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Nicht zu vergessen

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Von: Alisha Mendgen

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Am 15. Oktober 2017 setzte Schauspielerin Alyssa Milano einen Post ab, der die Welt veränderte. C. Carlson/dpa © Chris Carlson/AP/dpa

Es ist ruhig geworden um #MeToo. Manchen Frauen scheint es, als wolle sich kaum jemand daran erinnern. Ihnen selbst aber bleibt das Erfahren sexueller Gewalt ewig präsent. Rückblick auf die Anfänge einer Bewegung.

Mit den Investigativrecherchen der „New York Times“ und des „New Yorkers“ hat es angefangen. Beide US-Publikationen berichten im Oktober 2017 über sexuelle Nötigungen und Vergewaltigungen durch Harvey Weinstein. Doch erst ein Hashtag gibt der Bewegung ihren Namen: #MeToo.

„Wenn Sie sexuell belästigt oder angegriffen wurden, schreiben Sie ‚Ich auch‘“, postete Schauspielerin Alyssa Milano am 15. Oktober 2017 auf Twitter. Die Idee des Hashtags geht auf die Aktivistin Tarana Burke zurück, die bereits seit 2006 mit diesem Schlagwort auf sexualisierte Gewalt aufmerksam macht.

Millionen Frauen und einige Männer folgen dem Aufruf von Milano und teilen ihre Erfahrungen von Missbrauch, Vergewaltigung, Belästigung. Viele Opfer trauen sich erstmals öffentlich, ihre mutmaßlichen Peiniger zu benennen. Einige Namen fallen gleich mehrfach, darunter Kevin Spacey, Harvey Weinstein und US-Präsident Trump, in Deutschland Dieter Wedel. Die Vorwürfe gegen den einstigen Filmproduzenten Weinstein überraschen 2017 in Hollywood nur wenige,

Sein Verhalten scheint lange ein offenes Geheimnis gewesen zu sein. Viele Schlüsselfiguren der #MeToo-Bewegung, darunter die Schauspielerinnen Rosanna Arquette, Ashley Judd und Gwyneth Paltrow, erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Medienmogul. Insgesamt werfen ihm rund 100 Frauen Übergriffe vor. Infolgedessen verliert Weinstein Karriere, Macht und Ehefrau.

Der erste Prozess beginnt im Januar 2020 in New York City. Die Jury spricht Weinstein einen Monat später wegen Vergewaltigung und kriminellen sexuellen Handlungen schuldig. Er soll 23 Jahre in Haft, sein Anwalt will in Berufung gehen. Momentan sitzt Weinstein in einem Gefängnis im Bundesstaat New York.

Ob es bei nur einer Verurteilung bleibt, ist allerdings fraglich. In Los Angeles muss Weinstein sich ebenfalls vor Gericht verantworten, unter anderem wegen Vergewaltigung in vier Fällen. Die Staatsanwaltschaft fordert die Überstellung Weinsteins nach Kalifornien. Doch wegen der Corona-Pandemie ist das erst mal aufgeschoben.

Die Nachbeben des Weinstein-Skandals werden auch „Weinstein-Effekt“ genannt, Schauspieler Kevin Spacey spürt sie bis heute. Anthony Rapp, ebenfalls Schauspieler, wirft Spacey 2017 in einem „Buzzfeed“-Interview vor, er habe ihn 1986 betrunken angemacht. „Er hat versucht, mich zu verführen“, so Rapp. Damals sei Spacey 26 Jahre und Rapp 14 Jahre alt gewesen. Spacey entschuldigt sich prompt auf Twitter.

Wenige Monate später kommen weitere Anschuldigungen hinzu, auch Mitarbeiter der Erfolgsserie „House of Cards“, in der Spacey die Hauptrolle spielt, melden sich mit Vorwürfen der sexuellen Übergriffe. Spacey muss die Serie verlassen. Juristisch gesehen aber erlebt er bis heute wenig Konsequenzen. Zwei strafrechtliche Prozesse 2019 gingen ins Leere. Doch im September dieses Jahres verklagen Rapp und ein weiter Mann, der anonym bleibt, Kevin Spacey. In London ist der Schauspieler ebenfalls Teil von Untersuchungen, bisher gibt es allerdings keine Anklage. Zwischenzeitlich teilt Spacey bizarre Videos auf sozialen Netzwerken. Darin schlüpft er zurück in seine „House of Cards“-Rolle des Frank Underwoods. Ansonsten wird es ruhig um den einst geschätzten Schauspieler.

