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Alkohol gilt als der große Lockermacher, ein mächtiger sozialer Schmierstoff. Die Zerstörungen, die er anrichtet, sind bekannt.

Nichts wollen wir trinken

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Keine Silvesterparty ohne Sekt, kein Geburtstag ohne Bier. Alkohol ist die populärste Droge der Welt. Muss das sein, fragt eine urbane junge Minderheit – und zelebriert auf „Sober Partys“ eine neue Nüchternheit. 

Der Körper schmerzt, jede einzelne Faser tut weh. Die pelzige Zunge klebt am Gaumen. Die Lider sind kiloschwer. Das Gehirn fühlt sich an wie durch ein Sieb gepresst. Das Licht der Sonne sticht in den Augen, am Morgen nach der Zecherei.

Der Volksmund spricht vom Kater. Der medizinische Fachbegriff lautet „Veisalgia“. Brummschädel. Katzenjammer. Schuldgefühle bis zum Selbstekel. Es sind die Symptome einer Alkoholvergiftung. Das Jahr 2020 wird am Neujahrsmorgen auch in Millionen deutschen Betten mit Schmerz und Leid beginnen. Zerfeierte Zecher werden in die Küche wanken, auf der Suche nach Kaffee oder Konterbier.

Denn Alkohol und Party sind in der westlichen Welt Geschwister. Wir trinken. Trinken ist Normalität. Alkohol ist tief verwurzelt in Kultur und Ritualen. Sekt zu Silvester. Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Champagner auf Hochzeiten. Rotwein im Restaurant. Schnaps gegen Sorgen. Likörchen nach Feierabend. Alkohol ist neben Koffein die populärste gesellschaftlich sanktionierte Droge.

Wenn Kaffee der große Wachmacher ist, dann ist Alkohol der große Lockermacher, ein mächtiger sozialer Schmierstoff. Die Zerstörungen, die er anrichtet, sind bekannt. Kaputte Lebern. Kaputte Leben. 74 000 Todesopfer im Jahr allein in Deutschland. Doch die Gesellschaft toleriert die Kollateralschäden, weil Bier, Schnaps und Wein als Kulturinsignien gelten wie Brot und Butter.

Auch Gideon Bellin (28) trank. Und feierte. Und trank noch mehr. Manchmal bis zum Filmriss. Bellin ist DJ und Partyveranstalter in Berlin. Seine Partys begannen nachts um zwei und endeten morgens um sieben. Irgendwann, auf einer schwer eskalierten Underground-Techno-Party vor drei Jahren, traf ihn ein Blitzstrahl der Erkenntnis: „Plötzlich wurde mir klar: Ich will das nicht mehr“, sagt er. Die Gelage. Die Alkoholleichen. Und er erinnerte sich an eine türkische Geburtstagsfeier während des Fastenmonats Ramadan im Jahr 2010, auf der er, der 19-jährige Deutsche, damals als DJ gebucht war. „Ich dachte: Party ohne Alkohol? Das kann nicht funktionieren. Und dann war es großartig.“

Bellin gründete 2017 die Agentur „Sober Sensation“ – Nüchterne Sensation kann man das wörtlich übersetzen oder auch, was den Kern wohl besser trifft, mit Unverfälschte Empfindungen. Seitdem veranstaltet er alkoholfreie Partys für trinkmüde Millennials.

„Ich habe all das gestrichen, was mich an Berliner Partys genervt hat“, sagt er. Hemmungslose Besäufnisse? Bei Bellin gibt es Ingwershots und alkoholfreie Fruchtcocktails. Schikanöse Türsteher? Bei Bellin gibt es freundliche „Door Doctors“ im Arztkittel, die mit gespielten Alkoholtests die Nüchternheit der Gäste überprüfen. Party bis zum Morgengrauen? Bellins Partys beginnen um 18 Uhr und enden um Mitternacht. Dafür gibt’s Konfettikanonen, Hula-Hoop-Reifen, Lemongrassduftspender und auch mal Zirkusartisten oder Beatboxer. Bellin verspricht „Party mit allen Sinnen“.

