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Sauerstofflieferung für das Queen-Elizabeth-Zentralkrankenhaus in Blantyre, Malawi: „Die Lage ist verzweifelt“, klagt Präsident Lazarus Chakwera. Thoko Chikondi/dpa (2)
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Sauerstofflieferung für das Queen-Elizabeth-Zentralkrankenhaus in Blantyre, Malawi: „Die Lage ist verzweifelt“, klagt Präsident Lazarus Chakwera. Thoko Chikondi/dpa (2)

Corona-Pandemie

Nutzlose Gebete und überteuerte Heilmittel: Verzweifeltes Afrika in der zweiten Welle

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Dass die Staaten im Süden Afrikas so unterschiedlich mit der Corona-Pandemie umgehen, liegt nicht nur an Polit-Despoten. Auch der reiche Norden trägt seinen Teil zum Chaos bei.

Erstmals seit Wochen geht es im Johannesburger Studentenviertel Melville am Samstagabend wieder ausgelassen zu. Im „Anti-Social Social Club“ tanzen ein paar Mädchen zum Afro-Beat, eine Gruppe junger Männer steht mit Bierflaschen versorgt in der Runde und lacht, ein Pärchen lehnt am Tresen und bestellt noch einen Margarita. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass Kneipen am Kap der Guten Hoffnung wieder Alkohol ausschenken und bis elf Uhr geöffnet bleiben dürfen – junge Menschen scharen sich um Melvilles zahllose Ausschankstellen wie Antilopen um ein Wasserloch. „Nur noch drei Lockdowns bis Weihnachten“, prostet ein Zyniker seinem Trinkgenossen zu – der verzieht nur bitter das Gesicht.

Über derartige Sprüche kann am Kap der Guten Hoffnung kaum jemand lachen. Dafür liegen die Witze zu nah an der Wahrheit. Kaum ist die zweite Pandemie-Welle überstanden, sagen Fachleute bereits den nächsten Viren-Sturm für den winterlichen Juni voraus – und nach den Erfahrungen des Vorjahres ist mit der dritten Corona-Welle im Urlaubsmonat Dezember zu rechnen. Was bei dieser Rechnung unberücksichtigt bleibt, sind die Impfstoffe, die in anderen Teilen der Welt für Aufheiterung sorgen. Dass die Wundermittel auch in Südafrika in diesem Jahr noch für Herdenimmunität sorgen werden, damit rechnet hier allerdings niemand. „Wir haben das Privileg, noch eine Corona-Weihnacht erleben zu dürfen“, bemerkt der Zyniker trocken.

Es regnet in Strömen, als am ersten Montag dieses Monats eine indische Maschine auf der Rollbahn des Johannesburger Flughafens aufsetzt. Für Afrikaner, die Regen mit Segen verbinden, ein gutes Zeichen. Die Maschine ist mit einer Million Dosen von „Covishield“ beladen: Das erste Kontingent des vom indischen „Serum-Institut“ unter Lizenz von Astrazeneca hergestellten Impfstoffs, das die Südafrikaner:innen zu Gesicht bekommen. Staatspräsident Cyril Ramaphosa nimmt die wertvolle Ladung auf dem verregneten Flughafen persönlich in Empfang und spricht von einem „historischen Meilenstein“. „Wir treten in eine neue Phase des Kampfs gegen Corona ein.“

Die Fracht reicht allerdings nur dazu aus, einer halben Million im Gesundheitswesen Beschäftigten die nötigen zwei Injektionen verabreichen zu können. In diesem Bereich sind in Südafrika jedoch weit mehr als eine Million Menschen tätig. Ramaphosa verweist auf eine weitere halbe Million Dosen, die noch in diesem Monat eintreffen sollen. Doch selbst damit ist noch nicht einmal fürs Pflegepersonal gesorgt. Für den verhängnisvollen Rückstand macht die hiesige Opposition Ramaphosas Regierung verantwortlich. Die „Comrades“ des Afrikanischen Nationalkongresses ANC hätten sich nicht rechtzeitig um genügend Impfstoff gekümmert, heißt es. Und als sie schließlich kurz vor Weihnachten aus dem Tiefschlaf erwachten, war der Markt längst leergefegt. Die wohlhabenderen Regierungen dieser Welt hatten sich bereits fast sieben Milliarden Dosen gesichert, womit sie ihre Bevölkerung – rund 1,2 Milliarden Menschen – mehr als fünfmal „durchimpfen“ können.

