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Motivationsübung: Zweimal täglich schwingen Arbeiterinnen die Fahnen zur Musik.

Nordkorea

Nordkorea-Reise: Im Land des hochverehrten Marschalls

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Florian Quanz hat Nordkorea besucht - unter falschen Angaben, da Journalisten offiziell nicht einreisen dürfen. Auf der Fahrt durch das unbekannte Land entdeckt er die Vorzüge der Einsamkeit – und Musik von Helene Fischer als Wunderwaffe gegen Propaganda.

Ich schrecke auf und bin sofort hellwach. Licht dringt in mein Zugabteil. Zwei dunkel gekleidete Männer kommen herein. Ich kann ihre Gesichter nicht erkennen, hebe meinen Kopf und blicke sofort zu meinem Gepäck. Dann: Erleichterung. Trolley und Rucksack stehen noch immer am Fußende in der Ecke. Im Rucksack sind das Zugticket für Nordkorea und mein Reisepass. Die Angst, mir könnte jemand beides stehlen, ist groß. Denn dann wäre meine Reise zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat.

Nordkorea: Von Peking nach Pjöngjang

Ich liege im Nachtzug, der mehr als 1300 Kilometer zurücklegen wird, um mich und mehr als hundert weitere Passagiere in 24 Stunden von Peking in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang zu bringen. Doch nun steht er. An irgendeinem Bahnhof. Nachts um 3.40 Uhr.

Ich bin 34 Jahre alt, Journalist und neugierig auf das Land, über dessen Politik ich regelmäßig berichte – Nordkorea. Für knapp zwei Wochen habe ich jedoch meinen Beruf gewechselt. Offiziell bin ich nun Marketingmitarbeiter einer kleinen Firma mit sechs Mitarbeitern, die Wochen- und Monatskalender herstellt. Als Journalist darf ich nicht nach Nordkorea einreisen – als Mitarbeiter dieser kleinen Firma schon.

Ein ganzer Mann: Fotos vom Staatsführer dürfen nicht angeschnitten werden.

Gedanken rasen durch meinen Kopf. Zusteigende Passagiere, erneute Passkontrolle oder Festnahme wegen versuchter illegaler Einreise nach Nordkorea – was passiert hier gerade? Die beiden Männer stellen wortlos zwei Trolleys sowie einen großen Karton unter den kleinen Tisch in die Mitte des Abteils und schließen die Tür. Mich würdigen sie keines Blickes. Ich erkenne im Dunkeln schemenhaft, wie einer der Männer noch seine Hose auszieht, ehe er sich auf die Liege mir gegenüber legt und einschläft. Beruhigt lege ich mich wieder hin und drehe meinen Kopf zur Wand. Trotz der Anspannung bin ich so müde, dass ich schnell wieder einschlafe.

Ich höre Stimmen im Halbschlaf. Habe ich es doch nicht geträumt? Ich reibe mir die Augen, öffne sie und erblicke einen Mann im dunklen Anzug, der mir gegenüber sitzt und sich unterhält. Auf der Pritsche über mir liegt sein Gesprächspartner. Es ist sieben Uhr morgens. Beide haben einen Becher Instant-Nudelsuppe in der Hand – ihr Frühstück. Später entdecke ich am Ende des Zugwaggons einen Wasserhahn, aus dem das für diese Suppen benötigte heiße Wasser kommt.

Nordkorea: „Nein, sorg dich nicht um mich“

Im Verlauf der weiteren Fahrt stellt sich heraus, dass es sich bei meinen Mitreisenden um zwei Nordkoreaner handelt, die mit Diplomatenpässen unterwegs sind. In einem unbeobachteten Moment kann ich einen genaueren Blick auf ihre Ausweise werfen, die auf dem kleinen Tisch in der Mitte unseres Zugabteils liegen. Aber schon der Blick auf ihre Jackett-Anstecker hätte gereicht, um zumindest auf ihre Nationalität zu schließen. Darauf zu sehen sind die Porträts von Staatsgründer Kim Il-Sung und seinem Sohn Kim Jong-Il.

