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„Assassins“

Der Tod von Kim Jong Nam: Dokumentation belichtet die „ahnungslosen Mörderinnen“

  • vonSebastian Richter
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Kim Jong Uns Halbbruder starb in Malaysia durch einen Giftanschlag. Die Dokumentation „Assassins“ zeigt die Täterinnen – und dass sie nichts von ihrer tödlichen Aufgabe wussten.

  • 2017 wird der Halbbruder Kim Jong Uns in Malaysia ermordet.
  • Die beiden angeklagten Frauen glaubten, sie hätten an einer Scherzshow teilgenommen.
  • Eine Dokumentation über den Anschlag an Kim Jong Nam legt den Fokus auf die Geschichte der beiden unfreiwilligen Mörderinnen.

Malaysia – Im Februar 2017 wurde Kim Jong Nam, der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, am internationalen Flughafen von Kuala Lumpur in Malaysia getötet. Die Täterinnen waren zwei unscheinbare Frauen aus Indonesien und Vietnam. Von einem Anschlag auf den Nordkoreaner wollten die beiden nichts gewusst haben – sie dachten, sie hätten an einer Streicheshow mit versteckter Kamera teilgenommen. Die Dokumentation „Assassins“ des US-Amerikanischen Filmemachers Ryan White versucht die Geschehnisse aufzuarbeiten und zeichnet ein Bild der Frauen, die eines der wichtigsten Mitglieder der Herrscherdynastie Nordkoreas ermordeten. Durch Interviews und Hintergrundvideos stellt der Regisseur und Produzent White die Ereignisse um die Ermordung des ältesten Sohns Kim Jong Ils dar, die Rolle der beiden Täterinnen stellt er besonders in den Fokus.

Kim Jong Nam: Der ungeliebte Erbe Nordkoreas

Kim Jong Nam wuchs als privilegierter Sohn des Machthabers Kim Jong Il auf, genoss eine hervorragende Ausbildung im Ausland und galt lange als der Nachfolger des Diktators. In den 90er Jahren distanzierte er sich jedoch immer mehr von seiner Familie. 2001 dann der große Skandal, als Kim Jong Nam versuchte nach Tokio zu reisen, um dort gemeinsam mit seinem Sohn Disneyland zu besuchen – ein absoluter Affront gegen das antiamerikanische Regime in Pjöngjang.

Kim Jong Nam konnte einen Deal mit seinem Vater aushandeln, sich ins Selbstexil in die chinesische Sonderverwaltungszone Macau zu begeben. Das Regime verärgerte er aber durch gelegentliche Interviews mit ausländischen Journalisten:innen über Nordkorea weiter. Besonders nachdem Kim Jong Un die Macht in Nordkorea übernommen hatte.

Der linke Mann soll Kim Jong Nam sein, aufgenommen am 4. Mai 2001. Offiziell identifiziert wurde er über das Foto allerdings nicht. Rechts daneben sein Halbbruder, der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un bei einer Parade im Mai 2016.

Nordkorea hatte ein Motiv, Kim Jong Nam zu töten – Mörderinnen scheinen ahnungslos

Wenige Tage vor seinem Tod zeigen Sicherheitsaufnahmen laut einem Buch der „Washington Post“ Journalistin Anna Fifield Kim Jong Nam bei einem Treffen mit einem nicht sicher identifizierten Mann; einiges weist darauf hin, dass es sich dabei um einen CIA-Agenten handelte. Nach seinem Tod fanden sich in den Habseligkeiten des in Ungnade Gefallenen 120.000 US-Dollar. In ihrem Buch schreibt Fifield außerdem, dass über Kim Jong Nams Laptop Daten auf ein externes USB-Laufwerk gespielt wurden.

2019 wurde Kim Jong Nam durch Recherchen des „Wall Street Journal“ als Informant der CIA identifiziert, ehemaligen US-Beamten:innen bestätigten dies. Ob das nordkoreanische Regime zum Zeitpunkt des Anschlages davon wusste, ist nicht bestätigt. Ein Motiv zur Beseitigung seines Bruders hatte Kim Jong Un in jedem Fall. Kim Jong Nam war schon lange ein großer Kritiker der Nachfolge seines jüngeren Bruders in der Hierarchie Nordkoreas. Wenn das Regime zusätzlich von Nams Kontakten zur CIA wusste, wäre das ein weiterer peinlicher Skandal und somit Grund genug für Pjöngjang, Kim Jong Nam ein für alle Mal aus dem Weg zu räumen.

Kim Jong Nam starb am 13. Februar 2017 in einem Krankenhaus in Kuala Lumpur. Nur wenige Stunden vorher wurde ihm am Flughafen eine Flüssigkeit ins Gesicht gespritzt, wie er dem Flughafenpersonal erklärte. Der Nervenkampfstoff VX, ein tödliches Gift, das schon von Saddam Hussein bei einem Gasangriff 1988 gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt haben soll. DIe malaysische Polizei verhaftete die Indonesierin Siti Aisyah und die aus Vietnam stammende Doan Thi Huong. Beide zeigten sich geschockt, als sie erfuhren, dass Kim Jong Nam gestorben war. Sie dachten, es hätte sich nur um einen „Prank“, einen Scherz, gehandelt. Die Dokumentation widmet sich hauptsächlich der Geschichte der beiden ahnungslosen Mörderinnen.

