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Installationsansicht im Münchner Haus der Kunst.

Ausstellung

Nichts als die Kunst

  • vonPatrick Guyton
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In München werden Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern mit kognitiven Einschränkungen gezeigt. „Die Schau steht aber nicht im Kontext sozialen Engagements“, sagt die Kuratorin.

Das Athosland ist ein helles, freies und großes Land“, sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. „Es hat ein riesiges Eisenbahnnetz.“ Es sind Sätze des Künstlers Michael Golz, sein Gemälde wird auf die Wand projiziert. Zu sehen ist ein riesiges Landkartengewirr: mäandernde Flüsse, Siedlungen, Wiesen, mit Höhenlinien angedeutete Berge, Straßen – und viele Eisenbahnschienen.

Schon seit 1974 arbeitet Golz an seinem „Athosland“, und es wird immer größer. Der 1957 geborene Künstler hat eine kognitive Einschränkung, wie es auf der Texttafel im Münchner Haus der Kunst (HdK) heißt.

Den Werken solcher Künstlerinnen und Künstler widmet sich eine kleine, aber sehr sehenswerte Ausstellung in dem Haus am Englischen Garten. Per Videoprojektion werden in einem Raum 100 Bilder von 58 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt. Sie stammen aus dem Fotomaterial des Münchner Euward-Archivs.

Es handele sich um „herausragende Arbeiten von Künstlern mit geistiger Behinderung“, schreibt die Augustinum-Stiftung, die seit 20 Jahren den Euward-Preis verleiht. Dieser ist laut HdK „der erste Kunstpreis von internationalem Rang für Kunst im Kontext kognitiver Einschränkung“.

Die Bilder der Schau sind so vielfältig wie wunderschön. Teils farbenfrohe Gemälde, teils schwarz-weiße Zeichnungen, gegenständlich oder abstrakt. Der Künstler Dimitri Pietquin aus dem belgischen Sambreville zum Beispiel hat einen großen roten Bus gemalt, Giulia Zini aus Novellara in der italienischen Region Emilia-Romagna ein blaues Rhinozeros. Und Sigrid Reingruber aus Gmunden in Oberösterreich malt meist abstrakt, immer wieder werden farbige Kreise und Ellipsen zu ihren Motiven.

Auffällig ist, wie viele Künstlerinnen und Künstler großformatige, komplexe, verschachtelte eigene Welten malen. Es sind fantastische, ausufernde Monumentalwerke. Neben dem „Athosland“ gehören dazu etwa die Kugelschreiberzeichnungen des Kubaners Damian Valdes Dilla, der riesige, futuristische Stadtensembles fertigt, oder die feinst mit Bleistift gezeichneten Stadt-Land-Himmel-Panoramen des Niederländers Tim Ter Wal.

Giulia Zini: Rinoceronte Inbirinto, 2009

Bevor aber die projizierten Bilder im hinteren Teil des großzügigen Raumes zu sehen sind, schafft die Kuratorin Sabine Brantl beim Eintreten erst einmal einen harten Kontrast. Filmaufnahmen und Fotografien vom 1937 eröffneten einstigen „Haus der Deutschen Kunst“ sind zu sehen – dem von Adolf Hitler in Auftrag gegebenen Nazi-Bauwerk, in dem sich seit der Nachkriegszeit das HdK befindet.

Zu sehen ist etwa das Gebäude mit großen Hakenkreuzfahnen, schwarzen Limousinen bei der Eröffnung. Fotos von Ausstellungen mit „deutscher“ Kunst, mit lieblichen Landschaften und Skulpturen von röhrenden Hirschen.

Im Gegensatz dazu hat Kuratorin Brantl auch einen Filmausschnitt über die NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ in München ausgewählt, in der die Moderne geschmäht und verteufelt wurde: Kandinsky, Kirchner, der Dadaismus – „geisteskrank und pervers“ nach Auffassung der Nazis. Zu sehen ist, wie sehr viele Besucherinnen und Besucher bei freiem Eintritt in dieses Ausstellungs-Hetzwerk gehen. Und nun im selben Haus also die Euward-Bilder.

Die Originale allerdings waren nicht herbeizubringen, so Brantl. „Das Euward-Archiv hat sie nicht. Sie sind teils verkauft, bei den Künstlern oder existieren nicht mehr“, sagt die Kuratorin. Bewusst werden die Biografien der Künstlerinnen und Künstler, ihre Behinderungen und Lebensumstände in der Ausstellung weitgehend ausgespart. „Die Schau steht nicht im Kontext sozialen Engagements“, sagt Sabine Brantl, „sondern im Kunstkontext.“

Dass Menschen mit geistigen Behinderungen großartige Kunst schaffen können, steht mittlerweile außer Frage. Im Jahr 1999 allerdings war das noch nicht der Fall. Als die Augustinum-Stiftung, die ansonsten im Wesentlichen noble Seniorenheime betreibt, beim damaligen HdK-Direktor Christoph Vitali erstmals anfragte, lehnte dieser mit der Begründung ab, Behinderung sei ein „kunstfremdes Kriterium“.

Nun aber stellt das HdK fest, dass diese Kunst – frühester Vorläufer ist die „Art brut“ in den 1940er Jahren in Frankreich – in der Öffentlichkeit immer mehr Aufmerksamkeit erfährt. Kuratorin Sabine Brantl sieht dennoch zu wenig Engagement, die Künstlerinnen und Künstler fachlich zu fördern. An Kunsthochschulen etwa können sie nicht studieren.

Haus der Kunst in der Münchner Prinzregentenstraße: bis 25. April 2021. www.hausderkunst.de

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