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"Ich hatte erst den Traum, dass Menschen zu der Musik tanzen, die ich auflege", erzählt DJ Bobo.

DJ Bobo

"Das Nichts ist das Wichtigste"

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Das habe er zum Glück rechtzeitig erkannt, sagt René Baumann alias DJ Bobo. Ein Gespräch über die Kunst, sich die richtigen Ziele zu setzen und dem eigenen Kind zu erklären, dass man auch ohne Ferrari glücklich sein kann.

Als Künstler bietet DJ Bobo das ganz große Kino: Opulente Bühnenbilder, durch die Tänzerinnen und Tänzer in fantasievollen Kostümen schwirren wie ein Schwarm Paradiesvögel, dazu ausgefeilte Lichtspiele und treibende Bässe. Abseits der Bühne braucht es keine großen Gesten. Zum Interview im hippen Weltenbummler-Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel trägt René Baumann, wie DJ Bobo im bürgerlichen Leben heißt, Jeans und Kapuzenjacke, das Lächeln einnehmend, die Ausstrahlung sehr entspannt. Kein Wunder, denn auch wenn sein DJ Bobo gern belächelt wird: Er steht seit 30 Jahren auf der Bühne und füllt mit seinen Shows regelmäßig die großen Arenen. Und wenn er nicht selbst auf Tour ist, entwickelt er für Schlagerstar Andrea Berg die Bühnenshows. Und dazwischen? Nimmt er sich die Zeit zum Nichtstun, zum Nachdenken und manchmal auch, wie er sagt, zum Träumen. 

Herr Baumann, 1989 erschien Ihre erste Single. Erinnern Sie sich noch an die Träumereien, zu denen Sie sich in der Anfangszeit als DJ Bobo hinreißen ließen? 
Meine Träume damals waren ja überschaubar, fast naiv: Ich wollte eine Platte aufnehmen und die dann in der Disko auflegen. Und ich habe einfach daran gearbeitet, bis es so weit war. Gut, der erste Song war wirklich Grütze. Aber ich hab’s gemacht! Und dann ging es weiter, Schritt für Schritt.

Gemessen an Ihrem Erfolg scheint es gar nicht verkehrt, ein bisschen naiv zu sein. 
Die erste Single musste ich ja selbst pressen, weil sie keine Plattenfirma wollte – da hat mir die Naivität sicher auch geholfen, mich nicht entmutigen zu lassen. Aber vor allem habe ich damals eines gelernt: Sich ein Ziel so zu stecken, dass man es erreichen kann, ist etwas vom Weisesten, was man im Leben tun kann. Denn wenn du dir das Ziel zu hoch steckst, dann scheiterst du – und bist frustriert. 

Haben Sie diese Art von Frust später noch kennengelernt?
Nicht wirklich. Aber ganz viele Künstlerkollegen sind dauerfrustriert, egal wie erfolgreich sie sind. Und ich frag‘ mich dann: Was ist dein Problem? Andererseits wird uns ja auch suggeriert, dass du nur einen guten Moment brauchst und dann bist du von null auf 200. Aber in Tat und Wahrheit ist es immer ein beschwerlicher Weg ans Ziel. In unserer Branche sowieso.

Aber heute ist es doch tatsächlich einfacher, ein Star zu werden. Kamera an, irgendwas gemacht und online gestellt – und wenn es genug Leute gut finden, dann lässt der Ruhm nicht lange auf sich warten…
Ja und Nein. Ganz früher haben mich junge Menschen gefragt, wie kann ich meine erste Platte aufnehmen? Fünfzehn Jahre später haben sie mich gefragt: Wie werde ich ein Star? Das sind ganz unterschiedliche Fragen – aber gemeint haben sie das Gleiche. Deshalb muss auch die Gesellschaft darüber sprechen, wie wichtig es ist, sich die Ziele so zu stecken, dass man sie erreichen kann.

Sie sind ja nun schon fast drei Jahrzehnte sehr erfolgreich. Was hat sich geändert in der Branche, etwa durch das Internet, das schier unbegrenzte Möglichkeiten bietet, aber eben auch verzerrt, wie viel Arbeit hinter dem Erfolg steckt? 
Es geht auch um die Wertigkeit. Star sein ist ja kein Berufsbild. Und nur weil ein paar tausend Leute gut finden, was du machst, bist du noch kein Star. Ich hatte nie das Ziel, in die Charts zu kommen oder große Arenen zu bespielen. Es waren aber dann doch alles logische Schritte. Ich hatte erst den Traum, dass Menschen zu der Musik tanzen, die ich auflege. Dann wollte ich, dass sie zu meiner Musik tanzen. Aber das hat vier Singles gebraucht. Die ersten drei Singles haben nicht funktioniert, obwohl ich alle Tricks versucht habe.