Meine beiden Mitreisenden sprechen kaum Englisch, sodass wir mit Handbewegungen kommunizieren. Sie geben mir zu verstehen, dass sie gern meinen Reisepass sehen möchten. „Deutsch?“ fragt der über mir liegende, als er meinen Pass in den Händen hält. Er wird sich später als Han Bo vorstellen. Ich bejahe, sie lächeln freundlich. Han Bo blättert staunend durch meinen Pass und zeigt seinem Kollegen das nordkoreanische Visum, das sich darin befindet. Ich erkläre auf Englisch, dass ich zwölf Tage in Nordkorea als Tourist verbringen werde. Wieder lächeln sie zustimmend. Nach dem Gespräch höre ich Musik. Herbert Grönemeyer, Helene Fischer und Andrea Berg. Ich habe bewusst keine US-amerikanische Musik dabei, denn ich will keinerlei Risiko bei meiner Reise eingehen. Während ich Liedzeilen wie „Nein, sorg dich nicht um mich“ lausche, blicke ich aus dem Fenster.

Lebensaufgabe: Dieser Mann recht die Straße, nachdem ein Auto vorbeigefahren ist. 

In der Zwischenzeit ist einer der Diplomaten mit seinem Smartphone beschäftigt. Er öffnet eine Abdeckung und nimmt die SIM-Karte heraus, die er in einer Kaugummi-Dose verschwinden lässt. Diese steckt er in sein schwarzes Jackett, woraus er anschließend eine neue SIM-Karte holt und ins Smartphone einsetzt.

Plötzlich hält der Zug an und der Schaffner kommt ins Abteil. Ich verstehe kein Wort, aber hastig ziehen meine nordkoreanischen Mitreisenden ihre Mäntel an, packen ihre Wasserflaschen weg und schieben ihre Trolleys in den Gang. Verunsichert blicke ich in das Gesicht eines der Männer. Per Handbewegung gibt er mir zu verstehen, dass auch ich meine Sachen packen und den Zug verlassen muss. Aber warum?

Die letzte Überfahrt nach Nordkorea 

Wir haben Dandong erreicht, den letzten chinesischen Bahnhof vor der Überfahrt nach Nordkorea. Ich halte mich an die beiden aus meinem Abteil, die sich wiederum weiteren Diplomaten angeschlossen haben. Darunter eine junge Nordkoreanerin in einer teuren Outdoor-Jacke und einem Smartphone der neuesten Generation in der Hand. Hightech aus Südkorea.

Im Bahnhofsgebäude dürfen wir an einer langen Schlange von wartenden Reisenden vorbei. Erst jetzt sehe ich, dass mehr als 100 Chinesen mit nach Nordkorea reisen wollen. Das Gepäck der Diplomaten und somit auch meines wird als erstes gescannt. Ich zeige Reisepass und Zugticket.

In einem Duty-free-Shop nach der Kontrolle deckt sich die Diplomatengruppe noch mit einigen Stangen Camel-Zigaretten ein. Ich überlege kurz, ob ich mir auch eine Stange kaufen sollte, um sie bei Ankunft in Pjöngjang den Diplomaten zum Dank für ihre Hilfe und Freundlichkeit zu schenken. Doch in dem Moment, als ich mich auf den Weg machen will, spricht mich die Nordkoreanerin der Diplomatengruppe auf Englisch an. Ich schätze sie auf Anfang 30, etwa 1,60 Meter groß mit kurzen, schwarzen Haaren. Sie fragt, ob ich Urlaub in Nordkorea machen möchte. Ich bejahe und lächle sie dabei freundlich an. Dann fragt sie mich, ob ich alleine durch das Land reisen werde. Allein? Ich stutze. Weiß sie etwa nicht, dass Touristen nicht alleine durch Nordkorea reisen dürfen? Ich erkläre, dass ich auf meiner zwölftägigen Reise begleitet werde. Sie nickt und gibt mir zu verstehen, dass wir zurück in den Waggon steigen müssen.

Der Zug fährt auf der chinesisch-nordkoreanischen Freundschaftsbrücke über den Yalu-Fluss und erreicht direkt im Anschluss den nordkoreanischen Bahnhof von Sinuiju. Ich stehe nun am Fenster des Waggonflures, um eine gute Sicht zu haben. Die nordkoreanische Diplomatin fotografiert mit ihrem Handy gen China. Auf dem Bahngleis von Sinuiju steht auch schon das Begrüßungskomitee: ein Offizier und mehrere Soldaten. Kaum angehalten, versperren Soldaten die Türen des Waggons und der Offizier betritt den Zug. Im Flur überreicht einer aus der Diplomatenrunde ihm eine Stange Camel-Zigaretten. Die Personen- und Gepäckkontrolle beginnt.

Im Land des hochverehrten Marschalls 

Zwei Formulare muss ich mit Angaben zu meiner Person sowie zu meinem Gepäck ausfüllen. Ich soll sogar angeben, wie viel Geld ich in welchen Währungen einführe. Ich beginne, das Geld zu zählen, da gibt mir einer der nordkoreanischen Diplomaten zu verstehen, dass ich nicht so viel angeben soll, wie ich tatsächlich einführe. Hastig stecke ich das Geld wieder ein und trage einen niedrigeren Betrag ein, ehe der Offizier ins Abteil zurückkehrt.

