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Noch lange nicht zurück

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Von: Uta-Caecilia Nabert

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So unbeschwert wie in Kindertagen: die Autorin an einem Strand in Neuseeland. privat
So unbeschwert wie in Kindertagen: die Autorin an einem Strand in Neuseeland. privat © privat

Nach dem Urlaub holt uns der Alltag oft schneller ein, als uns lieb ist. Aber wie ist das, wenn man Monate oder gar Jahre unterwegs war? Uta C. Nabert über die Schwierigkeiten, wieder heimisch zu werden

Als Sofia Thalbach nach einem Jahr am Flughafen in Deutschland ankommt, ist sie glücklich: Sie wird ihre Familie wiedersehen, ihre Freundinnen und Freunde. Zwölf Monate hat sie „ihre Menschen“ nicht gesehen. Sofia war auf Weltreise, sah ferne Länder, erlebte Kulturen, beobachtete, wie man in anderen Teilen der Erde lebt. Angefüllt ist sie mit Erlebnissen, die sie teilen, über die sie reden möchte.

Doch schnell kommt die Ernüchterung: So richtig interessiert sich niemand für das, was sie gesehen hat. Klar, ihre Freundinnen freuen sich, dass sie wieder da ist, doch sie sprechen lieber über den neuesten Kinofilm, den sie kürzlich gesehen haben, als über Sofias Abenteuer. Dabei waren gerade sie gelebtes Kino gewesen! Ein begehbarer Film! Aufregend, beinahe unglaublich: jeder Tag anders, kein Platz für Alltag und kleine Gedanken. Alles ganz großes Kino!

Doch nun muss die Mittzwanzigerin mit ansehen, wie ihr Leben vom größten Abenteuer ihres Lebens zurück auf Normalmaß schrumpft. Aus dem Blockbuster, zu dem ihr Leben geworden war, wird wieder eine gediegene Vorabendserie. Zeitverschwendung. Unmerklich rutscht Sofia zurück in ein Leben, in dem jeder Tag vorhersehbar ist. Sie beginnt ein Studium, der Alltag hat sie bald wieder. Oft weint sie. Zu groß ist das Fernweh. Es würde Jahre dauern, bis sie auch mental wieder zu Hause angekommen ist.

So wie Sofia geht es vielen Weltreisenden nach der Heimkehr: Bestimmte Probleme ziehen sich bei vielen wie ein roter Faden durch das Heimkehrer-Dasein, bis sie zu einem Problem-Knäuel werden, einem handfesten Postreise-Blues, einem „reverse culture shock“. Die Heimkehr stellt für viele Weltreisende eine große Herausforderung dar, vielleicht sogar den härtesten Teil des Abenteuers: Sie alle haben schon wieder heimischen Boden unter den Füßen, da sind ihr Herz und ihre Gedanken noch lange nicht daheim angekommen.

Die Weite der Welt bewahren

Auch David Pattison erlebte den Blues: Er war für ein paar Monate nach Südamerika gegangen und hatte sich dort verliebt. Weil er eine Thrombose bekam, mussste er vorzeitig nach Hause fliegen. Er lag auf dem Sofa seiner Mutter und es graute ihm davor, an seinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren.

tipps zur rückkehr

Haben Sie Geduld: Es dauert bis zu zwei Jahre, bis man auch mental wieder daheim angekommen ist.

Im Hier und jetzt bleiben: Entweder man hat sich dazu entschieden, zu bleiben. Dann ist es Energieverschwendung, in Gedanken dauernd in die Ferne zu schweifen. Oder man plant, wieder zu gehen. Dann heißt es: konsequent die nächste Reise bzw. die Auswanderung vorbereiten.

Ziele setzen: Das kann die nächste Weltreise sein, es können aber auch viele kurze Reisen sein, ein Studium, ein Blog oder das Schreiben eines Buches.

Mutig sein: Nur weil man vor der Weltreise Bäcker oder Biologe war, heißt das nicht, dass man den alten Beruf für immer ausüben muss. Oft hat man auf der Reise neue Impulse bekommen und sich besser kennen gelernt. Zurück daheim ist es wichtig, sich treu zu bleiben und Pläne zu verfolgen, die man im Ausland geschmiedet hat – auch wenn Eltern und Freunde den Kopf schütteln. In der Regel gewöhnen sie sich daran.