Der skandalöse Umstand wird in Südafrika unter dem Schlagwort „Impfstoff-Apartheid“ debattiert. Während sich der reiche weiße Teil der Welt den nötigen Schutz verschafft hat, bleibt die Mehrheit der Menschheit vom Wundermittel ausgeschlossen. Zwar sorgte die Weltgesundheitsorganisation WHO mit einem Covax genannten Finanzierungsmodell dafür, dass auch ärmere und ärmste Staaten Impfstoffe erhalten – doch wann dies geschieht, zu welchem Preis und in welcher Größenordnung, steht größtenteils noch immer nicht fest. Keiner rechnet damit, dass ein afrikanischer Staat noch in diesem Jahr die für die Herdenimmunität nötigen zwei Drittel seiner Bevölkerung impfen kann. Pessimist:innen gehen davon aus, dass dies frühestens 2024 geschieht. Bis dahin bleibt dem Virus ausreichend Zeit, sich in neue Varianten zu verwandeln, gegen die bisherige Impfstoffe unwirksam sind. Der Wettlauf mit dem Erreger wird entweder schnell oder gar nicht gewonnen.

Versorgung im Lockdown: Essen für Kinder in einem Township bei Kapstadt.

Am Kap ging gleich die erste Runde an das Virus: Die als „südafrikanische Variante“ zu Weltruhm gelangte Mutation 501Y.V2 hat sich inzwischen als weitgehend immun gegenüber dem von Astrazeneca entwickelten Impfstoff herausgestellt – auch Biontech-Pfizers Präparat soll nur eingeschränkt wirksam sein. Die Nachricht schlug am Kap der Guten Hoffnung wie eine Bombe ein. Womöglich wird Ramaphosa den „historischen Meilenstein“ gleich wieder vom Straßenrand nehmen müssen. Laut der Nachrichtenagentur AFP verschiebt Südafrika den Beginn der landesweiten Impfkampagne, bis weitere Fragen geklärt sind. Der Impfstoff von Johnson & Johnson soll für den Kampf gegen 501Y.V2 besser gewappnet sein – doch bis dieser auf den Markt und schließlich bis nach Afrika kommt, werden noch Monate vergehen.

Die Nachricht von der Hartnäckigkeit der südafrikanischen Virus-Variante – von der noch nicht einmal klar ist, ob sie tatsächlich in Südafrika entstanden ist – hat auch den Rest der Welt in Aufregung versetzt. Denn damit zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass die überschwänglich gefeierte erste Generation der Impfstoffe noch keineswegs das Ende der Pandemie bedeuten. Mit jeder weiteren Mutation kann das Virus wieder Oberhand gewinnen: „Die Welt ist erst sicher“, weiß WHO-Chef Tedros Ghebreyesus, „wenn alle Menschen sicher sind“. Noch nie war der Globus kleiner als heute.

Unterdessen breitet sich der aggressivere Mutant 501Y.V2 wie ein Lauffeuer im südlichen Afrika aus. In Simbabwe werden inzwischen täglich mehr als 300 Neuinfektionen und mehrere Dutzend Tote gemeldet. Mehr als die Hälfte der bisherigen Ansteckungen und zwei Drittel aller Todesfälle fanden im Januar statt – und die Dunkelziffer ist in dem Land, indem nur zwei Prozent der Bevölkerung bislang getestet wurden, enorm. Kürzlich fielen dem Erreger auch zwei Minister und ein General zum Opfer – da war es um die Contenance der Regierung unter Emmerson Mnangagwa geschehen. Viel mehr als sich mit Appellen an die Bevölkerung zu wenden, kann „das Krokodil“, wie der Präsident wenig liebevoll genannt wird, nicht tun. Denn das Gesundheitswesen des bankrotten Staats ist am Boden, an den Erwerb von Vakzinen war bislang nicht einmal zu denken. Der Bevölkerung bleibt so lange nur übrig, bei dem aus Blättern des Fieberbaums gewonnenen „Zumbani-Tee“ Zuflucht zu suchen.

Mittlerweile hat sich die Mutation auch in Malawi, dem nördlichen Nachbarn Simbabwes, ausgebreitet. Auch dort fielen dem Virus bereits zwei Minister zum Opfer. Daraufhin verhängte Präsident Lazarus Chakwera den Ausnahmezustand über das Land. Der einstige Prediger ließ ein Stadion, ein Jugendzentrum sowie eine seiner Residenzen in Corona-Lazarette umwandeln. „Die Lage ist verzweifelt“, klagt er: „Wir haben viel zu wenig Pflegepersonal.“ Jahr für Jahr verlassen zahllose Krankenschwestern und -pfleger ihre malawische Heimat. Sie werden unter anderem in Großbritannien als preiswerte Pflegekräfte angeheuert. Auch Malawi konnte sich bislang nur Stoff für die Impfung von 20 Prozent der Bevölkerung leisten – nicht einmal ein Drittel der für die Herdenimmunität nötigen Zahl. Bei den bestellten Dosen handelt es sich auch ausgerechnet um das Astrazeneca-Serum. Doch im Gegensatz zur südafrikanischen wolle seine Regierung an dem Oxforder Präparat festhalten, sagte Chakwera am Montag. Besser ein verminderter Schutz als gar keiner.

