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Guten Morgen in Neu-Delhi: Der Präsidentenpalast liegt im Trüben.

Indien

Die Niederlage des Lichts

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Seit der Böllerei am Diwali-Fest herrscht in Indien wieder dicke Luft. Die Verschmutzung liegt weit über gefährlichen Grenzwerten. Auch ein fragwürdiges Gerichtsurteil ändert nichts an dem Dilemma.

Indiens Diwali-Fest steht für den Sieg des Lichts über die Dunkelheit, des Wissens über Ignoranz und des Guten über das Böse. Dem letzten Fest des Lichts, dem wichtigsten hinduistischen Feiertag, vor einigen Tagen verdankt so mancher Haushalt des Landes einen Neuzugang im Wohnzimmer. Während vor der Haustür Millionen von Böllern explodierten und Tausende wegen der schlechten Atemluft zu Sauerstoffflaschen in Arztpraxen und Krankenhäusern eilten, beschenkten sich viele Inder gegenseitig mit einer „Zunge der Schwiegermutter“. Warum die Topfpflanze den furchterregenden Namen trägt, ist nicht ganz klar – allerings werden ihr wahre Wunderdinge nachgesagt.

Die „Zunge der Schwiegermutter“ – gemeinhin als als profane Spinnenpflanze bekannt – soll das leisten, was Indiens Regierung entgegen ihrer alljährlichen Beteuerungen nicht zu bewältigen vermag: Die Luft im Wohnzimmer von dem Dreck zu reinigen, den die Bewohner der Hauptstadt Neu-Delhi das ganze Jahr über – und insbesondere nach Diwali – einatmen. Anfang November stieg die Luftverschmutzung in der Millionenmetropole auf die 25-fachen Werte jener Zahlen, die laut internationalen Organisationen eine Grenze zum Gesundheitsrisiko darstellen.

Apotheker an der Strassenecke und Online-Händler führen von der nutzlosen chirurgischen Maske bis zu dem einer Gasmaske ähnelndem „Totobobo“-Atemschutz für jedes Portemonnaie passende, jedoch nicht immer hilfreiche Gesichtsmasken im Angebot. Der indische Zweig von Amazon macht ein Riesengeschäft mit teuren, elektrisch betriebenen „Luftreinigern“, die zumindest in der guten Stube die Luft vom schlimmsten Schmutz säubern sollen.

Sie helfen allerdings nur in hermetisch abgedichteten Räumen. Prompt meldeten viele Besitzer auf Twitter seit Anfang November vor allem ein Resultat: Die Messanzeige zeigt kontinuierlich „Rot“ für Gefahr im Verzug an. Dennoch äußerte sich Indiens hindunationalistischer Premierminister Narendra Modi, dessen Büro jüngst mehr als 140 dieser Luftputz-Apparate anschaffte, bislang nicht zur alljährlich sich zuspitzenden Atemluftkrise in der Hauptstadt. Arvind Kejriwal, Ministerpräsident des Bundesstaats Delhi, sprach im vergangenen Jahr von der „Gaskammer“ Delhi, als wieder einmal Tausende von hustenden und nach Luft schnappenden Bewohner der Hautstadt ärztliche Betreuung benötigten.

In diesem Jahr herrscht seit Diwali schon wieder dicke Luft. Ausgefallene Ideen wie die Anschaffung von Wassersprühkanonen in Delhi konnten den für die Lungen so gefährlichen Feinstaub nicht mindern. Der ehrgeizige Versuch, in den Delhi umgebenden Bundesstaaten das Abbrennen von Feldern durch Landwirte zu mindern, schlug fehl. Statt der angestrebten Verringerung um 70 Prozent wurden lediglich 30 Prozent erreicht. Die Subventionen, so behaupteten die Bauern, würden nicht genügen. Die jeweiligen Bundesstaatsregierungen wiederum sahen keine Veranlassung, es sich wegen der schlechten Luft in Delhi mit den eigenen Bauern sprich Wählern zu verderben.

Indiens Modi-Regierung wiederum lastet die Schuld für die lebensbedrohliche Luft der Verwaltung in der Hauptstadt an, weil diese nicht gegen luftverpestende Fahrzeuge vorgeht – und ist diesbezüglich einig mit der Opposition von der Kongress-Partei. Der Grund: Delhis Ministerpräsident Arvind Kejriwal gehört zur kleinen Aam Admi Party (AAP), der Partei der Kleinen Leute. Indiens große Parteien wollen der Konkurrenz nicht helfen

Dabei ist Delhi mit seinen gerade mal 20 Millionen Bewohnern im 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Land alles andere als eine Ausnahme. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO liegen 14 der 15 weltweit am schlimmsten verschmutzten Städte in Indien. Laut einer anderen Studie der Organisation starben im Jahr 2016 im ganzen Land 100 000 Kinder an den Folgen der Luftverschmutzung. Und 95 Prozent aller Minderjährigen auf dem Subkontinent werden laut einer weiteren WHO-Studie im Alltag toxischen Stoffen ausgesetzt.

Nun kam eine weitere Untersuchung hinzu, wonach Luftverschmutzung nicht nur Wachstum und Gesundheit schmälert: Der Dreck schlägt demnach auch aufs Hirn. Vielleicht erklärt sich damit auch ein seltsames Urteil von Indiens Oberstem Gerichtshof kurz vor Diwali.

Es ordnete an, dass während des Festivals des Lichts nur noch umweltverträgliche Knallkörper gezündet werden dürften. Das Urteil wurde im ganzen Land missachtet, da es so etwas in keinem Laden gibt. „Ich habe noch nie von einem Feuerwerkskörper gehört, der nicht die Umwelt belastet“, mokierte sich ein Händler in Delhi, dessen Geschäft vor Diwali bis unters Dach mit Böllern aller Art gefüllt war.

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