Was kann man denn da tricksen?
Naja, das Lied davor ein bisschen leiser machen, damit meins dann richtig abgeht.

Mit Verlaub: ein billiger Trick …
Ich weiß, hat ja auch nicht funktioniert. Aber irgendwann hatte ich das Ziel dann doch erreicht. Und trotzdem hat es danach noch neun Jahre gedauert, bis ich mein erstes Konzert in einer großen Arena gegeben habe. Was aber auch wieder gut war, weil ich in dieser Zeit in Ruhe lernen konnte. Ich konnte Fehler machen und mich wieder aufrappeln. Wenn heute Leute durchstarten, dann sind sie plötzlich ganz oben und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Und wenn sie kurz darauf wieder unten sind, wissen sie auch nicht, wie ihnen geschieht. Sie haben nichts falsch gemacht, aber es will sie keiner mehr sehen. Das ist eine harte Erfahrung.

Die Ihnen erspart geblieben ist. Könnte man sagen, die Zeit hat Ihnen in die Karten gespielt? 
Damals war die Zeit ein guter Freund. Mein erster Hit hat ein halbes Jahr gebraucht von der Tanzfläche in die Charts. Da sind die Menschen in den Plattenladen gegangen und haben gesagt, sie hätten gerne dieses Lied. Und das waren irgendwann so viele, bis der Verkäufer total genervt bei den Plattenfirmen nachgefragt hat, wer denn bitte dieses Lied hat. 

Ist es schwer, dieses Prinzip der kleinen Schritte durchzuhalten, wenn aus einer Figur wie DJ Bobo ein Unternehmen geworden ist?
Es geht immer um die richtige Balance von echtem Leben und Bühnenshow. Am Anfang wollte ich, dass die Leute nicht aufhören, zu tanzen. Inzwischen ist mir das Wohl der Familie und mein eigenes viel wichtiger. Ich hatte das Ruder schon immer in der Hand, aber es war eine gute Entscheidung irgendwann zu sagen, ich mache eine Tour und dann zwei, drei Jahre Pause. Das hat mir gut getan, nicht nur, weil ich in diesen Auszeiten die Kinder aufwachsen sehen konnte, sondern auch, weil es mich immer noch hungrig sein lässt, sodass ich sagen kann: Yeah, es geht wieder auf Tour! Das hat mich sicher auch vor einem Burnout oder ähnlichem bewahrt. Böse Zungen behaupten sogar: Deshalb bin ich kein Megastar. 

Naja …
Doch, wirklich. Es hat mal eine Schweizer Zeitung geschrieben, dass ich auch wegen meiner großen Pausen immer bleiben werde, was ich bin: DJ Bobo. Zuerst war ich beleidigt. Aber beim zweiten Mal lesen dachte ich: Cool, genau! Ich will genau der bleiben, der ich bin. Für mich spielt dieser Unterschied Star und Megastar keine Rolle. Es ist alles gut so. Nehmen Sie Michael Jackson oder George Michael, da sehen Sie, wo das hinführt, wenn man dieses bedingungslose Alleswollen nicht mehr unter Kontrolle hat. Dein Umfeld bestimmt deinen Tagesablauf und dein Handeln. Du bist umgeben von Leuten, die an dir wirtschaftlich partizipieren und logischerweise nur dein Bestes wollen: dein Geld. 

Aber das ist ja auch Teil der Abmachung…
Klar. Das sind auch alles keine schlechten Menschen. Aber sie raten dir eben nicht, mal zwei Jahre Pause zu machen. Es gibt nicht so viele junge Künstler mit dem Selbstbewusstsein einer Adele oder eines Ed Sheeran, die einfach sagen, ich mach jetzt mal ein paar Jahre nichts. Das ist genau richtig, denn wenn man die ganze Zeit unter Druck ist, dann ist man ja irgendwann auch nicht mehr kreativ. Man braucht diese Auszeiten, um überhaupt neue Ideen zu bekommen. Das Nichts ist das Wichtigste! 