Konfetti? Fruchtsäfe? Hula-Hoop? Das klingt wie die Geburtstagsfeier eines Viertklässlers. Aber es funktioniert. Bellins Partys sind ausgebucht. 3000 Szenegänger bezahlten im gerade zu Ende gangenen Jahr 17,50 Euro dafür, nicht trinken zu müssen. Denn etwas ist 2019 in Bewegung geraten. Es begann in Metropolen wie New York, London und Berlin, und es wuchs. So sehr, dass der britische „Guardian“ schon sorgenvoll fragte: „Was stimmt nicht mit den jungen Leuten? Sie betrinken sich nicht!“

Der neue Kick heißt: Nüchternheit. Das Vergnügen besteht darin, sich dem gesellschaftlichen Druck, alkoholisiert Vergnügen empfinden zu müssen, zu entziehen. „Sober Curious“ nennt sich die neue Bewegung – neugierig auf Nüchternheit. Ausgelöst hat sie die New Yorker Journalistin und Autorin Ruby Warrington. 2018 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel „Sober Curious“. Es ist keine Abstinenzlerbewegung. Es ist nicht die digitale Variante der Anonymen Alkoholiker oder eine neue Temperenzlerbewegung wie im 19. Jahrhundert. „Es geht uns um Inspiration, nicht um eine Mission“, sagt Bellin, der selbst maßvoll trinkt. Ihm geht es um Bewusstmachung.

Tatsächlich ist der Verzicht auf Alkohol verpönt. Wer in der Kneipe ein Mineralwasser bestellt, muss sich erklären. Schwanger? Religiöse Gründe? Trockener Alkoholiker? Bei der neuen Nüchternheit geht es um das Glück der Entsagung. Um das Gefühl, Macht über eigene Entscheidungen zu haben. Nicht mithalten zu müssen bei der montäglichen Prahlrunde über das Ausmaß der Selbstzerstörung am Wochenende („14 Tequila Shots und acht Bier! Alter!“).

Nur noch ein Drittel der jungen Erwachsenen bis 25 trinkt „regelmäßig“ Alkohol. Vor allem junge Frauen lehnen dankend ab. Unter Jugendlichen ist Alkohol die Ausnahme geworden. 1980 tranken noch mehr als 30 Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren „regelmäßig“. Im Jahr 2007, auf dem Höhepunkt der Alkopop-Krise, als das halbe Land über „komasaufende“ Minderjährige diskutierte, waren es 16 Prozent. Heute sind es noch 4,6 Prozent.

„Sober Curiosity ist eine lebensbejahende Bewegung, in der es um die Fitness, Reinheit und Klarheit von Körper und Geist geht“, meldet das Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Die US-Psychologin Jean Twenge glaubt gar, dass die massenhafte Verbreitung von Smartphones mit dem Rückgang des Alkoholkonsums zu tun hat. Denn die kleinen Kicks liefere jetzt das Handy, nicht mehr der „kleine Feigling“.

„Ich habe mich gefragt, ob gute Zeiten und Genuss zwangsläufig aufhören, wenn Gin Tonic und Champagner einfach keine Option mehr sind“, schreibt die Autorin Susanne Kaloff in ihrem Buch mit dem Titel „Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“. Sie liebe Champagner, schreibt sie, „weil ich mich in der Sekunde, in der das Prickeln die Blutbahn erreicht, wie die coolste Sau unter der Sonne fühle“. Sie war nie Alkoholikerin. Trotzdem wollte sie wissen, wie sich das Leben „ohne“ anfühlt. Und? Sie blieb dabei.

In New York können Sobriety-Anhänger in der „Listen Bar“ oder im „Getaway“ in Brooklyn einkehren. Dort gibt es seit diesem Jahr für 13 Dollar „Mocktails“ (Cocktails, die „so tun als ob“) wie „Autumn in New York“ mit Apfelessig, Minze, Kurkuma, Kardamom, Zitrone, veganem Eischnee aus Kircherbsen-Kochwasser und Bitter. Oder „A Trip To Ikea“ mit Preiselbeere, Zitrone, Vanille, Holunderblütentonic, Sahne und Kardamom. In London wird das alkoholfreie „Mindful Drinking Festival“ im Januar 2020 wieder mehr als 10 000 „Healthy Hipster“ anlocken. Noch hat die „Wellness Revolution“ (Ruby Warrington) die Sphäre des urbanen Hipstertums nicht verlassen. Aber die Industrie umarmt den Trend sofort: Der CocaCola-Konzern testet seit diesem Jahr unter der Dachmarke „BAR NØNE“ alkoholfreie Mixgetränke für Bars.

Die vorsätzliche Rauschlosigkeit passt natürlich perfekt zum asketischen Furor unserer Zeit. Kein Alkohol. Kein Fleisch. Kein Fast Food. Kein Zucker. Kein Rauchen. Und immer öfter auch: kein Sex. Für sehr viele Menschen klingt das nach einem sehr traurigen Leben. Für manchen dagegen klingt es wie eine Verheißung: eine Chance auf ein besseres, bewussteres Leben. Denn Alkohol bedeutet Kontrollverlust. Und in einer Welt, die ohnehin schon außer Kontrolle ist, ist Kontrollverlust nichts Erstrebenswertes mehr.

