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Die Pariser trauern um ihr Wahrzeichen.

Notre-Dame

Der Blick über die Seine ist nicht mehr derselbe

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Dass die Kathedrale Notre-Dame nicht vollständig zerstört wurde, war offenbar eine Frage von wenigen Minuten.  

Kommt die Rede auf Notre-Dame, und das tut sie in diesen Tagen und an diesem Ort oft, steigen Laurence Tränen in die Augen, und es fehlen ihr die Worte. „Was soll ich sagen …“, fängt sie an. „Es ist traurig. Wirklich sehr traurig.“ Die Kathedrale sei für sie „wie ein Familienmitglied“, und es tue ihr im Herzen weh, sie seit dem Brand am Montag so angeschlagen, halb zerstört zu sehen. Verstohlen putzt sie sich die Nase.

Seit 40 Jahren verbringt die Bouquinistin, wie die Händler mit ihren Verkaufsständen von Büchern, Postern, Postkarten und Souvenirs an den Ufern der Seine heißen, fast jeden Tag schräg gegenüber der Stadtinsel Île de la Cité, auf der das mehr als 850 Jahre alte Monument steht, und verkauft ihre Ware. Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ hat sie nicht im Angebot, es ist derzeit das am meisten gefragte Werk bei Bouquinisten sowie im französischen Internet-Buchversand.

Schon ihr Vater, erzählt Laurence, übte diesen Beruf aus. Er lebt nun auf dem Land und habe am Telefon geweint, nachdem er die Bilder der brennenden Kathedrale sah. Auch die Pariserin selbst saß mit ihrem Sohn, ebenfalls ein Bouquinist, während des Unglücks fassungslos vor dem Fernseher. „Als ich Feierabend machte, war es nur eine kleine Rauchschwade, und ich dachte mir noch nicht allzu viel dabei.“ Sie zeigt ein Foto davon auf ihrem Handy. „Und dann wurden die Flammen immer heftiger! Wir fürchteten den kompletten Zusammenbruch.“

Inzwischen ist bekannt, dass das beinahe passiert wäre. Dem Staatssekretär für innere Sicherheit, Laurent Nuñez, zufolge kam es beim Kampf um die Hauptstruktur auf 15 bis 30 Minuten an. „Etwa 20 Feuerwehrleute gingen unter Lebensgefahr in die Zwillingstürme, um den Brandherd von innen zu bekämpfen, was ermöglicht hat, das Gebäude zu retten.“ Gestern befanden sich laut Feuerwehr-Sprecher Gabriel Plus noch rund 60 Einsatzkräfte im Inneren der Kathedrale, um das Gerüst und potenzielle neue Brandherde zu überwachen sowie die Experten und Architekten zu begleiten, die den Zustand des Bauwerks und der darin befindlichen Schätze prüfen.

Ein Blick ins Innere: Manches blieb erhalten.

Weiterhin sperrt die Polizei den Bereich um den Sakralbau ab, dem nun der Dachstuhl aus Holz, der aufgrund seiner enormen Dimensionen als „Wald“ bezeichnet wurde, sowie der charakteristische Spitzturm fehlen. Noch ist es für eine komplette Bilanz zu früh, doch man weiß, dass rund 100 Gemälde und Reliquien gerettet werden konnten und auch die berühmten Rosettenfenster standhielten. Als kleines Wunder gilt, dass der Hahn, der auf dem Spitzturm thronte, in den Trümmern gefunden wurde.

Nun tummeln sich noch mehr Touristen als sonst am gegenüberliegenden Ufer und halten ihre Handykameras auf die Kathedrale, die mit jährlich rund 13 Millionen Gästen das meistbesuchte Monument Europas war. „Dank Notre-Dame haben wir Arbeit, denn wir leben hauptsächlich von den Touristen“, sagt Fatma, Kellnerin im Restaurant „L’Auberge Notre-Dame“, dessen Terrasse einen großzügigen Blick auf die Kathedrale erlaubt. „Seit Montagabend kommen sie auch weiterhin. Wir hoffen natürlich alle, dass sie schnell wieder neu errichtet wird.“

Wiederaufbau bis 2024?

Das hat Präsident Emmanuel Macron bei einer Ansprache am Dienstag angekündigt. „Wir werden die Kathedrale Notre-Dame noch schöner aufbauen, und ich möchte, dass es bis in fünf Jahren vollendet ist“, versprach er und überging damit Experten und Spezialisten, die von mehreren Jahrzehnten sprachen. Auch erscheint unklar, ob es sich um einen originalgetreuen Wiederaufbau handeln soll oder ob „modernere“ Elemente mit eingearbeitet werden. Die Handwerksorganisation „Compagnons du devoir“ warnte, der große Bedarf an Steinmetzen, Dachdeckern und Zimmerern könne schwer gedeckt werden.

Doch in fünf Jahren, im Sommer 2024, richtet Paris die Olympischen Spiele aus und Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die bei den Kommunalwahlen in einem Jahr wiedergewählt werden möchte, hat ebenfalls diesen Termin als Ziel genannt, um die Kathedrale wieder zugänglich zu machen: „Das darf nicht 10, 15, 20 Jahre dauern.“ Premierminister Édouard Philippe kündigte gestern an, einen internationalen Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Spitzturms zu organisieren und nächste Woche ein Gesetzesprojekt vorzustellen, das den Spenden einen legalen Rahmen verleihe. Privatspender, die bis zu 1000 Euro geben, dürften demnach 75 statt 66 Prozent von der Steuer absetzen. Innerhalb von nur zwei Tagen war in diverse Spendenfonds bereits fast eine Milliarde Euro eingegangen.

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