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Hier nahmen einst Humphrey Bogart und Lauren Bacall einen Drink: Der Rainbow Room hoch über Manhattan.

New York

Bei den oberen Zehntausend

Eine New Yorker Legende, der Rainbow Room im Rockefeller Center, ist wiedereröffnet. Der ursprüngliche Charakter des eleganten Art Deco und der Flair der Big-Band-Ära sind erhalten geblieben.

Von Sebastian Noll

Das Aufgebot an Prominenz ließ etwas zu wünschen übrig, New York hätte mehr zu bieten gehabt. Sicher, es war ein echter Rockefeller-Erbe da und der derzeitige König des Late Night Talks, Jimmy Fallon. Aber die Haushaltswarenkönigin Martha Stewart, Designer David Rockwell und Guggenheim-Direktor Richard Armstrong stehen nicht eben an der Spitze der Gästeliste für Manhattaner Society-Events der ersten Kategorie.

Das war ein wenig enttäuschend, denn der Anlass hätte eigentlich die Aufmerksamkeit der Crème de la Crème aus allen Sparten der New Yorker Gesellschaft verdient. Es handelte sich schließlich um die Wiedereröffnung einer Ikone der Stadt – dem Rainbow Room. Fünf Jahre lang war der legendäre Dinner-Club im 65. Stock des Rockefeller Center geschlossen, und es fühlte sich manchmal so an, als würde der Stadt ein Gliedmaß fehlen. Seit der Eröffnung 1934 hatte es wohl keinen begehrteren Ort für hochkarätige Events gegeben.

Allein der Name Rainbow Room, den John D. Rockefeller weiland persönlich ausgesucht hatte, lässt eine nostalgisch-glänzende Welt vor dem geistigen Auge auferstehen. Man denkt an die 1930er und 1940er Jahre, an Big Bands und Paare in Abendgarderobe, die über die langsam rotierende Tanzfläche schweben. Man denkt an Martinis vor den 24 Panoramafenstern. Man denkt an Humphrey Bogart, Lauren Bacall und Joan Crawford, die an der Bar sitzen, rauchen und einen letzten Whisky nehmen.

Bei seiner Eröffnung war der Rainbow Room die Krönung des visionären Projekts des Rockefeller Center. Es war das i-Tüpfelchen auf der städtebaulichen Utopie, die Rockefeller mit seinen Ölmilliarden mitten in das Herz von Manhattan gesetzt hatte. Das Rockefeller Center, das den Superblock zwischen Fifth und Sixth Avenue und zwischen 47th und 50th Street besetzt, sollte alles in einem sein, Stadt in der Stadt. Der moderne New Yorker, den Rockefeller imaginierte, sollte in den fünf Wolkenkratzern des Centers und dem unterirdischen Labyrinth darunter leben und arbeiten. Er ging hier ins Büro und ins Fitness-Studio, zum Einkauf und ins Kino, zum Dinner und zum Schwofen.

Verbrämt wurde das Projekt mit Rockefellers persönlicher Fortschrittsphilosophie, der überall am „Rock Center“ mit Zitaten und idealistischen Kunstwerken gehuldigt wird.

Finanzkrise macht Vergnügen ein Ende

Das Rockefeller Center sollte Ausdruck der Kraft des Kapitalismus und der modernen Technik sein. Es sollte die Welt friedlich zusammenbringen und setzte dabei auf moderne Kommunikation. So war der Hauptmieter des zentralen Wolkenkratzers, der Nummer 30 Rockefeller Center, RCA, die Radio Corporation of America, der in den 1980er Jahren das TV-Netzwerk NBC folgte.

Das Rockefeller Center war aber nicht nur die Vollendung von Rockefellers Vision von der Kraft des amerikanischen Kapitalismus. Es war auch die Vollendung der Idee des modernen Manhattan. Der Architekt und Städte-Theoretiker Rem Koolhaas schreibt in seinem Buch „Delirious Manhattan“: „Rockefeller Center war die Erfüllung des Versprechens von Manhattan. Von nun an war die Metropole perfekt.“

Der Rainbow Room war laut Koolhaas „die Kulmination einer perfekten Kreation“. Sein Herz war und ist die theatralische Inszenierung der Stadt mittels der 24 halbverspiegelten Fenster, die von Kristallleuchtern umfunkelt werden. Das Drama von Manhattan ist Teil der Unterhaltung und fügt sich nahtlos in den Genuss der besten Küche und der besten Jazzbands ein, alles zum Gefallen der oberen Zehntausend der Stadt. Im Rainbow Room wurde das Gefühl unterstrichen, dass einem die Welt zu Füßen liegt.

Daran hat sich nie etwas geändert, der Rainbow Room blieb ein exklusives Vergnügen für die High Society. So war es nur passend, dass der Rainbow Room der Finanzkrise von 2008 zum Opfer fiel. Restaurateur Arrigo Cipriani, Betreiber unter anderem der legendären Harry’s Bar in Venedig, konnte die obszöne Miete von acht Millionen Dollar pro Jahr nicht mehr bezahlen. Die Firmen waren einfach nicht mehr in der Lage, Hunderttausende Dollar für opulente Events auszugeben.

Jetzt versucht es der Pächter Tishman Speyer nach der fünf Jahre währenden Restaurierung selbst. Der ursprüngliche Charakter des eleganten Art Deco und der Flair der Big-Band-Ära sind erhalten geblieben. Tishmans Kundschaft bleiben aber vorwiegend Firmen. Allerdings wird der Rainbow Room sonntags zum Brunch und montagabends für die zahlende Kundschaft geöffnet. Wer es sich leisten kann und wem es gelingt, eine Reservierung zu ergattern, kann sich für ein paar Stunden der Illusion hingeben, dass einem die Welt gehört. Wie Rockefeller.

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