Ein Covid-Patient in Blantyre – die Mutation hat auch Malawi im Griff.

Die erste Welle war mit Afrika noch glimpflich umgegangen. Obwohl auf dem Kontinent 14 Prozent der Erdbevölkerung leben, wurden hier nur drei Prozent aller Infizierten und Toten gemeldet. Die zweite Welle droht nun allerdings wesentlich härter zu werden. Wie aus dem Hotspot Südafrika werden auch aus anderen afrikanischen Ländern Rekordzahlen an Angesteckten und Toten gemeldet. Im Zentralkrankenhaus der senegalesischen Hauptstadt Dakar sind selbst die Schutzanzüge ausgegangen: „Wir haben Angst“, sagt ein Arzt, „dass die tatsächliche Zahl der Infizierten um ein Vielfaches über den offiziellen Angaben liegt.“

Entwicklungsländer wie Uganda mussten feststellen, dass sie für Impfstoffe nicht etwa weniger, sondern mehr als Industrienationen zu berappen haben. Das indische Serum-Institut berechnet den Ostafrikanern sieben US-Dollar für eine Dosis des Astrazeneca-Präparats – mehr als dreimal so viel wie EU-Staaten für dasselbe Produkt zahlen. Diese hatten den britisch-schwedischen Konzern bereits im Voraus zu einer Preisbindung veranlasst. Einschließlich der Ausgaben für die Logistik wird die Impfung eines Menschen in Uganda nun rund 17 Dollar kosten. Wo der Staat mit einem Jahresbudget von zwölf Milliarden Dollar mehr als eine halbe Milliarde zur Immunisierung von zwei Dritteln seiner Bevölkerung hernehmen soll, steht in den Sternen.

Wer meint, dass dies das Problem der Ugander:innen sei, dem präsentiert die kalifornische „Rand Cooperation“ eine andere Rechnung. Bleibt der ärmere Teil der Welt vom globalen Handel wegen Restriktionen im Güter- und Personenverkehr ausgeschlossen, entsteht der Weltwirtschaft ein Schaden von 1,2 Billionen US-Dollar im Jahr, weil selbst arme Länder wie Uganda oder – noch enger – Südafrika in die globalen Produktionsketten eingeschlossen sind. „Dafür zu sorgen, dass auch Entwicklungsländer bei der Verteilung von Impfstoffen angemessen berücksichtigt werden, ist kein wohltätiger Akt sondern ein Diktat der volkswirtschaftlichen Vernunft“, meint Marco Hafner, Hauptautor der Studie. Der Grundsatz, dass keiner sicher ist, solange nicht alle sicher sind, gilt außer für Virolog:innen auch für Volkswirtschaftler:innen.

Beisetzung in Johannesburg: Die Menschen fürchten die nächsten Wellen.

Selbst im günstigen Fall einer fairen Aufteilung der Impfstoff-Ressourcen bleibt allerdings noch die Frage offen, wie mit hartnäckigen Problemfällen wie Tansania umzugehen ist. Dessen Präsident John Magufuli erklärte den ostafrikanischen Staat schon im vergangenen Juni als „virenfrei“. Seine und die Gebete seiner Landsleute hätten das Land von dem teuflischen Virus befreit. Unterdessen wurde der Vizepräsident des Teilstaats Sansibar an Covid-19 erkrankt ins Hospital eingeliefert – auch in anderen Regionen des Landes klagen Ärztinnen und Ärzte über eine Welle an Fällen, die sie nicht beim Namen nennen dürfen. Im populären Sender „Radio One“ dauert die tägliche Verlesung der Namen von Verstorbenen inzwischen 50 statt zehn Minuten. Selbstverständlich hat Tansanias Regierung bislang keine einzige Dosis an Impfstoff bestellt. Das würde Magufulis Gebete heuchlerisch erscheinen lassen. Der WHO-Direktorin für Afrika, Matshidiso Moeti, fiel zu dem Thema bislang nur ein, Magufuli zu einer „Veränderung seiner Herangehensweise“ aufzufordern. Doch wenn der im Volksbund „Planier-Raupe“ genannte Präsident bei seiner Ablehnung gegen Impfkampagnen bleibt, wird aus der vielbeschworenen Sicherheit aller schließlich doch nichts werden.

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