Ein hinter ihm stehender Soldat will meinen Pass sehen. Während er damit das Abteil verlässt, hebt der Offizier bei der nun beginnenden Gepäckkontrolle jedes einzelne T-Shirt von mir im Trolley hoch. Im Menü meines Fotoapparates sucht er vergeblich nach einer GPS-Funktion. Mehrfach fragt er nach „GPS“, mehrfach verneine ich. Als er meine kleine Tasche mit Hörspiel-CDs entdeckt, schaut er sich jede einzelne CD genau an. Auf eine CD der „Drei Fragezeichen“ blickt er besonders lange. Sollte ich nun wegen eines Hörspiels Schwierigkeiten bekommen? Gespannt warte ich auf Nachfragen, doch der Offizier legt die kleine CD-Tasche schließlich wortlos beiseite. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, ehe er mir per Handbewegung signalisiert, dass ich alles wieder einpacken kann. Wenig später steckt ein Soldat seinen Kopf durch die Abteiltür und reicht mir meinen Reisepass. Mein Puls sinkt. Ich will mir meine Erleichterung aber nicht anmerken lassen und verziehe keine Miene.

Botschaft in Beton: Denkmal zu Ehren der Kommunistischen Arbeiterpartei. 

Der Offizier hat sich inzwischen einem der nordkoreanischen Diplomaten in meinem Abteil zugewandt. Er fordert ihn auf, sein Smartphone zur Kontrolle abzugeben. Der Diplomat tut dies ohne zu zögern und nimmt sich lächelnd aus seiner Dose einen Kaugummi. Seine Kollegen im Abteil nebenan, die Laptops dabei haben, müssen ihre Mailprogramme öffnen, damit die Soldaten die Mails einsehen können. Nachricht für Nachricht wird geprüft. Letztlich gibt es aber bei niemandem etwas zu beanstanden und der Zug fährt nach drei Stunden weiter gen Pjöngjang.

40 Kilometer pro Stunde: Eine quälend langsame Reise 

Bei 40 Kilometern pro Stunde wird die Fahrt durch Nordkorea bis zur Hauptstadt zur Quälerei. An den Fenstern ziehen Äcker und kleine Dörfer vorbei. So ist es wohl: Wir denken, ein unbekanntes Land muss schon beim Anblick aufregend sein. Und dann: Häuser. Felder. Monotonie.

Pünktlich um 18.30 Uhr fährt der Zug in den Hauptbahnhof von Pjöngjang ein. Dort wartet erneut ein Begrüßungskomitee auf mich. Sie sind zu dritt: mein Reiseleiter, der mir auf meiner Reise alles erklären und übersetzen wird. Er wird auch derjenige sein, der die Kontakte zu den Menschen knüpft – ich als Ausländer darf hier niemanden ansprechen. Neben dem Reiseleiter steht sein Kollege, dessen Aufgabe es ist, darüber zu wachen, dass ich mich an die Regeln halte. Und dann ist da noch der Fahrer unseres Autos. Während meiner Tour durchs Land werden also drei Nordkoreaner an meiner Seite sein. Der Staat sorgt für seine Bürger. Und für seine Besucher.

Im Hotel für die internationalen Gäste plane ich noch am Abend mit meinem Reiseleiter die kommenden zwölf Tage. Da er in Pjöngjang perfekt Deutsch gelernt hat, fällt die Verständigung leicht. Wir beschließen bei einem Taedong-Bier, dem beliebtesten Bier Nordkoreas, die ersten drei Tage in der Hauptstadt zu verbringen, ehe die Rundreise durch das Land beginnt.

Kaum steht die Planung, fragt mein Reiseleiter mich nach meinem Pass. Er benötige ihn, um mein Rückflugticket zu beantragen. Ich verweise auf das Flugticket, das ich von meiner Reiseagentur erhalten habe. Dies sei nur ein vorläufiges Ticket, erklärt er. Ich traue mich nicht, weiter mit ihm zu diskutieren, sondern händige ihm meinen Reisepass aus. Ohne Ausweis geht das Abenteuer Nordkorea für mich nun richtig los. Denkmäler und Statuen zu besichtigen, die zu Ehren Kim Il-Sungs oder Kim Jong-Ils erbaut wurden, gehört die ersten drei Tage zum Pflichtprogramm auf der Tour durch die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang. Jedes Gebäude, jede Straße wurde nach den Ideen eines der drei Staatsführer erbaut, wie ich erfahre. Für jeden Staatsführer hat mein Reiseleiter ein Adjektiv, das er vor die offizielle Bezeichnung setzt. Staatsgründer Kim Il-Sung ist der „geliebte Präsident“, sein Sohn und Nachfolger Kim Jong-Il ist der „geschätzte General“, der jetzige Machthaber Kim Jong-Un der „hochverehrte Marschall“. Das drei Tage in Dauerschleife – unerträglich. Sich dem entziehen? Unmöglich.

