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Paris

Notre-Dame: Aufbau der Kathedrale - halb Paris hat Angst vor einem Disneyland

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Frankreich debattiert hitzig über den Innenausbau von Notre-Dame. Die einen wollen Neues wagen – die anderen keine Mehrzweckhalle.

Paris - Es klingt theatralisch, beinahe reißerisch: „Was der Brand verschont hat, will nun die Diözese zerstören“: Unter diesem Titel wenden sich Hunderte Intellektuelle an die Öffentlichkeit, um die vor zweieinhalb Jahren ausgebrannte Kathedrale Notre-Dame zu „retten“. Einige Passagen lesen sich durchaus dramatisch: Das innenarchitektonische Projekt verwandle „Albernheit in Kitsch“, schreiben etwa der Kulturerbe-Spezialist Stéphane Bern oder der Philosoph Alain Finkielkraut. Ihre Reaktion auf die Pläne für Notre-Dame ist bis nach London gelangt, wo sich der konservative Daily Telegraph ereiferte, das Bauwerk im Herzen von Paris werde zu einem „Disneyland der politischen Korrektheit“.

Es ist offenkundig: Nach der Entscheidung für eine originalgetreue Restauration des Dachstuhls im Frühjahr sorgt auch der innere Wiederaufbau des Kirchenschiffs für hitzige Diskussionen. Dabei wollte Pater Gilles Drouin nur mit der Zeit gehen. Der Beauftragte der Pariser Diözese sah im Wiederaufbau der 800 Jahre alten Kathedrale eine günstige Gelegenheit für einige Anpassungen. Vor einer Woche unterbreitete er der Kommission des federführenden Kulturministeriums seine Vorschläge.

Was die Diözese plane, so merken kritische Geister an, verwandle „Albernheit in Kitsch“.

Notre-Dame: Zeitgenössische Kunst soll die Besucher locken

Vor dem großen Feuer besuchten jährlich rund zwölf Millionen Menschen Notre-Dame. Nach der Wiedereröffnung 2024 sollen sie nicht mehr von der Seite her, sondern durch das Hauptportal in das Gotteshaus strömen können – und damit gleich ein Gefühl für den Gang „vom Schatten bis ins Licht“ des Altars erhalten.

Das ginge noch an. Doch Drouin will auch das Dutzend seitliche Beichtkapellen in einen „liturgischen Weg“ integrieren. Er soll unter anderem auch naturbezogene – heute würde man sagen: ökologische – Themen aufnehmen; flankiert würde er durch zeitgenössische Kunst, etwa von Anselm Kiefer oder Louise Bourgeois. Dazu stellte sich Drouin vor, dass Projektoren für die Reisenden aus aller Welt Bibelzitate in vielen Sprachen an die Wand projizieren sollen.

Der Kirchenmann des Katholischen Institutes kam auch auf die Idee, die Innenbeleuchtung radikal zu ändern: Sie soll nicht mehr die herrlichen Dachgewölbe beleuchten, also zu Gott streben, sondern das halbe Kirchenschiff in Dunkelheit tauchen. Drouin will nur noch die Betenden bescheinen – und zwar nicht wie im Mittelalter mit Kerzenlicht, sondern mit kleinen, in die Lehnen der Kirchenbänke eingelassenen Lämpchen.

Notre-Dame: „Eine strikt identische Renovierung wäre eine Kapitulation“

In den Internetforen höhnen nicht wenige, die Illumination ermögliche keine innere Einkehr, sondern gleiche eher der „Landepiste eines Flughafens“. Noch schlimmer machte es Drouin mit der Idee, die Kirchenbänke mit Rollen zu versehen, um sie zu besonderen Anlässen zur Seite schieben zu können. „Notre-Dame – eine Mehrzweckhalle!“, entrüsteten sich all jene, die schon den identischen Wiederaufbau des Dachreiters von Eugène Viollet-le-Duc durchgesetzt hatten. Nun behaupten sie, im Kirchenschiff werde „eine jahrhundertealte Harmonie zerstört“.

Gilles Drouin verteidigt sich, ihm schwebe keineswegs ein Konzertsaal oder eine Theaterbühne vor, sondern ein „liturgischer Raum“. Religionshistoriker unterstützen ihn mit dem Hinweis, dass Kathedralen schon im Mittelalter immer wieder verändert worden seien; in Straßburg etwa habe sich unlängst gezeigt, dass die Steinsichtmauern früher bemalt gewesen seien. Und der ehemalige Louvre-Direktor Henri Loyrette erklärte jüngst: „Ob mit zeitgenössischer Kunst oder nicht: Eine strikt identische Renovierung wäre eine Kapitulation.“

Doch all die modernisierungskritischen Stimmen, die eine heilige Allianz aus säkularen Puristen und kirchlichen Traditionalisten bilden, verschaffen sich bedeutend mehr Gehör. Einer twitterte, man müsse froh sein, dass nicht gleich auch die Kirchenfenster entfernt würden. Der rechte Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour erklärte kategorisch: „Notre-Dame muss Notre-Dame bleiben.“

Die Entscheidung liegt bei Kulturministerin Roselyne Bachelot

Die vorab beratende Nationale Kommission für Kulturerbe und Architektur hat Drouins Konzept gewissermaßen in der Luft zerrissen. Lämpchen und rollbare Bänke lehnt sie ab, und die alten Heiligen-Statuen in den Seitenkapellen sollen bleiben, was das Stellen oder Hängen moderner Kunst unmöglich machen würde.

Der letzte Entscheid liegt bei Kulturministerin Roselyne Bachelot. Sie folgt einem eher konservativen Geschmack und vermutlich auch den Empfehlungen der Kommission. In die gleiche Richtung neigt neuerdings auch Präsident Emmanuel Macron. Vor zwei Jahren hatte er noch eine „zeitgenössische architektonische Geste“ angeregt; doch das Umfeld hat sich geändert: Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geben offen reaktionäre Kandidaten wie Zemmour den Ton an.

Stéphane Bern, derzeit auch im Fernsehen omnipräsent, meint nun versöhnlich, er sei „nicht gegen Verbesserungen, nur gegen Entstellungen“. Und macht sich mit der Aussage, „ich denke, die Leute wollen Notre-Dame wieder so antreffen, wie sie sie gekannt hatten“, zum Sprecher der schweigenden Mehrheit. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © Imago

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