Das Nichts?
Ja, denn das Nichts lädt die Batterien auf. Du denkst ja mit 25, dein Akku ist immer voll. Aber irgendwann habe ich erkannt, dass mir die Natur fehlt. Ich war als Kind viel draußen, dann ganz lange nicht oder nur sehr wenig – und plötzlich habe ich gemerkt, wie da draußen meine Batterien aufladen. Es hat alles genau gepasst. In diese Zeit fiel auch die Entscheidung, eine Familie zu gründen. 

Sie sind natürlich privilegiert: Erfolg bringt Geld, und Geld bringt Unabhängigkeit. 
Aber viele Künstler, mich eingeschlossen, treibt ja nicht das Geld. 

Es ist aber mindestens ein netter Nebeneffekt …
Schon, aber der Hauptantrieb ist doch das Geliebtwerden. Der Applaus, die Emotionen der Menge. Und dennoch hatte ich da nie einen Komplex, ich musste mir da nichts holen, was mir immer gefehlt hat.

Sondern?
Kreativ zu sein, etwas Neues zu schaffen, das war für mich immer das Privileg. Ich kenne Künstler, die wollen einfach nur auf die Bühne und ihre Show machen. Das ist der Moment, für den sie leben. Ich mag mich zwar auch in dem Moment, wenn ich auf der Bühne stehe und merke, was die Leute da draußen für eine Freude haben. Aber für mich ist dieser Prozess, diese Zeit, in der ein Album oder eine Tour entsteht, noch viel spannender. Das ist für mich der Hauptantrieb. 

Und die Familie ist die Basis? Weil da die Liebe immer da ist, von Anfang an?
Das ist natürlich ein Satz, den jeder sagt, der eine Familie hat: Als mein erstes Kind geboren wurde, da wusste ich plötzlich, warum ich auf der Welt bin. Das ist so banal, aber eben auch so existenziell. Und es ist eine Form der Erdung, die ist gerade für Menschen, die auf der Bühne stehen, eine wichtige Erfahrung. 

Warum gerade für diese?
Vorher denkst du, du bist unglaublich speziell, wenn du da oben stehst. Ich hatte auch eine Zeit, als ich die ersten Hits gelandet habe, da dachte ich: Ui, irgendwas musst du ja haben, dass die alle so ausflippen. Aber es ist immer ein Mix, aus dem Song, dem richtigen Zeitpunkt, den Bildern im Fernsehen. Du musst erstmal checken, dass du nur ein kleiner Teil des Ganzen bist. 

Vielleicht ist es für den Star, der es gewohnt ist, dass ihm die Welt zu Füßen liegt, auch eine neue Erfahrung, dass die eigenen Kinder nicht immer toll finden, was man macht. Naschereien verbieten, Schlafenszeit, später finden sie die Musik doof, die Papa macht…
Natürlich, Kinder bringen dich an deine Grenzen. Man möchte ja gute Eltern sein. Ich hab gerade eine Fernsehdoku über mich gesehen, die vor ein paar Jahren gedreht wurde. Da wurde ich gefragt, was mein größtes Ziel wäre. Meine Antwort war: Wenn meine Kinder irgendwann sagen, mein Papa war mein großes Vorbild. 

Und? Wird das was?
Eltern und Kinder, das ist immer speziell. Meine Eltern hatten ja noch den Spruch auf Lager, dass es uns einmal besser gehen soll als ihnen. Da habe ich mich immer drüber aufgeregt. Denn meine Mutter hatte es ja eigentlich schon gut, aber sie war damit nicht zufrieden, so wie viele in dieser Generation. 

Haben Ihre Eltern auch gesagt: Bub, lern was Anständiges?
Ja, aber das hätte ich sowieso gemacht. Weil alle im Dorf eine Lehrstelle hatten und ich der einzige war, der nicht wusste, was er machen sollte. Da war ich ganz dankbar, dass es in der Dorfbäckerei eine Lehrstelle gab. 

Weil Sie dann ein bisschen Zeit gewinnen konnten?
Vor allem war ich nicht der Loser vom Dienst. Ich hatte mit 15 halt einfach noch keinen Plan. Freude am Leben? Ja! Aber: ein Beruf? Zum Glück war der Lehrmeister freundlich zu mir. Er hat mir gesagt, du bist ein Guter, du kannst die Lehrstelle haben. Ich habe diese Lehre auch nur wegen ihm fertig gemacht. Ich war weder talentiert noch fleißig genug – aber er hat mich so genommen, wie ich war, und das hat mich motiviert. Und mit 17 wusste ich dann schon: Ich will Musik machen. Breakdance, Platten auflegen, das war meine Passion! Ob ich damit jemals Geld verdienen würde, war mir gar nicht so wichtig. 