Nordkorea: Keine Porträts von Kim Jong-Un

Nur posieren, nicht sprechen: Autor Florian Quanz mit einem Mönch. 

Am Abend des dritten Tages wird es mir zu viel. Ich liege weinend auf dem Bett und starre an die Decke meines Hotelzimmers. Es ist der einzige Ort, an dem ich vor ständiger Propaganda geschützt bin und meine Begleiter nicht in der Nähe sind. Ich möchte nur noch weg. Doch ich kann nicht. Meinen Pass habe ich noch nicht zurückbekommen. Gedanklich lasse ich den Tag in der Hauptstadt Revue passieren. Am Vormittag besuchten wir eine Fotoausstellung, die das politische Wirken der drei Staatsführer dokumentiert. Ich lernte dort: Mit dem Zeigefinger auf ein Porträt Kim Il-Sungs zu zeigen, ist verboten! Unbeabsichtigt tat ich dies gleich drei Mal, mehrfach wurde ich gerügt. Außerdem musste ich mehrere Fotos löschen, da ich darauf entweder den Kopf von Kim Il-Sung oder Kim Jong-Un angeschnitten hatte. Auf öffentlichen Plätzen sind Bilder Kim Jong-Uns jedoch nicht zu sehen. Auf Nachfrage erklärt mir der Reiseleiter, der „hochverehrte Marschall“ höchstselbst habe verfügt, dass keine Porträts von ihm aufgehängt werden dürfen. Seine Leistungen für das nordkoreanische Volk seien einer solchen Ehrung noch nicht würdig.

Am kommenden Tag starten wir bereits um sieben Uhr. Wir fahren an die Westküste. Unser Ziel ist das Westmeer-Schleusensystem in der Nähe der Hafenstadt Nampo. Kaum sitze ich im Auto, erfahre ich, dass es die Idee des „geschätzten Generals“ Kim Jong-Il gewesen sei, die Autobahn von Pjöngjang nach Nampo zu bauen. Die erfolgte Fertigstellung im Jahr 2000 drücke die Kraft und den Willen des nordkoreanischen Volkes aus. Wie fast jede Straße in Nordkorea hat sie einen besonderen Namen und wird als „Straße der heroischen Jugend“ bezeichnet.

Die Angst vor Dateien 

Dann wechselt er das Thema. „Hast du einen Laptop dabei?“ fragt er. „Nein“, entgegnete ich. Die Gefahr, dass auf meinem Laptop Dateien sind, die nicht nach Nordkorea gelangen dürfen, war mir zu groß. Auch Bücher haben ich keine mitgenommen. Die Frage an sich verwundert mich nicht. In den ersten drei Tagen hat er mir viel persönlichere Fragen gestellt. Mein Reiseleiter, selbst 35 Jahre alt, verheiratet und Vater eines fünfjährigen Sohnes, wollte nicht nur meinen Familienstand wissen. Meine Wohnungsgröße, die Anzahl meiner Kollegen, Hobbys, mein Lieblingsfußballverein – interessant war alles. Auch, weil ich aus einem Land komme, das er selbst nicht bereisen darf. Nur Nordkoreanern mit Diplomatenpass ist es erlaubt, das Land zu verlassen. Fast allen übrigen Menschen in Nordkorea ist nicht nur das Reisen außer Landes verboten, auch im Land selbst kommen sie kaum herum. Wer auf dem Dorf geboren wird, stirbt in der Regel auch dort – es sei denn, er oder sie leistet etwas Großartiges. Der Mann, den ich auf meiner Reise am Straßenrand stehen sehe und dessen Aufgabe es ist, die Fahrbahn zu rechen, wenn ein Auto vorbeigefahren ist, wird dies wohl bis zum Ende seiner Tage machen.

