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Das Haus des norwegischen Multimillionärs Tom Hagen, dessen Frau mutmaßlich entführt wurde.

Norwegen

Frau Hagen ist verschwunden

Seit einem halben Jahr wird in Norwegen eine Millionärsfrau vermisst. Die Polizei geht von einer Entführung aus, hat aber bisher kein Lebenszeichen erhalten. Frau Hagen bleibt verschwunden.

Eine Frau wird zu Halloween aus ihrem Familienhaus entführt. Ihr Ehemann: einer der reichsten Menschen Norwegens. Es gibt eine Lösegeldforderung in umgerechnet siebenstelliger Höhe, aber auch ein halbes Jahr später kein Lebenszeichen von der Millionärsgattin.

Was wie ein Skandinavien-Krimi von Jo Nesbø klingt, ist in Wirklichkeit ein echter Fall für die norwegische Polizei. Und ein ganzes Land fragt sich: Wo steckt Anne-Elisabeth Falkevik Hagen?

Die Polizei spricht von der „Angelegenheit Lørenskog“, wenn es um den wohl dramatischsten Vermisstenfall der norwegischen Geschichte geht. Lørenskog ist die Kommune östlich von Oslo, in der das Haus der Familie Hagen steht. Dort ist die damals 68-jährige Frau am 31. Oktober 2018 plötzlich verschwunden. Seither hat die Polizei laut Ermittler Tommy Brøske keinen Beweis bekommen, dass sie noch lebt. „Wir haben immer mehr Zweifel, dass sie noch am Leben ist“, sagte er schon Ende Februar. Die mutmaßliche Entführung, die in Norwegen als einzigartig gilt, ist am 30. April sechs Monate her.

Öffentlich machte die Polizei den Fall erst zehn Wochen nach dem Verschwinden. Von Anfang an ging sie von einer Entführung aus, unter anderem, weil Lösegeld in einer Kryptowährung gefordert worden war - nach Angaben der norwegischen Zeitung „Verdens Gang“ in Höhe von umgerechnet neun Millionen Euro. Mutmaßlich ist die Frau im Badezimmer überwältigt worden. Schriftliche Nachrichten sind gefunden worden. Der Kontakt mit den mutmaßlichen Entführern ist zäh und findet nur über eine digitale Plattform statt, zuletzt am 11. Februar.

Der Ehemann der Entführten ist steinreich und - je nachdem, ob man in norwegischen Kronen oder in Euro misst - Milliardär beziehungsweise Multimillionär. Tom Hagen ist Investor, mit Stromverkauf und Immobilien soll er im Laufe von elf Jahren eine Milliarde norwegische Kronen (rund 104 Millionen Euro) verdient haben. Sein Nettovermögen soll sich auf 1,7 Milliarden Kronen belaufen. Damit zählt er zu den 200 wohlhabendsten Menschen eines ohnehin sehr reichen Landes.

Doch was ist Geld, wenn die eigene Frau verschwunden ist? „Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Familie die Entführung als eine grausame und unmenschliche Tat erlebt“, sagte Familienanwalt Svein Holden vor Monaten auf einer Pressekonferenz. „Für die Familie war und ist das unglaublich fordernd und ermüdend, sich über längere Zeit in solch einer Situation zu befinden.“

Holden ist neben Ermittler Brøske das öffentliche Sprachrohr in dem Fall. Wenn es Neuigkeiten gibt, dann stets von diesen beiden. Und Holden ist nicht irgendwer: Er zählt zu den bekanntesten Juristen Norwegens. Im Prozess gegen den Rechtsterroristen Anders Behring Breivik vertrat er die Staatsanwaltschaft. Informationen gibt er im Fall Hagen wie die Polizei äußerst vorsichtig heraus - zu besorgt ist man um das Wohlergehen der Frau. Die Kidnapper hatten gedroht, sie zu töten, wenn die Polizei eingeschaltet würde. Auf dpa-Anfrage äußert sich Holden ebenso wenig wie die Polizei. Selbst der norwegischen Polizeihochschule ist der Fall zu heikel für eine Einschätzung.

In Deutschland komme es alle drei bis fünf Jahre zu vergleichbaren Fällen, in denen prominente Personen gekidnappt werden, sagt der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Martin Rettenberger. Ob aber im Fall des Bankierssohns Jakob von Metzler oder in den Fällen Oetker, Schlecker, Reemtsma oder Würth: Es seien häufig Kinder, die entführt würden, sagt der Kriminologe. Der letzte größere Entführungsfall einer Ehefrau sei der Mordfall Maria Bögerl 2010 in Baden-Württemberg gewesen.

Im norwegischen Fall seien auch zwei weitere Punkte auffällig, sagt Rettenberger. „Dass es kein Lebenszeichen von der Frau gibt, ist unüblich.“ Entführer wollten normalerweise Nachweise übermitteln, dass der Mensch lebe und in großer Not sei. Die zweite Besonderheit sei die Lösegeldforderung in einer Kryptowährung. Damit umgingen die Täter einen für sie verwundbaren Punkt - den der Geldübergabe.

Der Fall Hagen zieht sich mittlerweile so lange hin, dass es auch der Polizei um Geld geht. Sie beantragte zuletzt zusätzliche Mittel, um die Kosten der Ermittlung zu decken. Mehr als 1500 Hinweise und 6000 Stunden Videomaterial mussten bislang ausgewertet werden. Als sei das nicht genug, haben sich mehrere Betrüger aus dem Ausland als vermeintliche Entführer ausgegeben, um Geld von der Familie zu erpressen. Doch die mittlerweile 69-jährige Frau Hagen bleibt weiter verschwunden. (Steffen Trumpf, dpa)

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