Eine Einladung bekommt Spacey 2020 dann doch. Im März dieses Jahres darf er auf der deutschen Start-up-Konferenz „Bits & Pretzels“ erzählen, wie man Krisen und Unsicherheiten überwindet. Das ist überraschend, für manche empörend, denn vor drei Jahren heißt es von den Veranstalterinnen und Veranstaltern noch, dass Spacey „derzeit kein geeigneter Botschafter“ sei. Ihre diesjährige Einladung erklären die Gründerinnen und Gründer der Konferenz in einem Statement.

„Die Entscheidung über alle Anschuldigungen überlassen wir den Gerichten“, heißt es in dem Schreiben der Veranstalterinnen und Veranstalter bloß. Bis auf diese Ausnahme aber gibt es kaum mehr Nachrichten zu Kevin Spacey. In der Öffentlichkeit ist er nicht mehr präsent, ein schauspielerisches Comeback scheint äußerst unwahrscheinlich.

Der sogenannte Weinstein-Effekt kommt 2018 indes auch in Deutschland an, jedoch mit einer viel kleineren Wucht. Hierzulande dreht es sich vor allem um den Regisseur Dieter Wedel. Der mittlerweile 80-Jährige ist bekannt für Filme wie „Der große Bellheim“ oder „Gier“. In einem Bericht des „Zeitmagazins“ werfen drei Frauen dem bekannten Regisseur Übergriffe bis hin zu sexueller Nötigung vor.

Unter den mutmaßlichen Opfern Wedels ist auch die Schauspielerin Jany Tempel, die sagt, dass der Regisseur sie 1996 bei einem Vorsprechen in dem Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“ vergewaltigt habe. Wedel weist dies zurück. Die Staatsanwaltschaft München I nimmt noch im selben Monat die Ermittlungen auf, doch bis heute gibt es auch im Fall Dieter Wedel keine Anklage.

„Wann die Ermittlungen abgeschlossen werden können, lässt sich derzeit leider nicht ausreichend beurteilen“, erklärt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage. „Wir streben an, das Ermittlungsverfahren dieses Jahr abzuschließen“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Ob das klappt, hänge jedoch nicht nur von der Münchner Staatsanwaltschaft ab.

Im Jahr 2018 gibt Wedel der „Bild“-Zeitung ein Interview. „Inzwischen bin ich froh, dass es diese Ermittlungen gibt. Ich vertraue auf die Staatsanwaltschaft“, sagt er dem Blatt. Dennoch legt Wedel seine Arbeit als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele im selben Jahr nieder. 2018 habe der Regisseur eine Herzattacke erlitten, so eine Sprecherin Dieter Wedels.

Mindestens 24 Frauen werfen auch US-Präsident Donald Trump sexuelle Übergriffe vor, darunter Vergewaltigung und sexuelle Belästigung. Doch die Anschuldigungen, die es schon vor dem ersten Weinstein-Bericht gegeben hat, scheinen an Trump abzuprallen. Der jüngste Vorwurf kommt im September 2020 von dem ehemaligen Model Amy Dorris.

Sie berichtet dem „Guardian“, Trump habe ihr während der „US Open“-Tennisturniere in New York 1997 gegen ihren Willen die Zunge in den Hals gedrückt und sie angefasst. „Seine Hände waren (…) überall, an meinem Po, Brüsten, Rücken, alles“, so Dorris damals. Trumps Anwälte bestreiten den Vorfall, genau wie alle anderen Anschuldigungen.

Donald Trump betont immer wieder, wie sehr er Frauen respektiere. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, abfällig über sie zu sprechen, wie zahlreiche Beispiele zeigen. Auch wenn der „Weinstein-Effekt“ bis heute auf den jetzigen US-Präsidenten wirkt – Konsequenzen trägt er bisher nicht. Im Gegenteil: Seit Januar 2016 bekleidet er das höchste politische Amt der Vereinigten Staaten und damit das mächtigste Amt der Welt.

Gegenüber „CNN“ sagt eine der Frauen im vergangenen Jahr: „Ich fühle mich, als wären wir die Vergessenen. Ich fühle mich, als wären wir beiseitegeschoben und vergessen worden.“ Momentan kandidiert Trump um eine zweite Amtszeit. Sein Umgang mit Frauen ist bisher kaum Thema im Wahlkampf.

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