Erwartungen zurückschrauben: Nach einem langen Auslandsaufenthalt gehen manchmal Partner- und Freundschaften in die Brüche. Das lässt sich nicht immer vermeiden. Reisen verändert. Das ist der Preis

Keine Angst vor Lücken im Lebenslauf! Die Zeiten, in denen Auslandsaufenthalte der Karriere schadeten, sind vorbei. In einer immer globaler werdenden Welt sind Sprachkenntnisse und Weltgewandtheit bei der Bewerbung ein Plus.

Uta-Caecilia Nabert ist Journalistin und hat seit ihrem Volontariat zweimal die Welt bereist: Beim ersten Mal fuhr sie mit Bus und Bahn von Deutschland nach Neuseeland – über Russland, China, Südostasien, Australien und Neuseeland. Nach einer zeit in Deutschland fuhr sie mit dem Containerschiff nach Kanada. Ihr Buch „Wieder da und doch nicht hier“ wendet sich an Weltreisende, die nach der Heimkehr einen „reverse culture shock“ erleiden.

Lesungen: Uta-Caecilia Nabert liest am Donnerstag, 6. Oktober, um 19.30 Uhr im Rathaussaal in der Darmstädter Straße 7 im südhessischen Bickenbach. Der Eintritt ist frei. Am 28. Oktober um 19 Uhr liest die Autorin in der Stadtbibliothek Bensheim. Infos unter www.stadtkultur-bensheim.de

Was David und Sofia erlebten, davon berichten nicht nur Backpackerinnen und Weltenbummler. Sabine Wackenroder etwa arbeitete in den 1980er Jahren für die Vereinten Nationen in Afrika und an einer deutschen Schule. Als sie zurückkam, fiel es ihr schwer, einen Partner zu finden – deutsche Männer gefielen ihr nicht mehr. Auch mit ihren einstigen Freunden wurde sie nicht warm. Was für Probleme die hatten! So nichtig, im Vergleich zu den existenziellen Sorgen der Menschen in Kamerun, die manchmal nur die Fetzen besaßen, die sie am Leib trugen.

Sowohl David als auch Sabine und Sofia brauchten Jahre, um sich nach der Reise das Leben aufzubauen, das zu ihnen passte. Sabine ging noch einmal nach Afrika. Erst nach der zweiten Rückkehr und, nachdem sie in Deutschland in eine völlig andere Region gezogen war, wurde sie sesshaft, heiratete und zog zwei Kinder groß. Heute lebt sie mit ihrem Mann auf einem alten Hof. David ging nach Thailand, sobald er gesund war. Er unterrichtet heute Englisch und in seiner Freizeit sonnt er sich auf der Dachterrasse seiner neuen Freundin.

Im Schnitt dauert es zwei Jahre, bis man wieder zu Hause ankommt. Aber diese schmerzhafte, mitunter konfliktreiche Zeit birgt die Chance, zu erkennen, dass man auch daheim noch wächst – nicht nur auf Reisen, jener Zeit, in der man auch oft über sich hinaus wächst. Es ist paradox: Diese Welt, in die die Reisenden aufbrechen, ist so groß und weit, dass sie einem eigentlich Angst machen, einem zu viel werden müsste. Doch gerade die weite Welt gibt den Reisenden Raum, sich zu entfalten, lässt sie spüren, was möglich ist und in ihnen steckt.

Die Herausforderung nach der Heimkehr ist es, diesen Raum weiterhin einzufordern. Das scheint nicht immer möglich: Wer ein Studium beginnt, muss sich nach dem Stundenplan der Uni richten. Wer wieder arbeiten geht, muss sich an die Vorgaben der Arbeitsstelle halten. Oder? Nein! Viele lassen Enge nicht mehr zu, sie haben ihr Leben verlassen, aus dem sie herausgewachsen sind: Dafür mussten sie Konflikte austragen, Risiken eingehen, mit Partnern brechen, Freundschaften beenden, Jobs kündigen, Lebensläufe umschreiben.

Aber: Viele schaffen es. Sie bleiben sich treu und leben das Leben, das sie leben wollen. George Moore sagte einst: „Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt. Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden.“ Und wenn es der oder die Reisende nicht findet? Dann bleibt nur: Auswandern. Oder sich in der Heimat die Welt zu schaffen, die einem gefällt. Darin besteht die Chance der Rückkehr. Und dann ist es auch eine Heimkehr.

Uta Caecilia Nabert: Wieder da und doch nicht hier – Weltenbummler und ihr Leben nach der Reise.
Uta Caecilia Nabert: Wieder da und doch nicht hier – Weltenbummler und ihr Leben nach der Reise. © Delius Klasing Verlag

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