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Türchen Nummer 11.

FR-Adventskalender

Nichts für schwache Nerven

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Hinter unserem Türchen Nummer 11: Der Podcast „Verbrechen“.

Letztlich war Amelie Schuld. Besser gesagt ihre Geschichte, in der es um falsche Anschuldigungen, angeblich sichere (in Wahrheit aber haarsträubende) Indizien und einen katastrophalen Justizirrtum geht. Ich steckte im Zug zwischen Kassel und Frankfurt fest, draußen war es dunkel, drinnen war es kalt, und ich sehnte mich nach Ablenkung.

Weil ich kein Buch dabei hatte, bemühte ich Google und stieß über Umwege auf „Fehlurteil: Unschuldig im Gefängnis“, eine Folge des Podcasts „Verbrechen“. Fasziniert von der Geschichte um eine (wie sich später herausstellt erfundene) Vergewaltigung, merkte ich viel zu spät, dass „Unschuldig im Gefängnis“ die erste von vier zusammenhängenden Folgen war, die alle schon online waren. Noch am selben Abend musste ich sie alle hören.

In den USA erfreuen sich „True Crime“-Stories schon länger großer Beliebtheit, und seit einiger Zeit haben die Geschichten über echte Verbrechen auch in Deutschland viele Fans. Vor allem bei Podcasts ist das Angebot groß, „Verbrechen“ ist einer davon. Im Mittelpunkt stehen Geschichten über Kriminalfälle, die Redakteurinnen und Redakteure der Wochenzeitung „Die Zeit“ recherchiert haben. Alle zwei Wochen erscheint eine neue, etwa 45-minütige Folge, in der die stellvertretende Chefredakteurin, Sabine Rückert, und der Leiter des Wissenschafts-Ressorts, Andreas Sentker, über die Fälle und die Hintergründe sprechen.

Wer schon in friedlich-besinnlicher Vorweihnachtsstimmung schwelgt, sollte den Podcast allerdings erst nach den Feiertagen hören. Denn erzählt werden nicht nur Geschichten von erfundenen Vergewaltigungen, sondern auch von zerstückelten und in Mülltüten eingewickelten Leichen, toten Kindern in Kühlschränken und brutalen Serienmördern. Es geht aber – und das macht den Podcast hörenswert – stets um mehr als nur um die Kriminalfälle.

Es geht immer auch um die Geschichten hinter diesen Fällen. Wer sich den Podcast anhört, erfährt zum Beispiel, warum so viele Gewalttaten in Deutschland unentdeckt bleiben und was das Besondere bei Jugendstrafverfahren ist.

Rückert und Sentker nähern sich den Fällen gleichzeitig auch aus soziologischen und psychologischen Perspektiven. Denn wenn es um Kriminalität geht, geht es immer auch um unser Zusammenleben, um die Gesellschaft und ihre Verfassung. Hinter jedem Verbrechen stehen schließlich Menschen, und die haben ihre ganz persönlichen Geschichten und Erfahrungen – vor allem im Zusammenleben mit anderen.

Hinwegsehen über, beziehungsweise überhören, müssen die Hörerinnen und Hörer von „Verbrechen“ allerdings, dass Rückert und Sentker in manchen Folgen etwas vorschnell über die Beteiligten befinden und man selbst dementsprechend nicht mehr ganz unvoreingenommen ist, was den Fortgang der Geschichte angeht. Außerdem sind keine Expertinnen und Experten, etwa aus der Gerichtsmedizin oder der Justiz, eingeladen – obwohl sie so oft Thema sind.

Dafür sind immer die Redakteurinnen und Redakteure im Podcast zu Gast, die sich mit den Fällen beschäftigt haben und von ihren Recherchen erzählen – auch wenn die manchmal ziemlich mühsam sind.

So zum Beispiel bei der Geschichte über eine halbverbrannte Frauenleiche, die in den 1970er Jahren in Norwegen gefunden wurde. Was die Polizei stutzig machte: Nicht nur aus ihren Kleidern, sondern auch von sämtlichen Gegenständen, die sie bei sich hatte, waren die Etiketten entfernt. Diese und die weiteren Umstände des Falls waren höchst mysteriös, weswegen diese Geschichte auch jenen zu empfehlen ist, die nichts von Mord und Totschlag wissen wollen.

„Die Tote im Eistal“ gehört zu den besten der mittlerweile mehr als 40 Folgen – und ist gleichzeitig die einzige, bei der am Ende die großen Fragen immer noch offen sind: Bis heute ist ungeklärt, wer die Frau war, und wer sie warum getötet hat.

„Verbrechen“zu hören über gängige Apps wie den iTunes-Podcatcher, Spotify oder Deezer.

Hör mal! Keine Sorge: „Last Christmas“ wird hier definitiv nicht auftauchen. Trotzdem begeht Ihre FR den Advent diesmal akustisch. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen gefragt, was sie nicht nur unter der Tanne gerne hören – und was es rund um ihre liebsten Podcasts, Hörbücher und Hörspiele zu erzählen gibt. Unser Adventskalender.

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