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Öffentliche Affären

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Die Männer seien doch „selbst schuld“, soll Benaissa einem Ex-Partner gesagt haben.
Die Männer seien doch „selbst schuld“, soll Benaissa einem Ex-Partner gesagt haben. © REUTERS

Im Benaissa-Prozess erzählen Ex-Liebhaber von Angst, Lügen und Verantwortungsgefühl. Das Gericht muss weitere Zeugen wohl nicht mehr hören.

Von Thomas Wolff

Im Benaissa-Prozess erzählen Ex-Liebhaber von Angst, Lügen und Verantwortungsgefühl. Das Gericht muss weitere Zeugen wohl nicht mehr hören.

Hat Nadja Benaissa ihre Sexualpartner mal über ihre HIV-Infektion aufgeklärt, mal nicht, sie bisweilen sogar bewusst getäuscht? Der Eindruck entsteht nach dem zweiten Prozesstag im Strafverfahren gegen die No Angels-Sängerin. Überfordert, innerlich zerrissen, von Angst geplagt scheint die Angeklagte ihre Affären durchlebt zu haben – folgt man den Aussagen zweier Ex- Liebhaber der 28-Jährigen, die gestern vor dem Darmstädter Amtsgericht aussagten.

Die Staatsanwaltschaft wirft Benaissa vor, mit mehreren Männern ungeschützten Verkehr gehabt zu haben, ohne ihnen das Ansteckungsrisiko deutlich zu machen. Einer der Männer, der Frankfurter Künstlerbetreuer S., der als Nebenkläger auftritt, soll sich dabei angesteckt haben. Der Vorwurf in diesem Fall: vollendete gefährliche Körperverletzung.

Erst 2007 will S. von Benaissas HIV-Infektion und dann von seiner eigenen erfahren haben. Über diese Zeit sollte auch der Berliner Musikproduzent E. berichten. Da dieser Zeuge nicht auftauchte, verlas Richter Dennis Wacker das Protokoll von dessen polizeilicher Vernehmung. Das hatte es in sich: Der Mann gab an, er sei „von Bekannten gewarnt worden“, dass Benaissa HIV-positiv sei. Was deren frühere Behauptung bestätigt, dass Gerüchte über sie in der Szene kursierten. Die Sängerin habe aber alles abgestritten: Sie habe das Virus nicht, die Medien wollten sie bloß „fertigmachen“. Wie ihr berufliches Verhältnis zu dem Produzenten damals war, blieb offen.

Nach einer gemeinsamen Nacht habe E. eines Morgens in Benaissas offener Handtasche ein Medikament entdeckt. Er habe dann nachgeforscht und festgestellt, dass es sich um eine HIV-Arznei handelte. „Ich weiß Bescheid“, sendete er per SMS.

Beim Treffen in einem Hotel habe Benaissa ihre Infektion dann zugegeben, geweint und gezürnt: Die Männer, die sich gegen sie wendeten, seien ja „selbst schuld“, hätten sie doch ein Kondom benutzen können. Immer wieder sei ihre „Stimmung umgekippt“ – Schwankungen, die auch zum Ende der Affäre geführt hätten.

Das war 2007, die No Angels gerade auf dem mühsamen Weg zum Comeback, Benaissa nach eigenen Angaben pleite. Fragen der Verteidigung und Staatsanwaltschaft an Benaissa zu den Vorwürfen des Berliner Produzenten: keine.

Eine ganz andere Seite der Sängerin schilderte dagegen der Frankfurter Musiker L., der bis heute mit Benaissa befreundet ist. Mit ihrer Infektion sei sie „sehr offen und verantwortungsvoll“ umgegangen, erklärte er dem Richter. 2003 hätten sich die beiden kennen gelernt. Anfangs sei es eine rein freundschaftliche Beziehung gewesen. Doch habe die Sängerin ihm „sofort“ die Wahrheit gesagt. Später, als beide ein Paar wurden und für mehrere Monate zusammenzogen, habe sie ihn stets aufgefordert, beim Sex ein Kondom zu benutzen.

Das war genau zu der Zeit, als die Sängerin auch mit dem Künstlerbetreuer S. schlief – ungeschützt, wie sie bereits am Montag eingeräumt hat, und ohne von ihrer Infektion zu erzählen.

Weitere Berichte dieser Art wird es nicht allzu viele geben. Die Prozessbeteiligten einigten sich gestern darauf, die meisten der noch geladenen Zeugen nicht mehr zu hören – die frühe Beichte Benaissas scheint sie entbehrlich gemacht zu haben. Auch ihre Band-Kolleginnen werden wohl nicht mehr aussagen müssen. Der Lebenswandel der Angeklagten und ihrer Partner scheint hinreichend geklärt.

Was man vom Hauptanklagepunkt nicht sagen kann. Ob Benaissa es war, die den Nebenkläger S. beim Sex ansteckte, das lässt sich mit allen noch so intimen Berichten nicht klären. Mit Spannung wird deshalb ein medizinisches Gutachten erwartet, das am kommenden Mittwoch erläutert wird. Tags darauf ist der letzte Prozesstag angesetzt.

Ein Anklagepunkt wurde indes fallengelassen. Ob Benaissa 2007 mit einem weiteren Mann ungeschützten Sex hatte, ohne ihn über das HIV-Risiko aufzuklären, wird nicht mehr verhandelt. Es seien entsprechende „Umstände zutage getreten“, erklärte der Richter. Die Zeugen dazu waren am Montag in nicht öffentlicher Sitzung angehört worden. Ein weiterer Fall von „versuchter gefährlicher Körperverletzung“, der sich 2000 zugetragen haben soll, wird dagegen weiter verhandelt.

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