammengearbeitet hat, erinnert sich an eine Erzählung des Alten: Einmal sollten zwei Häuser am Ufer des Fraser River auf ein Schiff verladen werden. Alles war fertig, doch der gecharterte Kahn verspätete sich. Währenddessen wurde das Wasser immer weniger, die Ebbe setzte ein. Schließlich kam das Schiff, sie verluden die Häuser und der Kiel berührte fast den Grund. Als der Kahn auslief, knarzte und knirschte es, doch dem Kapitän gelang das Manöver, bald befand er sich auf dem Fluss. Henry und seine Männer schauten ihm nach und bemerkten, dass die Häuser fast das Wasser zu berühren schienen. Dann bemerkten sie, dass es nicht nur so schien. Das Schiff sank. Es musste in dem flachen Wasser über einen Felsen geschürft sein. Henrys Kommentar damals: „Man würde nicht glauben, dass ein Haus eine ganze Stunde lang schwimmen kann.“

Das Schlimmste, das in der 64-jährigen Firmengeschichte je geschah, passierte bei einem Routineeinsatz. Ein Arbeiter machte zu schnell, montierte einen Eisenträger nicht richtig, der knallte runter und zertrümmerte einem Kollegen den Schädel. „Er war noch so jung und sah aus wie Brad Pitt.“ Jim seufzt. Seit dem Unfall ermahnt er seine Männer, niemals etwas zu überstürzen. „Sie sollen sich Zeit lassen und auf das konzentrieren, was sie gerade machen. Um den Rest kümmere ich mich – vom Kaffeenachschub bis zur Straßenblockade.“

Die Arbeiter wissen, dass es durchpasst – zumindest irgendwie.

In seinem weißen Nissan, flankiert von einem Kollegen im Pickup, fährt er auch heute Nacht dem Zug voraus. Im flackernden Schein gelber Warnlichter stellen sie sich an Gabelungen und Kreuzungen, leiten Autos um, die nach Mitternacht nur vereinzelt unterwegs sind. Die meisten Fahrer haben Verständnis, doch manchmal kommt es vor, dass einer aggressiv wird. In dieser Nacht hat Jim es mit einem Angestellten des öffentlichen Nahverkehrs zu tun. Wild gestikulierend regt sich der Mann darüber auf, dass ein Bus nicht passieren kann. Er will den Trupp zwingen, mitsamt dem Haus die Straße zu verlassen.

„Was für ein Wichtigtuer“, sagt Jim. „Der Job ist eh schon hart genug und dann kommt so einer. Wir haben eine Genehmigung, wir dürfen die Straße blockieren. Der Bus ist uns im Weg, nicht wir dem Bus.“ Die Lage eskaliert fast, Jims Kollege reckt die Faust, droht dem Mann. Der wiederum droht mit der Polizei. Jim muss schlichten und wird später sagen: „Es ist schwer, in solchen Momenten ruhig zu bleiben. Du bist voller Adrenalin, willst vorankommen, hast einen sehr engen Zeitplan. Da musst du aufpassen, dass du sachlich bleibst.“

Rund 50 vom Abriss bedrohte Häuser hat die Firma Nickel Bros schon versetzt,

Doch oft genug verlaufen die Begegnungen mit den Menschen freundlich. „Manchmal, wenn wir am frühen Abend anfangen, stellen die Anwohner Stühle in den Vorgarten und schauen uns zu“, erzählt Jim. „Dann wird der Umzug zum Straßenfest.“ Ein anderes Mal, spät nachts, kamen sie an einer Gruppe von Kneipengängern vorbei. Plötzlich rief einer: „Oh Gott, ich glaub, ich hab zu viel getrunken, da vorne fährt ein Haus!“

Nach vier Stunden erreicht das Team den leeren Highway. Ryan hat es in seiner Fahrerkabine bequem und warm, doch sein Kollege Arlys wird in dieser Nacht gute 25 Kilometer laufen müssen. Rückwärts, wie eine Parkhilfe im Dauereinsatz lotst er seinen Kollegen durch die Gegend. „Der hat Waden aus Stahl“, bemerkt Jim. Manchmal schreit Arlys, flucht. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, während er Oberleitungen im Blick behält und gleichzeitig den Abstand zu parkenden Autos checkt. Dann wieder steigt er auf das Trittbrett neben der Fahrertür, steckt den Kopf zu Ryan in den Zigarettenrauch und sagt sanft: „Hab ich Dir heute Nacht schon gesagt, dass ich die liebe?“ – „Nein“, sagt Ryan, „heute noch nicht. Wann heiraten wir?“

Es ist zwei Uhr nachts. Bis 4.30 Uhr müssen sie es von der Autobahn runtergeschafft haben, dann beginnt der Berufsverkehr. Das Haus wird zu einem Depot beim Flughafen gebracht, wo es die Firma zwischenlagert. Bis sich die Mannschaft schlafen legen kann, werden noch Stunden vergehen. Erst gegen acht Uhr werden alle zu Hause sein. Für einige geht die Arbeit dann weiter: „Manchmal transportieren wir das Haus noch im Traum.“

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