+
Fordert von den Sicherheitsbehörden mehr Aufklärung in Sachen Rechtsextremismus: SPD-Politiker Günter Rudolph (63).

Er arbeitet im Kasseler Regierungspräsidium

NSU-Morde in Kassel: SPD will Ex-Verfassungschützer Temme erneut überprüfen lassen

  • schließen
  • Daniel Göbel
    schließen
  • Jens Döll
    schließen

Der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme gilt vielen als Schlüsselfigur bei der Aufklärung des NSU-Mordes an Halit Yozgat. Jetzt will ein SPD-Politiker ihn erneut überprüfen lassen.

Temme war zur Tatzeit in dem Internetcafé, in dem der Kasseler erschossen wurde – will davon aber nichts mitbekommen haben. Mittlerweile arbeitet Temme im Kasseler Regierungspräsidium. Für den Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Günter Rudolph, ist das ein unhaltbarer Zustand.

Er forderte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) jetzt öffentlich im Landtagsplenum auf, mögliche Kontakte von Temme zu dem mutmaßlichen Lübcke-Attentäter Stephan Ernst und dem wegen Beihilfe mitangeklagten Markus H. zu überprüfen, wie er gestern im Redaktionsgespräch mit unserer Zeitung bekräftigte.

„Wir haben in Nordhessen seit vielen, vielen Jahren eine rechtsextreme Szene. Da ist es nicht abwegig zu überprüfen, ob es diese Kontakte gibt“, so Rudolph.

NSU-Morde: Personalie Temme befremde viele Menschen in Nordhessen

In diesem Kontext habe er dem Innenminister auch mitgeteilt, dass die Personalie Temme nach wie vor viele Menschen in Nordhessen befremde. „Wir haben auch Rückmeldungen von Mitarbeitern, die ihren Unmut darüber äußern, dass Temme im Regierungspräsidium arbeitet, während ihr oberster Dienstherr von einem mutmaßlichen Rechtsterroristen ermordet wurde“, erläutert der SPD-Politiker aus Edermünde.

Beuth sei darauf allerdings nicht eingegangen. Deshalb werde die SPD nun über den Innenausschuss einen Berichtsantrag stellen, um Auskunft über mögliche Kontakte zu bekommen.

SPD-Politiker Rudolph: "Wir glauben nicht, was Temme erzählt"

Rudolph, der Temme selbst im NSU-Untersuchungsausschuss vernommen hatte, hält den ehemaligen Verfassungsschützer nach wie vor für unglaubwürdig. „Wir glauben nicht, was Temme erzählt. Ein Verfassungsschützer, der rein zufällig am Tatort war und von den Schüssen auf Yozgat nichts mitbekommen haben will – das halte ich für völlig unglaubwürdig“, sagt Rudolph. „Es geht um ein Zeitfenster von vielleicht 30 oder 40 Sekunden. Das haben auch alle Untersuchungen und Rekonstruktionen bestätigt. Erfahrene Kripo-Beamte haben gesagt, er muss etwas gesehen haben.“

Hinzu käme, dass Temme nur wenige Stunden vor dem Mord mit dem V-Mann Benjamin Gärtner telefoniert hat. Dass die beiden sich dabei nicht bloß über das Wetter ausgetauscht haben dürften, sieht der 63-Jährige als gesichert.

Es seien nach wie vor viele Fragen offen. Deshalb hält der SPD-Politiker auch einen neuen Untersuchungsausschuss im Landtag für nicht unwahrscheinlich. „Nur so haben wir die Möglichkeit, von den Sicherheitsbehörden und dem Innenministerium Antworten zu bekommen, Zeugen befragen und Akten einsehen zu können.“ Denn die Informationspolitik der hessischen Sicherheitsbehörden sei nach wie vor schwierig. 

Kritik: Keine Transparenz gegenüber der Bevölkerung

„Aufklärung wird nur dann glaubwürdig, wenn sie für die Öffentlichkeit transparent erfolgt. Aber die hessischen Sicherheitsbehörden verfolgen bis heute das Prinzip der größtmöglichen Geheimhaltung für die relevanten Unterlagen.“ Es sei ein Skandal, wenn Journalisten erst das Landesamt für Verfassungsschutz verklagen müssten, um zu erfahren, wie oft bestimmte Namen in bestimmten Unterlagen auftauchten.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion widersprach auch der Einschätzung der CDU, dass alle relevanten Informationen zum Mordfall Lübcke vorliegen würden. Die Abgeordneten des Hessischen Landtags würden immer nur scheibchenweise und auch immer nur dann informiert werden, wenn die entsprechenden Informationen auf anderem Weg bereits an die Öffentlichkeit gelangt seien. „Das hat mit Transparenz nichts zu tun“, kritisiert der SPD-Politiker.

Die Rolle des Andreas Temme  - Ex-Verfassungsschützer arbeitet beim RP

Andreas Temme will den Schuss nicht gehört haben, als er am 6. April 2006 in dem Kasseler Internet-Café saß, in dem Halit Yozgat ermordet wurde. So gab es der Ex-Verfassungsschützer vor dem Wiesbadener NSU-Untersuchungssausschuss zu Protokoll, wie hna.de* berichtet. Doch Experten glauben ihm nicht. „Temme hat uns angelogen“, sagt einer der Ermittler von damals. 

Der ehemalige Postbeamte aus Hofgeismar soll Stammgast in dem Café gewesen sein. Als Zeuge hatte er sich zunächst nicht gemeldet. Temme sei „nicht der Hellste“, sagen Ermittler, aber was weiß er wirklich, fragen viele – vor allem nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der Temmes Chef war. Nach seiner Zeit beim Verfassungsschutz wechselte der heute 52-Jährige zum Regierungspräsidium, wo er für die Beamtenversorgung zuständig war. 

Mittlerweile arbeitet er in der Abteilung Umwelt- und Arbeitsschutz. Sein Name wird derweil immer bekannter. 2017 setzte sich auf der documenta die Künstlergruppe „Forensic Architecture“ mit ihm auseinander. Sie stellte den Tathergang nach und kam zu dem Schluss, dass Temme etwas mitbekommen haben muss. Ein ähnliches Bild erhalten die Besucher des Stücks „Der NSU-Prozess“, das am Kasseler Staatstheater läuft. Zu alldem will sich Temme nicht mehr äußern. Er sei einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Der NSU-Mord an Halit Yozgat erschüttert noch immer die Menschen in Kassel, wie hna.de* berichtet.

Von Daniel Göbel, Matthias Lohr und Jens Döll

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion