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Claudia Bundschuh.

Missbrauchsskandal

„Oft ist den Tätern gar nichts passiert“

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Die Pädagogin Claudia Bundschuh spricht im Interview mit der FR über den Missbrauch Schutzbefohlener.

Frau Professor Bundschuh, wie passen die Ergebnisse der Missbrauchs-Studie zu Ihren eigenen Untersuchungen?
Die Zahlen bilden längst nicht die ganze Wirklichkeit ab, weil die jetzt vorliegende Studie nur die aktenkundigen Fälle erfasst. Das ist aber nur der geringste Teil der tatsächlichen Vergehen. Und von den früher einmal vorhandenen Akten wurde ein unbekannter Teil vernichtet – teils aus formalen Gründen nach Ende der Aufbewahrungsfrist, teils wohl auch in manipulativer Absicht. Das steht ja so auch in der Studie meiner Kollegen. Wir selbst hatten in unserer Untersuchung auch eine Dunkelfeld-Befragung durchgeführt, die weitaus mehr Fälle aufgedeckt hat, als in den Akten vermerkt waren.

1670 Täter und knapp 3700 Opfer. Ist das nun wenig oder viel?
Wenn man bedenkt, wie groß das Vertrauen der Menschen in kirchliche Amtsträger war, ist die Zahl erschreckend hoch. Aber als Forscherin überrascht sie mich aus den genannten Gründen nicht. Wahrlich erschreckend finde ich nach wie vor die laxe Sanktionierung der bekannt gewordenen Täter über all die Jahrzehnte. In vielen Fällen ist den Tätern gar nichts passiert, oder sie sind mit einer „brüderlichen Ermahnung“ davongekommen. Das ist einfach nicht nachvollziehbar – ebenso wenig wie die Vorstellung, dass Geistliche mildernde Umstände geltend machen könnten. Davon müssen Kirchenobere, aber auch die Gläubigen und die ganze Gesellschaft endlich Abstand nehmen.

Zur Entlastung der Kirche wird oft gesagt, der Zeitgeist sei früher anders gewesen, und auch die Erkenntnisse der Psychologie und Psychiatrie zu Pädophilie hätten noch nicht vorgelegen.
Das ist schlicht inakzeptabel, weil es ablenkt vom eigentlichen Problem. Die Entscheidung zum Machtmissbrauch – und um den geht es hier – ist weder eine quasi angeborene Erkrankung noch eine Folge von anerzogener Moral, zeitbedingten sozialen Normen oder unterdrückter Sexualität. Das Muster ist zu allen Zeiten und unter allen Umständen gleich: Jemand stellt die eigenen Bedürfnisse über andere und entscheidet sich, andere Menschen – und in diesem Fall obendrein Kinder und Jugendliche, also Schutzbefohlene oder Abhängige – für die Befriedigung eigener Bedürfnisse zu benutzen.

Bietet die katholische Kirche dafür ein besonders geeignetes Umfeld?
Das ist die entscheidende Frage: Wie kamen die Täter bislang zu dem Glauben, dass sie das Recht dazu hätten? Wie trägt Kirche dazu bei, diesen Glauben zu stärken, der ein furchtbarer Irrglaube ist?

Haben Sie eine Antwort?
Sie liegt möglicherweise auch in der fehlerhaften Selbsteinschätzung von Kirchenvertretern als unanfechtbare Autorität qua Amt, die immer noch nicht durchgängig kritisch hinterfragt wird.

Interview: Joachim Frank

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