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Schuhe im Schaufenster - im Internet sind sie meist billiger.

Einzelhandel in Italien

Offline anprobieren, online bestellen

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Dass Kunden im Geschäft Schuhe anprobieren und dann online bestellen, geht einigen Händlern in Italien zu weit. Sie verlangen nun Gebühren oder Eintritt. Das kommt nicht bei allen gut an.

Die junge Frau, die bei „Kiki Sport“ in der norditalienischen Kleinstadt Mirandola Sneakers suchte, war empört. Als sie am Ende keines der Modelle kaufen wollte, verlangte der Inhaber zehn Euro von ihr – als Gebühr fürs Anprobieren, wie er erklärte. Sie wandte sich an den italienischen Verbraucherschutzverband Federconsumatori, der Fall erregte Aufsehen. Auch, weil sich in Italien die Beispiele mehren, in denen Geschäftsleute Geld fürs Anprobieren verlangen. Es soll ein Versuch sein, der Konkurrenz aus dem Internet die Stirn zu bieten.

Der Inhaber von „Kiki Sport“, Paolo Luppi, will keine Erklärungen mehr abgeben. Wegen schlechter Erfahrungen mit Interviewern und Anfeindungen im Netz, wie er am Telefon sagt, bevor er den Hörer auflegt. Im Internet finden sich aber zwei Video-Interviews mit Lokalmedien, in denen Luppi, um die fünfzig, grauer Bürstenhaarschnitt und aufgestellter Hemdkragen, ausführlich erläutert, was ihn antreibt.

Etiketten abfotografiert

„Die Pseudo-Kunden, die in meinen Laden kamen, anprobierten und dann sagten ‚Ich denke darüber nach“ wurden immer mehr“, erzählt er da. Solche Leute gingen dann nach Hause und bestellten ihre Lieblingsschuhe online, bei Kolossen wie Amazon, Zalando, Asos und Co. „Für uns Einzelhändler ist das frustrierend“, sagt Luppi. „Wer zu mir kommt, der wird beraten, der nutzt einen Service, für den arbeitet jemand, holt Schachteln, räumt sie wieder weg“. Aber es sei mittlerweile schick geworden, online zu kaufen, sagt Luppi. Er verlangt seit einem Jahr Geld fürs Probieren und stellt dafür einen Gutschein aus, der bei einem späteren Kauf angerechnet wird. In den USA sei das schon länger üblich, behauptet er.

Beim Internet-Shopping liegt Italien im europäischen Vergleich aber noch zurück. Während 77 Prozent der Deutschen 2018 angaben, im zurückliegenden Jahr mindestens einmal online gekauft zu haben, waren es nur 36 Prozent der Italiener. Allerdings hat Italien eine der höchsten Zuwachsraten im E-Commerce.

Die Geschäfte vor Ort betrachten viele Konsumenten nur noch als eine Art Showroom. „Topo“-Kunden nennt sie der italienische Handelsverband Confcommercio: Abkürzung von „Try offline, purchase online“, probiere offline, kaufe online – oft zu deutlich günstigeren Preisen. Nach einer Studie des Verbands befürwortet jeder zweite Kunde diese Kaufstrategie. Nur jeder zehnte hält sie für nicht korrekt.

Luppi sagt, er weise die Leute auf die Kehrseite der Medaille hin. Sie könnten sich später nicht beklagen, dass ein Laden nach dem anderen schließe. „Sie sollten darüber nachdenken, wie ausgestorben die Innenstädte bald aussehen werden. Und ob es gut für unsere Psyche ist, durch unbewohnte Zentren ohne Geschäfte und erleuchtete Schaufenster zu laufen, hinter denen Menschen arbeiten.“

Schon jetzt gibt es nicht nur in italienischen Einkaufsstraßen kaum noch Einzelhändler und kleine Modegeschäfte. Überall haben sich große Ketten wie Mango, Zara und Co. breit gemacht. Die haben kein Problem damit, wenn die Kunden ihre Produkte erst anprobieren und dann online bestellen. Sie verdienen so oder so.

Schuhgeschäfte in Italien verlangen Geld fürs Anprobieren

Ein Sportgeschäft in Trient war das erste, das Geld fürs Probieren verlangte. Inzwischen sind weitere Fälle in Italien bekannt. Im ligurischen Küstenstädtchen Sarzana nimmt Giulio Saresino zehn Euro Eintritt für seine zwei Geschäfte mit Markenschuhen und –bekleidung, Probieren inbegriffen. Ein Mann habe sich an einem Vormittag 14 Paar Schuhe zum Anprobieren bringen lassen und sei dann gegangen ohne zu kaufen, erklärte Saresino der Lokalzeitung. Besonders dreiste Kunden hätten mit dem Smartphone Etiketten fotografiert oder sich passende Größen und Modelle notiert. „Wir konnten so nicht mehr weitermachen.“ Er wolle solche „Schlaumeier“ abschrecken, und das funktioniere, behauptet er. Jetzt kämen nur noch echte Kunden.

Die Flut von Kommentaren im Internet hat einen ganz anderen Tenor. „Der wird bald pleite sein“, heißt es da, oder „Jetzt weiß ich, wo ich meine Schuhe nicht kaufe“. Zum Video-Interview mit Paolo Luppi schreibt eine Nutzerin: „Ich bin aus Mirandola, keiner hier geht mehr in diesen Laden“. Der italienische Verbraucherverband empfiehlt Kunden, sie sollten sich weigern Geld zu zahlen, wenn nicht schon am Eingang eines Geschäfts auf die Probier-Gebühr hingewiesen wird.

Zweifel, ob die Methode den Einzelhandel vor der Online-Konkurrenz retten kann, hat auch der Handelsverband. Im Leitfaden von Confcommercio heißt es: „Der Kunde, der den Laden betritt, muss immer als Mehrwert gesehen werden, auch wenn er nichts kauft.“ Zeige man ihm Kompetenz, Qualität und Professionalität, werde er wiederkommen. Und dann vielleicht im echten statt im virtuellen Geschäft einkaufen.

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