Die Herkunft der Mörderinnen Kim Jong Nams

Beide Frauen stammten aus prekären Verhältnissen und wuchsen in armen ländlichen Gegenden auf, wie die Dokumentation erklärt. Beide verließen ihre Heimat, um nach ihrem Glück zu suchen. Siti zog zunächst nach Jakarta, nach einer gescheiterten Ehe und dem Verlust des Sorgerechts für ihr Kind zog sie 2012 nach Kuala Lumpur. Malaysia ist ein hartes Pflaster für junge Migrant:innen, besonders Frauen haben es schwer, sagt der Journalist Hadi Azmi im Film. Sie kommen in der Hoffnung auf einen sicheren Arbeitsplatz, finden sich dann aber in einer ganz anderen Welt wieder. „Einige von ihnen [werden] zur Prostitution, zur sexuellen Sklaverei gezwungen“, so Azmi.

Malaysia, Sepang: Siti Aisyah wartet nach ihrer Verhaftung am Internationalen Flughafen Kuala Lumpur.

Siti muss eine Anstellung in einem Spa-Massagesalon annehmen. In der Dokumentation und in verschiedenen Medien wird das als Sexarbeit dargestellt. Ein Taxifahrer, sein angeblicher Name war „John“, stellte sie einem Mann vor, der sich „James“, nannte. Dieser gab vor, japanischer Produzent zu sein und nach Schauspielerinnen für Scherzvideos zu suchen.

Doan Thi Huong studierte an einer privaten Universität in Hanoi Buchhaltung, doch eigentlich wollte sie Schauspielerin werden. Sie kellnerte in einer Kneipe und verdiente sich nebenher Geld als Model. Außerdem hatte sie 2016 einen Auftritt bei einem populären YouTuber – in einem Prankvideo. Im Dezember stellte Doans Kollege ihr einen „Mr. Y“ vor. Ein Fernsehproduzent, der ihr anbot, bei einer Show mit versteckter Kamera mitzumachen.

Scherzfilme für den nordkoreanischen Staat – Anklage sieht darin „Training“

In verschiedenen asiatischen Ländern drehten die beiden Frauen laut „Assassins“ harmlose Pranks. Zum Beispiel beschmierten sie die Augen von ahnungslosen Opfern mit Babyöl. Siti und Doan dokumentierten ihr Leben auf Social Media. Vielleicht hatten beide das Gefühl, es endlich geschafft zu haben. Der Mordanschlag in Kuala Lumpur war für sie nichts Weiteres als ein neues Video. Nur diesmal eben kein Babyöl, sondern das Nervengift VX.

Das restliche Filmteam verließ eilig das Land, Siti und Doan blieben zurück. Wenig später wurden sie festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Malaysias warf ihnen vor, für das Attentat durch die anderen Pranks trainiert zu haben. Dabei zeigte die Anklage Videos, wie sich die beiden Frauen nach dem Attentat unmittelbar nach dem Vorfall die Hände wuschen. Für die Staatsanwaltschaft ein Beweis, dass sie genau wussten, was sie da taten. Doan sagte aus, die Flüssigkeit roch schlecht und fühlte sich auf der Haut unangenehm an. Kein Wunder bei einem Nervengift. Der Richter glaubte allerdings der Staatsanwaltschaft.

Die Vietnamesin Doan Thi Huong (2.v.l) am Noi Bai International Airport (Vietnam). Einen Monat nach ihrer Verurteilung wegen des tödlichen Gift-Attentats gegen den Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist die Vietnamesin Doan Thi Huong aus dem Gefängnis in Malaysia entlassen worden.

Der Film geht davon aus, dass der Prozess von Anfang an manipuliert war. Die malaysische Regierung brauchte einen Sündenbock für den Vorfall, die Nordkoreaner waren allerdings über alle Berge. Nordkorea tat außerdem alles, um eine Aufklärung des Falls zu verhindern. Den Frauen drohte im Falle eines Schuldspruchs die Hinrichtung, auch wenn es kein standfestes Motiv für den Anschlag gab.

Mord an Kim Jong Nam bis heute ohne Täter – Kim Jong Un hat er nicht geschadet

Im März 2019 ließ das Gericht plötzlich die Mordanklage gegen Siti fallen. Im Film wird gesagt, dass sich die indonesische Regierung eingeschaltet hatte. Doans Prozess wurde dagegen zunächst fortgesetzt, auch, weil Vietnam engere wirtschaftliche Beziehungen zu Nordkorea pflegt. Doch im April 2019 wurde auch der Vorwurf des Mordes gegen sie fallen gelassen. Sie wurde wegen „Schadenszufügung“ schuldig gesprochen und bekannte sich auch schuldig zu dieser Anklage. Einen Monat später konnte sie nach Vietnam zurückkehren.

Im Mordfall an Kim Jong Nam gibt es bis heute keinen offiziellen Täter:in. Niemand wurde schuldig gesprochen, die Nordkoreaner, die das Komplott planten, konnten entkommen. Ein Jahr nach dem Anschlag traf sich der neue Machthaber Kim Jong Un mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in und US-Präsidenten Donald Trump. Die Ermordung seines Halbbruders zeigte kaum Auswirkungen für seinen Stand in der Welt, wie der Dokumentarfilm schließt.

Siti und Doan wurden während der Ermittlungen gute Freundinnen und halten den Kontakt zueinander. Im Film sagte Doan, dass sie vor dem Gerichtsprozess dachte, die Welt sei schön. „Aber jetzt kann ich klarer sehen.“ (Sebastian Richter)

Rubriklistenbild: © Minh Hoang

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