Wie halten Sie es mit Ihren Kindern? Sollen die auch erst mal eine Lehre machen?
Mein Sohn ist jetzt 16 und hat mich kürzlich gefragt, wie es eigentlich wäre, wenn er nicht mehr zur Schule ginge. Da habe ich gesagt, dann musst du dir überlegen, wie du über die Runden kommst. Im Moment kriegt er Taschengeld, von dem er alles selbst bestreiten muss, Klamotten kaufen, Ausgehen, alles. 

Und er wollte mal vorfühlen, ob diese Quelle versiegt, wenn er die Schule schmeißt?
Genau, und ich habe ihm dann gesagt, so lange du zur Schule gehst, wird diese Quelle sprudeln – im gleichen Maße wie jetzt. Wenn du aber aufhörst und rumhängst, dann musst du dir die Kohle selbst verdienen. Wie du das machst, das kannst du dann schauen. Jetzt schaut er sich ein bisschen um. Was draus wird, weiß ich nicht.

Er weiß sicher, dass Sie viel Geld verdient haben. Wenn Sie jetzt sagen: keine Schule – kein Taschengeld? Glaubt er das?
Ja, er kennt mich und weiß, dass ich das durchziehe. Er fängt deshalb auch an, mit seinen Kumpels Pläne zu schmieden. Letztens sagte er mir, er würde gerne eine Shisha-Bar aufmachen. Ich habe gelächelt und gesagt: Aha. Dann mach mal.

Sie scheinen nicht sonderlich begeistert?
Naja, die spinnen jetzt eben ein bisschen rum. 

Ist es mühsam, in einem Kind das Bedürfnis zu wecken, sein Leben selbst zu gestalten, obwohl so viel Geld da ist, dass man nicht mal arbeiten gehen müsste? 
Ich habe da schon vor vielen Jahren mit meiner Frau drüber gesprochen. Das war zu der Zeit, als Bill Gates bekannt gegeben hat, seinen Kindern nur einen kleinen Teil seines Vermögens zu vererben und den Rest in eine Stiftung einzuzahlen. So konkret haben wir das nicht festgemacht, aber wir sind uns einig, dass wir ihnen kein Geld einfach so geben. Weil wir gespürt haben, wir versauen ihnen ihr Leben, wenn wir ihnen jede Möglichkeit nehmen, Selbstbewusstsein und Kreativität zu entwickeln. Was wir unseren Kindern zum Glück schon jetzt vermitteln konnten ist die Erkenntnis: Wenn das Konto leer ist, dann geht auch nichts mehr. Es gibt ja immer wieder Jugendliche, die mehrere tausend Franken Schulden haben. Diesen Gedanken finden meine Kinder furchtbar. Sie kennen ihr Limit, sie wissen, was die Dinge kosten und was sie ihnen wert sind. Das macht mich sehr froh

Bekommen Sie von Ihren Kindern manchmal eine Empfehlung, was Sie sich doch bitte mal kaufen sollten? 
Kürzlich hat mein Sohn gefragt, warum ich mir eigentlich kein richtiges Auto kaufe. Und ich habe gesagt: ich bin total happy mit unserem Auto, das hat Allrad, im Winter komme ich überall durch. Er war dann recht empört und sagte: Du weißt genau, was ich meine! Warum kaufst du dir nicht mal ein Traumauto?! Und dann standen wir an einer Tankstelle, neben der ein Ferrari-Händler ist. Mein Sohn sagte: Gefällt dir das nicht? Und ich habe gesagt, doch, wow, sieht super aus. Und, wollte er wissen, warum kaufst du es dir nicht? Ich war dann einen Moment still, weil ich gemerkt habe: für ihn passt nicht zusammen, dass ich mir so ein Auto kaufen kann, es aber nicht mache. Und ich fand es schwierig zu erklären, warum ich es nicht kaufe, obwohl ich es könnte. 

Und, wie ging das aus?
Ich habe ihm gesagt: Das bin nicht ich, in einem roten Ferrari. Ich fühle mich im Geländewagen wohler. Vielleicht ist das mein Mittelmaß, mit dem ich glücklich bin. Später wurde mir klar, das war mein Versuch, ihm zu erklären: Du bist dann erfolgreich, wenn du mit dir im Reinen bist, wenn es für dich stimmt. Nicht, wenn die anderen sagen, schau, was der hat.
 
Interview: Boris Halva

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