Nordkorea ist ein geschlossenes System, hier werden Autos gebaut und Tabak geerntet; hier wird nordkoreanisches Bier gebraut und die Fernsehnachrichten sind meist eine Abfolge eingeblendeter Fotos, im Abendprogramm werden sowjetische Filme aus den Siebzigern gezeigt. Wer drei Ziegen hat, gilt auf dem Land als reicher Mann. Das Leben in der Hauptstadt ist der Jackpot für alle, die in Nordkorea geboren werden, es gibt sogar einen Gesangswettbewerb im Fernsehen, der in drei Kategorien ausgetragen wird – für Bauern, Arbeiter und Studenten – und dessen Hauptpreis ein Leben in Pjöngjang ist, inklusive Arbeitsplatz und Wohnung.

Nordkorea: „Helena Fischer?“

Der Staat sorgt für alle – und hält dabei fast alle klein. Niemand hinterfragt dieses System. Jedenfalls nicht offiziell. Mein Reiseleiter sagt zwar, das Nachbarland Südkorea interessiere ihn nicht. Aber mein Laptop mit Bildern oder Filmen aus dem Ausland wäre für ihn eine Möglichkeit gewesen, wenigstens kurz einen Blick in die Welt außerhalb Nordkoreas werfen zu können. Doch diesen Blick kann ich ihm nicht bieten.

Der Jackpot für alle Nordkoreaner: ein Leben in der Hauptstadt Pjöngjang. 

„Ich habe nur zwei MP3-Player mit deutscher Musik dabei“, erkläre ich. „Helena Fischer?“, fragt er sofort und beugt sich neugierig zu mir nach vorne in Richtung Beifahrersitz. „Die heißt Helene“, korrigiere ich lachend. „Atemlos durch die Nacht?“ „Ja, das ist auch drauf“, erkläre ich. Höflich fragt er, ob er einen der MP3-Player haben dürfe. Ich krame einen aus meinem Rucksack und reiche ihn nach hinten. Das werde ich ab diesem Moment bei jeder weiteren Autofahrt tun.

Mein Reiseleiter hört den Fischer-Hitmix in Dauerschleife und ich in dieser Zeit keine Propaganda mehr. Er bittet mich sogar, ihm die Texte von „Atemlos durch die Nacht“ und „Phänomen“ aufzuschreiben. Ob auf der Fahrt an die Grenze zu Südkorea, zur Hafenstadt Wonsan an der Ostküste oder ins Diamantgebirge – er sitzt nun hinter mir mit meinen Kopfhörern, hört Helene Fischer und singt mit Spickzettel in der Hand leise mit.

Nordkorea: Keine Individualität

An seine Schwäche für deutschen Schlagerpop gewöhne ich mich genauso wie an die ständigen Stromausfälle während meiner Reise. Im Hotel der Stadt Kaesong geht plötzlich abends das Licht aus, als ich gerade im Bad bin. Erst nach zwanzig Minuten habe ich wieder Strom im Zimmer. Tage später im Hotel am Rande des Diamantgebirges bleibt der Fahrstuhl stehen und es wird dunkel um mich herum. In der schwarzen Stille denke ich an die große Parade zum „Tag der Sonne“, bei der sich –wie jedes Jahr am 15. April – auf dem monumentalen Kim-Il-Sung-Platz 5000 Studentinnen und Studenten synchron zur Musik bewegten. Es gibt hier keine Individualität. Nichts, was zu Romantisieren gerechtfertigt wäre. Aber die meisten Menschen scheinen glücklich und zufrieden. Liegt das daran, dass es die Menschen hier nicht anders kennen? Oder womöglich doch daran, dass es gar nicht so viel braucht, um glücklich zu sein? – Nach zehn Minuten ist wieder Strom da, der Fahrstuhl fährt weiter, das Leben geht weiter.

Am letzten Abend meiner Reise singen wir auf der Fahrt vom Restaurant ins Hotel in Pjöngjang zusammen laut „Atemlos durch die Nacht“. Ich blicke auf die großen, spärlich beleuchteten Wohnblocks, an denen wir vorbei fahren. Der Fahrer drückt eine Taste seines CD-Players, traditionelle koreanische Musik erklingt. Offensichtlich mag er Helene Fischer nicht. Oder unseren Gesang. Das Auto fährt vor das Hotel, wir verstummen abrupt. Der Abend ist zu Ende. Morgen wird auch mein Abenteuer Nordkorea zu Ende gehen. Ich freue mich. Und könnte doch auch noch bleiben. Ich habe ja die Wahl, denke ich beim Aussteigen. Es ist gut, diese Freiheit hin und wieder so deutlich zu spüren. Diese Freiheit – vor der Reise habe ich sie zu wenig geschätzt.

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