Alkohol ist noch lange nicht uncool. Aber eben nicht mehr automatisch cool. Für die Industrie sind die Zahlen ernüchternd: Der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol in Deutschland lag 1980 bei 15,1 Litern. Im vergangenen Jahr waren es „nur“ noch 10,6. Vor 50 Jahren trank jeder erwachsene Deutsche im Schnitt 146 Liter Bier pro Jahr – heute sind es noch 102. Alkoholfreies Bier boomt, während Silvestersekt immer seltener wird: Der Schaumweinabsatz sinkt konstant.

In Zeiten des Überflusses ist Selbstbeschränkung etwas Stimulierendes. Sich Dinge zu versagen erzeugt einen wohligen Stolz auf die Macht über das eigene Selbst. Die multioptionale Lifestylegesellschaft provoziert geradezu Abwehrreflexe. Weniger ist wieder mehr. „Ich fühle mich in Tante-Emma-Läden wohler als in riesigen Supermärkten“, sagt DJ Bellin. Auf Insta-gram sammeln sich unter Hashtags wie #bestrong, #selflove oder #detox die Erfolgsgeschichten der Entsagung. „Wir definieren uns heute nicht mehr so sehr durch das, was wir tun“, sagt der Brite Ben Branson, Pionier der Null-Prozent-Drinks, „sondern durch das, was wir nicht tun.“

Minimalismus als Menschwerdungsprojekt: Unter Silicon-Valley-Managern verbreitet sich gar der Trend des „Dopamin-Fastens“. Dopamin ist als eines der „Glückshormone“ im Körper für die kleinen Freudenkicks verantwortlich. Die Fastenden versagen sich an einem Tag in der Woche alles, was Freude macht: Essen, Alkohol, Musik, Tanzen, Sport, Videospiele und sogar menschliche Kontakte. Gründer James Sinka hofft, dass die menschliche „Hormonsucht“ dadurch abklinge und Glücksgefühle danach wieder stärker sind. Es ist eine der extremsten Spielarten der Entsagung.

Wird Trinken also das neue Rauchen? Fliegen das neue Fleischessen? Böllern das neue Kiffen? Worin soll die verbliebene Freude eines glutenfreien, laktosearmen, zuckerlosen, alkoholfreien, kohlehydratreduzierten, elektrisch angetriebenen und glückshormonarmen Lebens bestehen? Im Aushalten? Das alles kollidiert heftig mit der deutschen Eckkneipenkultur. Fakt aber ist: Das Bewusstsein für die Gesundheit des eigenen Körpers und des Planeten wächst. In der Generation der Millennials, der zwischen 1981 und 1996 Geborenen, pflegt man beides mitunter mit quasireligiöser Inbrunst.

Der Organic-Vegan-Sober-Clean-Lifestyle kann Züge des Wahnhaften annehmen. Das wirkt auch provozierend. Die Elterngeneration ist verwirrt. Eine Kneipe ohne Alkohol? Ist das nicht wie ein Wald ohne Bäume? Ein Schwimmbad ohne Wasser? Und müssen diese jungen Leute immer so vernünftig, pragmatisch und verkopft sein? Können die sich nicht mal locker machen? Sonst trinkt die Welt in 20 Jahren auf dem Oktoberfest Rhabarbersaftschorle und Mandelmilch! Aber der Druck der Jüngeren, nach neuen Formen des Arbeitens, Reisens, Wirtschaftens, Feierns und Zusammenlebens zu suchen, erwächst auch aus der Tatsache, dass diese Generation die erste seit dem Zweiten Weltkrieg ist, der es wirtschaftlich eben nicht besser geht als ihren Eltern. Für sie ist „Weiter so“ keine Option.

Gideon Bellins Partys finden übrigens nur an Wochentagen statt. Ohne Vorglühen. Ohne Kater. Und am nächsten Morgen geht’s wieder in die Vorlesung oder ins Büro. Das klingt nach dem perfekten Partymodell für die Leistungsgesellschaft, die sich ständig optimiert und selbst ausbeutet. Und sehr brav. In Wahrheit aber ist es ganz anders: Keinen Alkohol zu trinken ist heute mehr Rebellion als sich zu betrinken.

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